«Unser Geschäftsmodell basiert auf wissenschaftlichen Fakten.» Mit die- ser Aussage trat Bayer-Chef Werner Baumann letzte Woche zwar bloss im gewöhnlichen Anzug und nicht in der weissen Laborschürze vor seine Aktionäre. Doch der Manager war offensichtlich sehr bemüht darum, die von der US-Wettbewerbsbehörde eben erst zugelassene Übernahme des US-Agrochemieriesen Monsanto als Intervention von einer nahezu naturwissenschaftlichen Präzision darzustellen.

Doch der 62 Milliarden Euro schwere Einkauf des Reputationsmonsters und US-Agrochemiekonzens Monsanto ist vielen durchaus rational denkenden Bayer-Aktionären wenig geheuer. Die Fakten, die sich Baumann beim Monsanto-Deal damals zusammengereimt hatte, stellen sich zwei Jahre später weniger vorteilhaft dar. Um die grössten Bedenken der Wettbewerbshüter zu zerstreuen, muss Bayer mehr Geschäfte abstossen als geplant. Ein Fünftel der ursprünglich berechneten Synergien wird dadurch hinfällig.

Bei den Investoren ist der Nutzen von Baumanns wissenschaftlichem Geschäftsmodell nicht angekommen. Die Bayer-Aktien sind seit Mai 2016 kaum vorangekommen. Offenbar zweifeln die Investoren am Wachstumspotenzial des neuen Weltmarktführers. Entgegen den Prognosen internationaler Organisationen wie der UNO entwickelt sich die Nachfrage nach Pflanzenschutzmitteln und Saatgut seit zwei Jahren seitwärts oder sogar rückwärts. Die Prognosen für den steigenden Einsatz von Pestiziden und Saatgut nehmen das anhaltende Wachstum der Weltbevölkerung bei gleichzeitig abnehmender bebaubarer Ackerfläche voraus.

Zwar wird die produktivitätssteigernde Wirkung von chemischen Pflanzenschutzmitteln weitgehend anerkannt. Die Produkte werden mit Blick auf die langfristige Erhaltung der Ernährungssicherheit auch von vielen als notwendiges Übel akzeptiert. Doch in den Industrieländern nimmt der Widerstand in der Bevölkerung gegen den chemischen Grosseinsatz in der Landwirtschaft spürbar zu. In Europa wurde der Einsatz von Neonikotinoiden soeben verboten. Diese Insektizide sind im Urteil der EU-Richter für das Bienensterben mitverantwortlich. Auch bei der Zulassung des weitverbreiteten Breitbandherbizids Glyphosat ist die EU restriktiver geworden.

20 Mal weniger Pflanzengift

Die Frage, ob die gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Mensch und Natur durch den Einsatz von Pestiziden eher der Sparte «Fake News» zugerechnet werden sollte, wie Bayer-Chef Baumann suggeriert, oder ob die globale Relevanz des Problems eine faktische Grundlage hat, muss im Moment dahingestellt bleiben. Tatsache ist aber, dass die Industrie hinter den Kulissen kräftig in neue technische Geräte investiert, die mithilfe von Sensorik und Robotertechnik auf einen effizienteren Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln abzielen.

EcoRobotix beispelsweise, ein Westschweizer Start-up, will auf die nächste Erntesaison hin einen mit Solarstrom betriebenen Roboter auf den Markt bringen, der Felder autonom abfährt und Unkräuter mittels Kamera selber erkennt und zunichtemacht. Der Roboter soll den Einsatz von Herbiziden nach Angaben der Firma um einen Faktor 20 vermindern. Von solchen Gefährten werde man in den nächsten Jahren noch sehr viel hören, glauben Branchenfachleute. Am Freitag hat auch der Verband Schweizer Gemüseproduzenten den Start einer zweijährigen Testphase mit einem Pflanzenschutzroboter angekündigt, der eine Reduktion von Pflanzenschutzmitteln um bis zu 70 Prozent ermöglichen soll.

In Erwartung solcher disruptiver Trends investieren die Agrochemieriesen schon seit einigen Jahren unter dem Schlagwort «digital farming» riesige Summen in den Aufbau von Datenbanken, die eine Optimierung der individuellen Leistungsangebote für jeden Landwirtschaftsbetrieb je nach Bodenbeschaffenheit und Klimabedingungen möglich machen sollen. Während die Agrochemiefirmen den Kundennutzen dieser Systeme herausstreichen, sehen Wettbewerbshüter hier die Gefahr, dass die Landwirte in eine allzu grosse Abhängigkeit der Agroriesen geraten könnten. Die US-Behörden haben Bayer deshalb zum Verkauf des Digital-Farming-Geschäfts verknurrt. «Jetzt geht die Arbeit erst richtig los», sagte Werner Baumann seinen Aktionären mit Blick auf die nun beginnende Integration von Monsanto. Diese Prognose könnte sich für Bayer noch als unheimlich zutreffend erweisen.