Bei zwanzig Prozent der Freizügigkeitskonten fehlt von den Besitzern jede Spur. Die 40 Freizügigkeitsstiftungen des Vereins Vorsorge Schweiz – sie verwalten mit 85 Milliarden Franken rund 55 Prozent des Gesamtmarktes – haben 134 000 Konten als «kontaktlos» klassifizieren müssen. Nimmt man die Pensionskassen dazu, seien 4,5 Milliarden solcher Vermögen auf 780 000 Konten verteilt, informierte der Verein am Dienstag. Dies entspreche elf Prozent der Konten in der Vorsorgewelt (Pensionskassen und Freizügigkeitseinrichtungen).
Kein Interesse?

Warum reklamiert niemand? Der Grund dürfte einfach sein: Die Betroffenen haben ihr Geld vergessen oder sie wissen gar nicht, dass sie es haben. Zudem sind die Summen klein: Die 20 Prozent der Konten bei Freizügigkeitsstiftungen vereinen nur 1,47 Milliarden Franken oder 5 Prozent der Vermögenssumme auf sich. Pensionskassen eingerechnet, sind es gar nur 0,5 Prozent. In 80 Prozent der Fälle handelt es sich um weniger als 5000 Franken.

Dennoch: Wie findet man heraus, ob man noch irgendwo Vermögen hat? Versuchen wir, dem Geld zu folgen – von dem Zeitpunkt an, wo sich seine Spuren verlieren: Wechselt ein Arbeitnehmer die Stelle, wird er aufgefordert, seine Freizügigkeitsleistung der neuen Pensionskasse zu übertragen. Er erhält dazu einen Einzahlungsschein oder eine Bankverbindung. Hatte der Arbeitnehmer bei Austritt keine neue Stelle, lässt er es an eine Freizügigkeitsstiftung überweisen.

Kommt es innert zweier Jahre nach Austritt zu keiner Überweisung, versucht die Pensionskasse, den Versicherten zu kontaktieren. Meldet die Post, ein Ausweis sei «unzustellbar», gilt das Vermögen als kontaktlos. Sie überweist dann den Betrag der sogenannten Auffangeinrichtung und übermittelt dabei auch Personal- und Kontaktdaten.

Liess der Arbeitnehmer sein Geld an eine Freizügigkeitsstiftung überweisen, kann es vorkommen, dass er es dort vergisst, bevor er eine neue Stelle antritt. Daher machen «kontaktlose» Konten bei Freizügigkeitsstiftungen rund einen Fünftel aus. Bei der Auffangeinrichtung sind es sogar 65 Prozent der Konten, deren Besitzer wie vom Erdboden verschluckt scheinen.

Freizügigkeitsstiftungen sind wie alle Stiftungen Sondervermögen, haben aber meist eine Hausbank (oft mit selbem Namen), die wiederum hat mit dem entsprechenden Besitzer eine Kontobeziehung (Sparkonto, usw.). Die Stiftungen haben also am ehesten Möglichkeit und Ressourcen, um den Besitzer ausfindig zu machen. Der Verein Vorsorge Schweiz fordert denn auch, dass Pensionskassen die Möglichkeit erhalten sollten, Freizügigkeitsgelder bereits nach drei Monaten (bisher sechs) einer Stiftung zu überweisen. Nach geltendem Recht dürfen sie das nur, wenn sie das Vermögen einer Auffangeinrichtung übertragen.

Der letzte Strand

Sowohl Auffangeinrichtung als auch Freizügigkeitsstiftung – zusammen verwalten sie 2,1 Millionen Konten – leiten kontaktloses Geld ihrerseits weiter, wenn der nicht auffindbare Kontoinhaber 75 Jahre alt wird, und zwar dem Sicherheitsfonds. Dieser ist auch Informationsstelle für Personen, die wissen wollen, ob sie noch irgendwo einen Anspruch aus Freizügigkeitsleistungen haben, die «unterwegs» verloren gingen. Auch die PK melden hier, was sie nicht mehr an den Mann bzw. die Frau bringen konnten. Der Sicherheitsfonds ist sozusagen der letzte Strand, an den es kontaktlose Vorsorgegelder spült.

Die Branchenvertreter wollen zudem, dass der Betrag, unter dem ein Arbeitnehmer sich den Freizügigkeitsbetrag zur freien Verfügung auszahlen lassen kann, auf 5000 Franken festgesetzt wird. Damit würden weniger kleine Summen überhaupt erst die Odyssee der «verlorenen» Vorsorgegelder antreten. Diese «Geringfügigkeitsschwelle» ist derzeit vom Jahresbeitrag abhängig: Eine Austrittsleistung ist nur auszahlbar, wenn sie tiefer ist als ein Jahresbeitrag des Arbeitnehmers.

Für die Stiftungen bedeuten kontaktlose Gelder Verwaltungsaufwand. Sie schlagen vor, dass die zweite Säule bei befristeten Arbeitsverträgen erst ab sechs Monaten (anstatt drei) Pflicht wird. Denn in Zukunft würden Temporärarbeiten und damit kleinere Freizügigkeitsleistungen, die vergessen gehen könnten, eher noch zunehmen.