Clariant

Warum bei der Clariant so viele gehen müssen

Hariolf Kottmann ist CEO der Clariant. Aufgenommen am 16. Februar 2010 in der Züricher Börse.

«Wir sind zehn Jahre zu spät»

Hariolf Kottmann ist CEO der Clariant. Aufgenommen am 16. Februar 2010 in der Züricher Börse.

Clariant-Chef Hariolf Kottmann sagt, warum er im Werk Muttenz weitere 400 Jobs streicht, weshalb er die Produktion nach China verlagert und warum er selbst bei der Forschung spart. Er erklärt auch, wie das Jahr für den Chemiekonzern angelaufen ist.

Sven Millischer

Herr Kottmann, Clariant entlässt einen Drittel der Schweizer Belegschaft. Am Standort Muttenz gehen 400 Stellen verloren. Warum?
Hariolf Kottmann: Textilchemikalien und Farbstoffe lassen sich in Westeuropa nicht mehr rentabel produzieren. Wir müssen die Rohstoffe aus Indien und China importieren, weil sie hierzulande aus Kostengründen schon längst nicht mehr hergestellt werden. Und schliesslich liefern wir unsere fertigen Produkte wieder nach Asien. Und dies zu Preisen, die absolut nicht wettbewerbsfähig sind. Das ist absurd.

Wie konnte es so weit kommen?
Kottmann: Clariant ist 10 bis 15 Jahre zu spät dran. Damals hat sich die Textilindustrie aus Westeuropa verabschiedet und in Asien angesiedelt. Eine Industrie von Zulieferern ist entstanden, die etablierten Herstellern wie uns das Leben schwer machen.

Clariant beschäftigt in der Schweiz noch 1000 Angestellte, davon 900 in der Verwaltung. Bedeutet dieser nächste Abbau das Ende des Produktionsstandortes?
Kottmann: Nein. Es gibt nach wie vor chemische Produkte, die sich wettbewerbsfähig in Standorten in Europa herstellen lassen. Schauen Sie sich zum Beispiel unsere Additives-Produktion in Muttenz an. Die liefert grösstenteils in die Nachbarländer, nach Deutschland und Österreich. Dort herrscht ein ganz anderes Preisniveau als bei den asiatischen Abnehmern unserer Textilchemikalien.

Spezialitäten lassen sich also weiterhin gewinnbringend in Westeuropa produzieren.
Kottmann: Bislang sind China oder Indien vor allem stark im Massengeschäft. Aber wir dürfen uns da nichts vormachen. Das ist eine Frage der Zeit, bis auch diese Schwellen-Märkte Spezialitäten liefern. Deswegen müssen wir agieren und nicht reagieren.

Sie fahren aber die Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 20 Prozent auf 150 Millionen Franken runter. Wie geht das zusammen?
Kottmann: Ich bin überzeugt, dass wir mit 150 Millionen Franken und einer besseren Organisation mehr aus der Forschung herausholen, als wir dies heute tun. Wir haben heute in der Forschung einen «Flickenteppich» an Aktivitäten und beschäftigen pro Labor nur zwei oder drei Chemiker. Dies ist nicht der Nährboden für bahnbrechende Entwicklungen.

Sind die Forschungsgelder also verpufft?
Kottmann: Ja, ein Stück weit schon. Deshalb müssen wir uns nun daran machen, Innovationscenter zu bilden, wo dreissig bis vierzig Naturwissenschafter unter einem Dach arbeiten. Gleichzeitig gilt es, die Zahl der Forschungsstandorte von 20 auf vielleicht 3 oder 4 zu reduzieren.

Welche Rolle wird die Schweiz dabei spielen?
Kottmann: Wir haben in Reinach ein Forschungslabor für Textil-Chemikalien. Was daraus wird, kann ich Ihnen heute beim besten Willen nicht sagen.

Müssen die Clariant-Angestellten also weiter um ihre Jobs bangen?
Kottmann: Es wäre in der jetzigen Situation vollkommen unklug, zu sagen: Bei diesem Abbau bleibt es. Auch weil wir versuchen, Strukturen grundlegend zu ändern und Prozesse zu optimieren, um letztlich mit weniger Ressourcen das Gleiche zu erreichen. Das braucht seine Zeit.

Bei Clariant wird doch schon seit Jahren restrukturiert.
Kottmann: Eben deswegen müssen wir endlich damit aufhören! Aber wir können nur zu einem Ende kommen, wenn wir die uns zur Verfügung stehende Zeit
nutzen. Da müssen wir einfach durch.

Wie sind Ihre Aussichten für das laufende Jahr?
Kottmann: Die ursprüngliche Begeisterung über den Aufschwung weicht langsam einer Nüchternheit, dass es nicht so schnell hochgeht, wie es runtergegangen ist. Ich weiss nicht, ob die Erholung, die wir im Moment sehen, nur ein Strohfeuer ist oder wirklich nachhaltig.

Was heisst das für Clariant?
Kottmann: Wir rechnen mit einem Wachstum von maximal 2 bis 3 Prozent. Deshalb ist es nötig, die Grösse der Firma grundlegend zu redimensionieren, um eine ähnliche Profitabilität sicherzustellen, wie wir sie 2008 hatten – obwohl wir heute rund 15 Prozent weniger Umsatz machen.

Wie sieht der Zeitplan für das Werk in Muttenz aus?
Kottmann: Im Grund genommen erwarten wir von den Leuten, dass sie bis ins 2012 ihre Arbeit verrichten. Erst dann sollein Grossteil der 500 bis 600 Produkte aus Muttenz an den Standorten in China produziert werde. Dass das ein Motivationsproblem ist und Mitarbeiter sich bei anderen Unternehmen umschauen werden, liegt in der Natur der Sache. Wer jedoch bis zum Schluss bleibt, erhält die doppelte Abfindung.

Meistgesehen

Artboard 1