Es ist ein bisschen so, als hätte Nationalbankpräsident Thomas Jordan am letzten Donnerstag überraschend das Licht angeknipst: Schlagartig bleiben sie stehen, erstarren, schauen nach links und rechts, blicken sich fragend an: Stop! Moment mal ... Was ist da eben passiert? Sie, das sind diejenigen, die sich mit Firmenübernahmen beschäftigen. In den Chefetagen der Unternehmen und in den «M&A»-Abteilungen grösserer und kleinerer Beratungen. Sie sind verunsichert. Und fangen an zu rechnen.

Jordans Lichtshow bringt sie ins Grübeln: Wie viel ist mein Unternehmen jetzt noch wert? Wie viel das, das ich eigentlich kaufen will? Die kollektive Verunsicherung legt viele geplante Firmenübernahmen auf Eis. Vorerst. Denn klar ist: Die Kassen der Schweizer Firmen für Übernahmegeschäfte sind prall gefüllt. Das waren sie schon vor letzter Woche — der starke Franken bläht sie nun zusätzlich auf. Unklar ist, was man mit dem Geld anfangen soll.

Die Unsicherheit wird sich Insidern zufolge in der zweiten Hälfte dieses Jahres legen. Dann werden wohl einige Schweizer Firmen auf Einkaufstour in Europa gehen. Vor allem diejenigen, die mit ihrer eigenen Kostenstruktur kämpfen, «werden ihre Akquisitionstätigkeit im Ausland steigern», sagt Stefan Rösch-Rütsche, Leiter der Transaktionsberatung EY Schweiz. «Die Konkurrenzfähigkeit einiger Schweizer Unternehmen hat im Vergleich zu ausländischen Konkurrenten aufgrund des Nationalbank-Entscheids abgenommen», sagt Rösch-Rütsche. Das erhöhe den Konsolidierungsdruck. «In der Folge wird es ab dem zweiten Halbjahr 2015 zu Zusammenschlüssen und Übernahmen innerhalb der Schweiz, aber auch im Ausland kommen.»

Aus 100 Millionen werden 80

Die Kombination aus vollen Kassen und starkem Handlungsdruck lässt die Firmen aktiv werden. Doch sie müssen genau rechnen. Zwar haben sie durch den starken Franken in der Tat mehr Geld zur Verfügung: «Ein Übernahmekandidat aus dem Euro-Raum, der letzte Woche noch 100 Millionen Franken gekostet hat, kostet jetzt noch rund 80 Millionen», sagt Rösch-Rütsche. Doch der Betrieb erwirtschaftet auch einen im selben Verhältnis kleineren Einnahmeüberschuss als vorher. Für den Schweizer Käufer ist dadurch per se die Transaktion nicht billiger geworden. Es sei denn, dieser spekuliert auf ein Wiedererstarken des Euros. Dann hätte er mit der Übernahme einen Gewinn erzielt. Diese Rechnung sei jedoch spekulativ, so der Experte. Dennoch würden Schweizer Firmen «den starken Franken zum Anlass nehmen, sich in Europa umzuschauen».

Dabei haben global aufgestellte Konzerne wie Novartis oder Roche weniger Handlungsdruck. «Stärker betroffen sind Mittelständler», sagt Roberto Tracia, Partner bei der Binder Corporate Finance AG. Das Beratungsunternehmen hat sich unter anderem auf Firmenübernahmen spezialisiert. Tracia sagt: «Firmen, die in der Schweiz verarbeitende Prozesse und bedeutende Fixkosten haben, werden gezwungen sein, ihre Kosten anzupassen.» Diese Firmen könnten nun bestrebt sein, verstärkt ausländische Produktionsstätten zuzukaufen. «Das könnte zur Auslagerung von einzelnen Fertigungsschritten ins Ausland bis hin zu Standortschliessungen in der Schweiz führen», sagt Tracia. Betroffen sein könnten Firmen aus der Maschinen-, Werkzeug- oder auch der Lebensmittelproduktion.

Schwierigkeiten für Verkäufer

Während für kaufwillige Firmen aus der Schweiz schon bald gute Zeiten anbrechen dürften, könnten zum Verkauf stehende Schweizer Betriebe Schwierigkeiten bekommen. «Bis zum vergangenen Donnerstag hatten wir einen Verkäufermarkt», sagt Rösch-Rütsche. Der starke Franken macht Schweizer Unternehmen weniger interessant.

Der Wechselkurs könnte potenzielle Käufer aus dem Land verscheuchen. Auf der anderen Seite könnten angeschlagene exportorientierte Betriebe auch gerade jetzt ins Schlaglicht von internationalen Interessenten rücken — denn nicht jeder erstarrt vor dem starken Franken.