Ulrich Spiesshofer hätte die Folie nicht zeigen müssen. Niemand hätte sie vermisst, wahrscheinlich hätte gar keiner nach ihr gefragt. Hätte er den aufmüpfigen ABB-Investor Cevian schonen wollen, hätte er wohl auch darauf verzichtet. Doch Spiesshofer zeigte die Folie. Darauf zu sehen: die Ergebnisse der einjährigen Überprüfung der Stromnetz-Division, die mit dem gestrigen, lang ersehnten Investorentag zu Ende ging. Genauer gesagt war es die Reihenfolge, wie die jeweiligen Optionen abgeschnitten hatten. Und die konnte Cevian nicht gefallen.

Fünf Balken zeigte die Folie. Der längste Balken, stellvertretend für das grösste Wertsteigerungspotenzial, gehörte zu Spiesshofers favorisierter Option: Die Division unter dem eigenen Konzerndach behalten. Die beiden mit Abstand kürzesten Balken, die das geringste Potenzial aufzeigen sollten, standen für die von Cevian ins Spiel gebrachten Varianten: Börsengang der Sparte und Verkauf. Der Abstand zwischen Spiesshofers Balken und den beiden unteren lässt schliessen: ein enges Rennen sieht anders aus.

Den Plagegeist ruhiggestellt

Ob gewollt oder nicht: Fast wirkte es wie eine Retourkutsche. Denn dass Spiesshofer so deutlich aufzeigte, wie viel schlechter die Cevian-Varianten im Vergleich mit der eigenen wegkommen, hat möglicherweise auch damit zu tun, dass sich die schwedische Beteiligungsgesellschaft im Laufe der letzten Monate zu einem regelrechten Plagegeist des ABB-Chefs entwickelt hat. Zuletzt ging Cevian gar an die Öffentlichkeit mit der Forderung, die margenschwache Stromnetzsparte vom Rest des Konzerns zu lösen.

Dem Vorhaben erteilte der ABB-CEO gestern nun die offizielle Absage. Eine lange Reise sei es gewesen, sagte Spiesshofer. Umso klarer die Antwort: «Wir behalten sie», sagte er. Dabei soll die Division Power Grids jedoch keinesfalls bleiben, wie sie ist. Spiesshofer ist dabei, alle vier Sparten des Konzerns neu auszurichten. Auch die Stromnetze. Einen Fixpunkt hat er dabei ausgemacht: die Digitalisierung.

Aktuell fänden zwei tiefgreifende Umwälzungen statt, stellte Spiesshofer fest. Eine in der Industrie, die andere im Energiebereich. Erstere läuft unter dem Namen Industrie 4.0 und meint die totale digitale Vernetzung der Produktion. In Sachen Energie besteht die Umwälzung aus den immer stärker in den Markt drängenden erneuerbaren Energien. Und auch hier spielt die Digitalisierung eine Schlüsselrolle. ABB befinde sich mitten im Herzen dieser beiden Revolutionen, so der CEO.

Dass nun auch die Energiebranche mitten in der Digitalisierung steckt, verschafft ABB völlig neue Möglichkeiten — weit über die durchaus beträchtlichen Synergien beim Einkauf hinaus. Um diese zu heben, hat sich ABB einen Partner an die Seite geholt: den weltgrössten Softwarekonzern Microsoft. Zusammen mit dem IT-Riesen will ABB «die digitale Transformation etwa bei Robotik, Schifffahrt und Häfen, Elektrofahrzeugen und erneuerbaren Energien» vorantreiben.

Und so soll es gehen: Daten, die beim Betrieb von ABB-Geräten anfallen, werden in der gemeinsamen Cloud gespeichert. So soll den Divisionen eine Art konzernweites digitales Rückgrat zur Verfügung gestellt werden. Die Logik dahinter: Vom Kraftwerk über die Starkstromübertragung bis zur Stromverteilung bei den Abnehmern sitzt ABB-Technik in den Schnittstellen. In der Cloud werden alle relevanten Daten gesammelt. Der Energiefluss und die entsprechenden Daten liegen dann in der Hand von ABB. Ein unschätzbarer Vorteil in einer immer digitaler werdenden Industrie- und Energiewelt.

Freunde im Verwaltungsrat

Soweit Spiesshofers Argumentation. Ihr wollen indes nicht alle folgen. Nur wenige Minuten dauerte es im Anschluss an die Ausführungen des ABB-Chefs, bis sich Cevian zu Wort meldete. Die Botschaft: Man sei unzufrieden. «Warum hören Sie nicht auf die Investoren?», ging ein schwedischer Journalist, der unmittelbar nach der Rede des ABB-CEOs bereits ein E-Mail von Cevian-Chef Christer Gardell in der Inbox fand, Spiesshofer an. Dieser konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er entgegnete: «Wir hören auf alle Shareholder» — was freilich den grössten ABB-Aktionär, Investor AB, einschliesst. Über die Position des Chefs Jacob Wallenberg, zugleich Vizepräsident des ABB-Verwaltungsrats, war lange gerätselt worden. Mit dem gestrigen Tag ist klar, auf welche Seite sich Wallenberg geschlagen hat: auf die des ABB-Managements.

Und so liess Spiesshofers Lächeln denn auch keinen Zweifel daran aufkommen, wer im Machtkampf um die Stromnetze triumphierte. Zumindest für den Moment.