Was für einen Unterschied doch 24 Stunden machen können. Am Mittwochmorgen gab Hansruedi Schumacher den jovialen, verlässlichen Schweizer Banker, der im Gerichtssaal 203 in Fort Lauderdale (Florida) die zuweilen verdutzt dreinblickenden Geschworenen in die geheime Welt des Finanzplatzes Schweiz einführte.

Nun wurde Schumacher, bis 2002 in der UBS zuständig für das grenzüberschreitende Geschäft mit wohlhabenden Amerikanern, von Anwalt Matthew Menchel in die Mangel genommen.

Menchel vertritt Raoul Weil, die ehemalige Nummer 3 der UBS. Weil steht vor Gericht, weil er Amerikanern bei der Hinterziehung von Steuern geholfen haben soll.

Menchel hielt Schumacher, zuweilen in einem äusserst scharfen Tonfall vor, dass er keine Beweise für eine allfällige Straftat von Weil habe. Einmal zeigte der Anwalt gar auf seinen Klienten und sagte: «Dieser Mann, Raoul Weil, hatte nichts damit zu tun!»

Stattdessen sei er, Schumacher, es gewesen, der Verstösse gegen amerikanische Gesetze in Kauf genommen habe – aus Profitgier. Und Schumacher, der wenige Meter von Weil im Zeugenstand sass, sagte kleinlaut: «Das stimmt.»

Vorgaben umgangen

Das langfädige Kreuzverhör drehte sich um die Rolle, die Schumacher bei der Umsetzung des QI-Abkommens zwischen der UBS und der US-Steuerverwaltung IRS (Internal Revenue Service) um die Jahrtausendwende gespielt hatte. Verkürzt gesagt verpflichtete das Abkommen die UBS, sämtlichen US-Kunden, die sich im Besitz von amerikanischen Wertpapieren befanden, ein amerikanisches Steuerformular auszustellen.

Damit sollte garantiert werden, dass diese Kunden ihren steuerlichen Verpflichtungen in Amerika nachkamen. Aufgrund des Schweizer Bankgeheimnisses war es der UBS aber nicht erlaubt, potenzielle Steuersünder direkt bei den amerikanischen Behörden zu verpfeifen.

Anwalt Menchel legte interne UBS-Dokumente vor, aus denen hervorging, wie Schumacher nach «innovativen Lösungen» suchte, um diese Vorgaben des IRS zu umgehen. Dabei habe er sich auch über die Anweisungen seiner Vorgesetzten hinweggesetzt, behauptete Menchel. Schumacher stimmte ihm, eher widerwillig, zu.

«Gab es Anweisungen eines Vorgesetzten, die neuen QI-Regeln zu umschiffen, um amerikanischen Kunden entgegenzukommen?», fragte der Anwalt. Und Schumacher sagte: Nein, solche Anweisungen habe es nicht gegeben. Und Menchel doppelte nach: Im Gegenteil, das Management habe damals ausdrücklich festgehalten, dass sich die UBS keine Verstösse gegen das QI-Abkommen mit der IRS leisten könne. Auch dafür legte er schriftliche Beweise vor.

Dieses Frage-und-Antwort-Spiel hatte bloss ein Ziel: Die Verteidigung will den Geschworenen verdeutlichen, dass für die Gesetzesverstösse eine Reihe von aggressiv vorgehenden UBS-Privat-Bankern verantwortlich war – und nicht das Management der Schweizer Grossbank.

UBS wieder im Visier?

Das ist eine riskante Strategie. Denn die Verteidigung riskiert, dass in den Augen der Geschworenen plötzlich auch die UBS wieder auf der Anklagebank sitzt – auch wenn das Verfahren gegen die Bank nach der Bezahlung einer Busse von 780 Millionen Dollar im Jahr 2009 und der Übergabe von Kundendaten formell abgeschlossen ist. Es ist schwer vorstellbar, dass die Geschworenen der UBS Sympathien entgegenbringen werden.

Bei der Auswahl der Jury am Dienstag war klar geworden, dass die meisten der Geschworenen aus einfachen Verhältnissen stammen und ihr Geld regelmässig zusammenkratzen müssen.

Andererseits gelang es Weils Anwalt, die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen Schumachers erheblich zu untergraben. So wies er ihm nach, dass er den Geschworenen am Mittwoch eine falsche Auskunft gegeben hatte. Zur Debatte stand die Zahl der Scheinfirmen. Vor dem QI-Abkommen hätten bloss «einige wenige» Kunden solche Firmen besessen. Nach Inkrafttreten des QI-Abkommens sei die Zahl aber förmlich explodiert, auf mehrere hundert – weil mit diffusen Firmenkonstruktionen der IRS hinters Licht geführt werden konnte, hatte Schumacher behauptet.

Menchel wies nun nach, dass diese Aussage nicht stimmte. Gemäss eines internen Audits besassen UBS-Kunden ums Jahr 2000 herum, also vor Inkrafttreten des QI-Abkommens, 779 Firmen, deren Eigentümer nicht deklariert war. Und einige dieser angeblichen Scheinfirmen stammten gar aus den Sechzigerjahren.