Ein klappriges Boot treibt mitten auf dem Muttsee. Zwei Männer in Fischermontur
sitzen drin. Der vordere, wasserfest dank gelbem Anglerhut und Gummistiefeln, greift beherzt ins türkis-grüne Wasser. Die rund 130 Gäste auf der Staumauer, Lokalprominenz aus dem Kanton Glarus sowie einige Wirtschaftsvertreter, schauen gebannt zu. Der Mann unterm Gummihut schnauft und zieht mit letzter Kraft, es blubbert wie wild – und plötzlich hat er
einen riesigen Stöpsel in der Hand. Den bringt er rüber zur Mauer und übergibt ihn dem Axpo-Chef. «Den Stöpsel geb ich am besten dem Herrn Walo», sagt der Fischer, setzt sich wieder in sein Boot und entschwindet in Richtung des gegenüberliegenden Ufers. Die Gäste klatschen, Walo lacht. Es ist ein schöner Tag oben auf der Muttenalp.

Es läuft der Festakt für das gigantische Projekt des Pumpspeicherwerks Linth-Limmern des Energiekonzerns Axpo, das CEO Andrew Walo gestern auf der Staumauer einweihte – und von einem Pfarrer segnen liess. «Segne dieses gewaltige Jahrhundertprojekt», sagte dieser und sprenkelte den Beton. Danach wird noch mal abgepumpt, um die noch ausstehenden Turbinen in Betrieb nehmen zu können. Deshalb der Stöpsel. Linthal ist auf gutem Weg Richtung Netzbetrieb.

Längste Staumauer der Schweiz eingeweiht

Längste Staumauer der Schweiz eingeweiht

Linthal (GL) - 9.9.16 - Die neu erstelle Staumauer beim Muttsee wurde am Freitag mit einem feierlichen Festakt gesegnet. Die Staumauer ist mit 1054 Metern die längste der Schweiz. Das 2.1 Milliarden teure Bauwerk gehört zum neuen Pumpspeicherkraftwerkes Limmern, das schrittweise bis 2017 seinen Vollbetrieb aufnimmt.

Beistand von oben

Geld verdienen wird das Kraftwerk auf absehbare Zeit indes nicht. Die Freude über den gelungenen Festakt und vor allem über die Fertigstellung der längsten Staumauer der Schweiz, die zugleich mit 2500 Metern Europas höchstgelegene ist, dürfte denn auch nicht allzu lang währen in der Axpo-Zentrale in Baden. Linthal wird von Beginn an Verluste einfahren, das sagt Walo ganz öffentlich. «Die ersten Jahre werden wir rote Zahlen schreiben.»

Ein Ausweg ist nicht wirklich in Sicht. Zumindest auf absehbare Zeit. Bestenfalls Hoffnungsschimmer, aber kein Befreiungsschlag. Und so kam dem segnenden Pfarrer auf der Staumauer eine eher unfreiwillige Rolle zu: Der ein oder andere Zuseher, der um die Lage am Strommarkt weiss, dürfte sich während des Festaktes bei dem Gedanken ertappt haben, der Beistand von oben sei das Einzige, was der Wasserkraft derzeit noch helfen kann.

Dabei gäbe es durchaus Verwendung für die Anlagen – wenn auch in einer Art, die die Konstrukteure ursprünglich nicht vorne auf dem Ideenzettel hatten. Aus den Kraftwerken, die unter den jetzigen Bedingungen kein Geld verdienen, könnten Garanten der Versorgungssicherheit werden. Dies ist nämlich heute – entgegen der weitverbreiteten, aber falschen Ansicht – nicht die originäre Aufgabe der Kraftwerke und ihrer Betreiber. Aber der Reihe nach.

Lange Zeit verdienten die Wasserkraftwerke gutes Geld mit dem Ausgleich von Energiespitzen. Mittags, wenn die Herdplatten heiss werden, muss mehr Strom ins Netz. Hier lag die Nische der Pumpspeicher. Obwohl sie solch gewaltige Dimensionen annehmen können, sind die Kraftwerke hochflexibel. Binnen weniger Minuten können sie grosse Mengen Energie abgeben – aber auch aufnehmen, wenn der Bedarf zurückgeht. Noch vor einigen Jahren war dies ein lukratives Modell, denn der Preisunterschied zwischen dem Strom, den man immer braucht, und jenem, der flexibel zu Spitzenzeiten zugeschossen werden muss, war gross. Das ist heute nicht mehr der Fall, denn eine Vielzahl von Anlagen neben der Wasserkraft bietet solche Dienste. Etwa die unzähligen Solaranlagen, die vor allem in Deutschland während der letzten Jahre zugebaut wurden. «Das alte Muster», sagt Axpo-Chef Andrew Walo, «ist vorbei.»

Neue Aufgabe

Hilft also tatsächlich nur noch beten? Nicht ganz. Denn längerfristig betrachtet gibt es durchaus einige Schrauben, an denen noch gedreht werden könnte. «Zuerst müssen die Wasserzinsen runter», sagt Dominique Candrian, Energieexperte und Managing Partner bei der Zürcher Beratungs- und Investmentfirma EIC Partners. Doch das sei erst der Anfang. Neben Vorschlägen wie einer Entschädigung etwa für den Beitrag der Wasserkraft zum Hochwasserschutz oder den häufig beschworenen Systemdienstleistungen, hier vor allem beim Ausgleich der fluktuierenden Einspeisung von Sonne und Wind, findet Candrian vor allem eine Idee bedenkenswert, mit der gleich zwei Probleme auf einmal angegangen werden könnten: Die Wasserkraftwerke für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit in der Schweiz heranzuziehen. 

Mit dieser verhält es sich nämlich bislang so: Im Grunde ist niemand wirklich zuständig, dass hierzulande dauerhaft das Licht anbleibt. Die Energieunternehmen, welche die grossen Kraftwerke betreiben, haben die Aufgabe, diese so wirtschaftlich wie möglich einzusetzen, nicht explizit die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Hier setzt Candrians Vorschlag an: «Man könnte eine sogenannte strategische Reserve anlegen, wie in einigen europäischen Ländern bereits geschehen.» Und wie dies übrigens beim Erdöl auch in der Schweiz völlig normal ist. Beim Strom eigneten sich die Wasserkraftwerke dafür bestens, sagt Candrian. Mit der Bezahlung für diese Absicherung würden die Kraftwerksbetreiber für die teilweise Aufgabe ihrer Verwertungsfreiheit – nämlich der über das gespeicherte Wasser – entschädigt.

Andrew Walo hält die Idee der strategischen Reserve, genau wie das ähnliche Konzept der Kapazitätsmärkte, das derzeit in Deutschland verfolgt wird, für sinnvoll. Neben der Öffnung des Strommarktes nach Europa könnte es einen Beitrag zur Rettung der Schweizer Wasserkraft leisten. Ganz ohne göttlichen Beistand.