Arbeitsmarkt

Von wegen Fachkräftemangel: Nur in fünf Berufsgruppen fehlen die Fachleute

Auf dem Bau hat es viel mehr Arbeitslose als offene Stellen.

Auf dem Bau hat es viel mehr Arbeitslose als offene Stellen.

Ein generelles Manko an qualifizierten Berufsleuten lässt sich nicht feststellen. Dennoch ist der Fachkräftemangel kein Hirngespinst von einigen Personalvermittlern, die damit bloss ihre Existenzberechtigung untermauern wollen.

Der Industrie fehle es an Informatikern, Technikern und Ingenieuren, diagnostizierte Hans Hess, Präsident des Verbandes der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallbranchen (Swissmem) erst vor wenigen Wochen. Überrascht hat er damit kaum jemanden. Denn Mangelerscheinungen im Personal treten naturgemäss deutlicher zutage, wenn ein beschäftigungsintensives Gewerbe wie die Mem-Industrie vom Krisen- in den lang ersehnten Wachstumsmodus umschaltet.

Spezialisten wie Informatiker, Techniker, Ingenieure, Ärzte und Treuhänder gibt es landesweit zuwenige. Das zeigt auch der neue «Fachkräftemangel-Index», den der Personalvermittler Adecco mit Unterstützung des Stellenmarkt-Monitors der Universität Zürich erarbeitet hat und jährlich fortzuschreiben verspricht. Der Index vergleicht anhand von 33 Berufsgruppen die Zahl der registrierten Stellensuchenden pro Beruf mit der entsprechenden Zahl an offenen Stellen. Ein Defizit an offenen Stellen deutet einen Personalmangel an. Ein genereller Fachkräftemangel kann nach dieser Methode aber nur für fünf Berufsgruppen festgestellt werden, wie Helen Buchs von der Universität Zürich auf Anfrage bestätigt. In den anderen 28 Berufsgruppen herrscht also per Definition immer noch ein Überschuss an Fachkräften.

Dass Adecco in der Studie vor allem den Fachkräftemangel betont, mag an deren Zielsetzung liegen. Die frühzeitige Erkennung von Berufsgruppen, die vom Fachkräftemangel besonders betroffen sind, sei zentral, lässt sich Adecco-Schweiz-Chefin Nicole Burth in der Medienmitteilung zitieren. «Nur so können Wirtschaft und Politik passende Massnahmen ergreifen.» Selbstredend interessieren sich Personalverleiher aber auch mehr für Berufe, in denen ihre Vermittlungstätigkeit infolge von Knappheit nützlich sein kann.

Fakt ist aber, dass eine grosse Mehrheit der 120'000 registrierten Arbeitslosen in der Schweiz über Berufsdiplome verfügt und dennoch keine Stelle hat. Aus dieser Perspektive liesse sich der Fachkräftemangel sogar als Randerscheinung bezeichnen. In der meistgesuchten Berufsgruppe der Treuhänder treffen 600 gemeldete Stellenlose auf 2500 offene Stellen. In den Bauberufen (Maurer, Dachdecker etc.) gibt es für 20'500 Arbeitslose gerade mal 3000 offene Stellen, wie Studienleiterin Buchs einräumt.

Ein Problem in der Zukunft

Dennoch ist der Fachkräftemangel natürlich kein Hirngespinst von einigen Personalvermittlern, die damit bloss ihre Existenzberechtigung untermauern wollen. Vielmehr handelt es sich um ein Phänomen, das die Wirtschaft und damit uns alle in Zukunft noch intensiv beschäftigen dürfte. Die Betonung liegt aber auf Zukunft. Das Bundesamt für Statistik (BFS) erhebt seit vielen Jahren Daten zu den Rekrutierungsschwierigkeiten der Betriebe in der Schweiz. Auf die Frage, ob qualifiziertes Personal schwer oder gar nicht zu finden war, antworteten vor zehn Jahren fast genau gleich viele Unternehmen mit ja wie heute (30,4 Prozent). Gewiss, ein Drittel ist kein geringer Wert, zumal dieser vor 15 Jahren erst halb so hoch war.

Interessant ist an der BFS-Erhebung auch zu sehen, wie sich die Schwierigkeiten der Betriebe in der Personalrekrutierung während den Boomjahren 2003 bis 2007 markant verschärft haben. Hans Hess und seine Mitgliedsfirmen im Industrieverband dürften dies mit Blick auf den sich weiter beschleunigenden Aufschwung als unheilvolles Omen werten. Vermutlich hat der Verband auch aus diesem Grund eine breit angelegte Umschulungsinitiative lanciert, mit deren Hilfe die Mem-Firmen den technologischen Strukturwandel für sich nutzen sollen.

Es wird erwartet, dass die Digitalisierung zahlreiche gestandene Berufsfachleute freisetzen wird, weil deren Fertigkeiten im Zeitalter der Automatisierung nicht mehr gefragt sein werden. Swissmem will diese Berufsleute für ihre Betriebe nutzbar machen und in spezifischen Umschulungsprogrammen auf neue Tätigkeiten überführen. Wenn dieses Vorhaben gelingt, könnten die Ingenieure, Techniker und Informatiker in einigen Jahren aus den Spitzenplätzen im Fachkräftemangel-Index herausfallen.

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