Nur gerade drei Jahre sind vergangen, als es kurz vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise zur globalen Nahrungsmittelkrise kam. 2008 gingen in über 30 Länder Hungernde auf die Strasse und demonstrierten gegen die Lebensmittelknappheit und die steigenden Lebensmittelpreise. Mexiko, Bangladesch, Elfenbeinküste, Marokko, Mosambik, Niger, Senegal, Ägypten - die Bilder gingen um die Welt. «115 Millionen Menschen fielen auf einen Schlag extremer Armut zum Opfer», bilanzierte die Welternährungsorganisation (FAO) damals.

Am härtesten betroffen von diesen Preisanstiegen sind die Entwicklungs- und Schwellenländer. Der Nahrungsmittelindex der FAO verzeichnete zwischen 2006 und 2008 eine 71 prozentige Preissteigerung bei den essentiellen Lebensmitteln, für Reis und Getreide betrug die Steigerung sogar 126 Prozent. Nachdem die Preise daraufhin gefallen waren, steigen sie inzwischen wieder stark an und haben 2011 erneut die Höhe von 2008 erreicht.

Ausufernde Spekulationen auf den Rohstoffmärkten

Für die Nahrungsmittelpreisspitze 2007 und 2008 werden folgende Gründe häufig genannt:

• steigende Nachfrage

• der Verfall des Dollarkurses

• Vernachlässigung der Landwirtschaft

• Exportbeschränkungen in wichtigen Erzeugerländern

• Produktion von Biotreibstoffen

• schlechte Öl- und Düngemittelpreise

• schlechte Ernten

Der aktuelle Preisanstieg erklärt sich zunächst durch die Ernteausfälle in Russland, Australien und anderen Erzeugerländern. Doch die extremen Preisspitzen lassen sich durch die genannten Faktoren allein nicht erklären. Hierfür nennen viele Beobachter einen weiteren Faktor: Die immer stärker ausufernde Spekulationen auf den Rohstoffmärkten.

So funktioniert der Rohstoffmarkt

Nahrungsmittel werden auf dem Markt nicht nur direkt verkauft und gekauft, sondern es gibt den sogenannten Terminmarkt, auf dem zukünftige Ernten gehandelt werden. Ein Bauer, der nicht weiss, was seine Ernte im nächsten Jahr Wert sein wird, kann sich am Terminmarkt gegen Preisschwankungen absichern. Dabei kann im einfachsten Fall der Bauer mit dem Müller einen Preis und einen zukünftigen Liefertermin vertraglich festhalten. Diese Terminverträge heissen an der Börse Futures, ausserbörslich werden diese Verträge Forwards genannt.

Damit Bauer und Müller es leichter haben, am Terminmarkt zu handeln, gibt es Zwischenhändler. Sie wenden sich an den Bauer und bieten ihm an die Verluste zu übernehmen, sollte der Preis für Getreide deutlich sinken; sollte er jedoch deutlich steigen, geht der Gewinn an den Zwischenhändler. Der Zwischenhändler, also der Spekulant, erhebt eine Gebühr für sein Risiko und die Absicherung, die der Bauer zu bezahlen hat. Das gleiche bietet er dem Müller an. Dies bedeute zwar, dass der Getreidepreis leicht ansteigt, Bauer und Müller gewinnen jedoch Planungssicherheit.

Dazu gesellen sich weitere Spekulanten, die je nach Risikobereitschaft die Risiken und Chancen der ursprünglichen Verträge mit weiteren Futures und Forwards verteilen und vervielfachen.

Wenn Spekulanten das Feld wechseln

Auf den Nahrungsmittelmärkten gab es lange Zeit relativ wenig Spekulanten. Das hat sich jedoch seit der jüngsten Weltwirtschaftskrise geändert. Zum einen ist die Gesetzeslage während der letzten 10 Jahre zunehmend freigiebiger geworden. In den USA beispielsweise wurden es Banken und Fonds erlaubt, verstärkt auf den Terminmärkte zu handeln. Zum anderen, weil im Zug der Weltwirtschaftskrise der Immobilienmarkt zusammenbrach.

Die Spekulanten suchten einen neuen Markt - den Rohstoffmarkt. Zu diesem Andrang Marktfremder Spekulanten zählen auch Hedgefonds und Indexfonds (siehe Box). Der Zustrom von Spekulanten führt dazu, dass immer mehr Verträge abgeschlossen werden, die nichts mehr mit den Bedingungen der realen Weltwirtschaft zu tun haben.

Vom Nutzwert zur Geldanlage

In Europa spielt diese neue Art der Spekulation mit Futures eine wachsende Rolle vor allem an den Börsen in Paris und London. Am weitesten ist sie jedoch in den USA entwickelt. Dort sank der Anteil von Produzenten, Konsumenten und Händlern an den Terminverträgen von 39 Prozent im Jahr 2000 auf 15 Prozent zu Anfang 2008.

Durch den Anstieg der Spekulation mit Terminverträgen, werden Nahrungsmittel immer mehr von einem Nutzwert zu einer Geldanlage, kritisieren Beobachter. Die Preise werden immer stärker vom Finanzmarkt beeinflusst, nicht mehr von den Bedürfnissen der Menschen, Bauern und Unternehmen.

Nach der Krise die Regulierung

Die USA haben nach den schlechten Erfahrungen mit der Liberalisierung ihrer Märkte bereits begonnen, diese wieder stärker zu regulieren. Es wurde beschlossen, den ausserbörslichen Handel, wieder an die Börse zu zwingen, Positionslimits für Spekulanten zu stärken und die Spekulanten zu verpflichten, mehr Information über ihre Tätigkeit zu geben.

Quelle: WEED - Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung e.V.