Coronavirus

Wann kommt ein Medikament gegen Corona, wie rasch ein Impfstoff? Die wichtigsten Fragen und Antworten

In zahlreichen Studien werden weltweit Impfstoffe am Menschen getestet.

In zahlreichen Studien werden weltweit Impfstoffe am Menschen getestet.

Weltweit wird fieberhaft an Impfstoffen und Medikamenten gegen das Coronavirus geforscht. Wer hat die Nase vorn? Und welche Rolle spielen Schweizer Firmen? Zwölf Fragen und Antworten.

Am 31. Dezember 2019 wurde die Weltgesundheitsorganisation über Fälle von Lungenentzündung mit unbekannter Ursache in der chinesischen Stadt Wuhan informiert. Ein knappes halbes Jahr später hat das Coronavirus die ganze Welt erfasst. Während die Pandemie hierzulande und in Europa abflaut, breitet sich Covid-19 in anderen Regionen weiter aus. Medikamente und Impfstoffe sind also weiter dringend nötig. Eine Übersicht über den Stand der Forschung.

Wo stehen wir bei den Medikamenten?

Leider gibt es bis heute kein zuverlässig wirkendes Mittel, das von den Gesundheitsbehörden offiziell gegen das Coronavirus zugelassen wurde. Gleichzeitig werden in Spitälern mehrere Medikamente eingesetzt, die bereits vielversprechende Resultate zeigten und weiter getestet werden. Rund 160 bestehende und neue Medikamente werden derzeit in klinischen Versuchen zur Bekämpfung des Virus untersucht.

Welches sind die Hoffnungsträger?

Weit oben auf dieser Liste befindet sich das Präparat Remdesivir der US-Firma Gilead. Das Mittel hat bei Coronapatienten die Zeit bis zur Genesung im Schnitt von 15 auf elf Tage verkürzt, wie eine klinische Studie mit über 1000 Teilnehmern gezeigt hat. Die Sterblichkeit dagegen ging kaum zurück und war auch nicht statistisch signifikant. In den USA hat das Medikament Anfang Mai eine Notfallzulassung für den Einsatz in Spitälern erhalten, dies ist etwa auch in Indien und Südkorea der Fall.

Und wie sieht es in der Schweiz aus?

Hierzulande nahm Gilead zwischen Ende März und Ende Mai über 80 Patienten in zwei klinische Studien auf. Der Einsatz von Remdesivir wird in der Schweiz seit dem 3. April durch eine Notverordnung ermöglicht, wie eine Sprecherin von Gilead sagt. Das Medikament werde derzeit im Rahmen eines Programms kostenlos zur Verfügung gestellt. Gilead hat vergangene Woche die begrenzte Zulassung des Medikaments für den europäischen Markt beantragt.

Wie sieht es mit anderen Mitteln aus?

Seit dieser Woche macht das Medikament Dexamethason Schlagzeilen. Es handelt sich dabei um ein altes Arzneimittel, das gegen Entzündungskrankheiten wie etwa Arthritis eingesetzt wird. Dexamethason sei bisher das einzige Mittel, dass die Sterblichkeit reduziere, sagen britische Forscher, die eine Studie mit 2100 Teilnehmern durchgeführt haben. Bei schwerkranken Coronapatienten, die künstlich beatmet werden mussten, habe sich die Todesrate um rund ein Drittel verringert. Die Forscher sprechen von einem Durchbruch. Kurz darauf hat Grossbritannien das Mittel für jene Patienten zugelassen, die beamtet werden müssen. Gleichzeitig zeigen sich zahlreiche Ärzte skeptisch und warnen vor zu viel Euphorie. Die britischen Forscher haben bislang nur eine Zusammenfassung der Resultate veröffentlicht, nicht aber die ganze Studie.

Was ist aus dem Medikament geworden, dass US-Präsident Donald Trump hochgejubelt hat?

Trump hat das Präparat mit dem schwer aussprechbaren Namen Hydroxychloroquin mehrfach angepriesen. Im Mai sagte der Präsident, er habe das Mittel vorbeugend eingenommen, obwohl von einer prophylaktischen Wirkung nie die Rede war. Inzwischen hat die US-Gesundheitsbehörde die Notfallzulassung für das Mittel zurückgezogen. Es gebe Hinweise darauf, dass Hydroxychloroquin gegen Covid-19 nicht wirksam sei und schwere Nebenwirkungen verursachen könne.

Was haben eigentlich Roche und Novartis im Köcher?

Novartis hat seine Hoffnungen unter anderem auf Hydroxychloroquin gesetzt. Im April hat der Pharmakonzern eine Studie mit 440 Patienten in den USA gestartet. Die Erfolgschancen sind durch die bisher bekannten Daten stark geschwunden. Zudem untersucht das Unternehmen zwei weitere Mittel zur Bekämpfung des Coronavirus. Roche testet derweil sein bestehendes Arthritismittel Actemra. Doch soeben erhielt der Pharmakonzern einen Dämpfer: Eine Studie aus Italien zeigte keine Verbesserung der Symptome bei Patienten, die an einer Lungenentzündung im Anfangsstadium leiden.

Und wie steht es um die Preise dieser Medikamente?

Es käme einem Segen gleich, wenn sich das Mittel Dexamethason tatsächlich als erfolgreich erweisen würde. Das Patent ist längst abgelaufen, die verschiedenen Generika sind sehr günstig. Eine 100er-Packung à 4 Milligramm kostet in der Schweiz 67.20 Franken. Wie viel die Firma Gilead etwa für Remdesivir verlangen wird, ist noch nicht bekannt. Das Unternehmen geriet in der Vergangenheit wegen der hohen Preise seiner Hepatitis-C-Medikamente stark unter Beschuss. Setzt die Firma den Preis hoch an, ist ihr der Aufschrei in der Öffentlichkeit gewiss. Mit einem tieferen Preis riskiert Gilead den Ärger der Aktionäre.

Wie steht es um einen Impfstoff gegen das Virus?

Fast täglich erreichen uns Neuigkeiten zum Thema. Laut der Weltgesundheitsorganisation arbeiten Forscher an 135 Impfstoffen. Zu den Spitzenreitern gehört die britische Universität Oxford, die zusammen mit dem Pharmakonzern Astrazeneca einen Impfstoff entwickelt. Mitte Mai gab die Uni bekannt, die Test für die Impfung auf über 10'000 Erwachsene und Kinder auszudehnen. Läuft alles gut, könnten bis Oktober erste Daten vorliegen.

Wo steht der Impfstoff, an dem der Pharmazulieferer Lonza beteiligt ist?

Entwickelt wird dieser von der US-Biotechfirma Moderna. Vergangene Woche gab das Unternehmen bekannt, im Juli mit einer Studie an 30'000 Freiwilligen zu beginnen. Im Erfolgsfall wird Lonza die Wirksubstanz des Impfstoffes in der Schweiz und in den USA herstellen. Neben Astrazeneca und Moderna sind die US-Pharmakonzern Pfizer und Johnson & Johnson weit fortgeschritten.

Wann ist mit einer Massenimpfung zu rechnen?

Sollte sich einer der Impfstoffkandidaten als erfolgreich erweisen, muss er zuerst von den Behörden zugelassen werden. Um die breite Bevölkerung zu impfen, braucht es mehrere Milliarden an Impfdosen. Dazu fahren die Hersteller die Produktion hoch. Wie rasch das gelingt, ist ungewiss. Zudem ist unklar, wie lange der Impfschutz anhält. Allenfalls braucht es mehrere Dosen pro Person. Experten warnen deshalb vor zu viel Euphorie. Giuseppe Pantaleo, Leiter des Schweizerischen Impfstoffinstituts, etwa rechnet erst im Herbst 2021 mit einem breit verfügbaren Impfstoff, wie er dieser Zeitung sagte.

Wird es einen Verteilkampf um Impfstoffe geben?

Einiges deutet derzeit darauf hin. Zahlreiche Länder investieren massive Summen, um sich einen Impfstoff zu sichern. Allen voran die USA: Unter den Namen «Operation Warp Speed» hat das Land bereits über 2 Milliarden Dollar gesprochen, um die Firmen Astrazeneca, Moderna und Johnson & Johnson zu unterstützen. Insgesamt hat der US-Kongress 10 Milliarden Dollar bereitgestellt, um bis nächsten Januar 300 Millionen Impfstoffdosen zur Verfügung zu stellen.

Was macht die Schweiz?

Der Bundesrat rechnet mit Kosten von 300 Millionen Franken, um sich die nötigen Impfdosen zu sichern. Zuerst müsse man evaluieren, welche der vielen Kandidaten die Hoffnungsträger sind, sagte Gesundheitsminister Alain Berset im Mai. Zu den Ängsten, dass die Schweiz angesichts des Moderna-Deals mit Lonza leer ausgehen könnte, sagte Berset: «Uns interessiert das Endprodukt. Wir brauchen einen fertigen Impfstoff, der die Menschen schützt. Ein blosser Bestandteil des Impfstoffs nützt uns nichts.» Doch auch mit Lonza würden die Gespräche weitergeführt. Zudem tauscht sich der Bund mit potenziellen Kandidaten für die Impfstoffentwicklung in der Schweiz aus. Dabei gehe es darum die jeweiligen Bedürfnisse zu ermitteln und eine gezielte Unterstützung zu koordinieren, sagt eine Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit. Ein Entscheid über einen möglichen finanziellen Beitrag des Bundes werde in den kommenden Wochen gefällt.

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