Metallhändler

Von Hoch und Tiefs: Stahlhart sind auch seine Nerven

Patron Dietrich Pestalozzi: Vor gut einem Jahr machte er seinen Sohn zum Nachfolger.Chris Iseli

Patron Dietrich Pestalozzi: Vor gut einem Jahr machte er seinen Sohn zum Nachfolger.Chris Iseli

Seit mehr als 40 Jahren kontrolliert Dietrich Pestalozzi den Familienbetrieb. Die Jahrzehnte waren von Krisen begleitet. Aber Pestalozzi hat das Unternehmen zurück auf den Wachstumspfad geführt. Auch wenn das Jahr 2015 wohl ein Dämpfer wird.

Das Schild vor dem Eingang im Erdgeschoss verwirrt. Es schickt Besucher des Dietiker Stahlhändlers zum Empfang in Etage drei — da ist aber niemand mehr. Der Grund: Der Traditionsbetrieb belegt seit kurzem nur noch die Stockwerke vier und fünf. Einige der rund 300 Mitarbeiter sind nicht mit umgezogen. Eine Massnahme aus dem Programm zum Kostensparen, wie Patron Dietrich Pestalozzi später erzählen wird.

Nach einer kurzen vertikalen Irrfahrt durch das Gebäude im Industriegebiet Silbern treffen wir Dietrich Pestalozzi schliesslich in Etage vier. Blaues Jackett, gestreiftes Hemd, rotes Einstecktuch. Wasser zapft er auf dem Weg zum Konferenzraum selbst vom Hahn in eine Karaffe. Dass der Mann Stahlhändler ist, merkt man nicht auf Anhieb. Pestalozzi schenkt ein und erzählt.

Vor rund 40 Jahren ist er in das Unternehmen eingestiegen – unmittelbar vor der Ölkrise der 1970er-Jahre. Durch die Krise der Schweizer Bauwirtschaft in den 1990er-Jahren steuerte er den Familienbetrieb zusammen mit seinem Geschäftspartner Dieter Burckhardt. «Die Firma spezialisierte sich und trennte sich vom Massengeschäft. Von 600 Mitarbeitern blieben 250», sagt er. Heute sind es wieder rund 300. Pestalozzi hat das Unternehmen zurück auf den Wachstumspfad geführt – auch wenn das Jahr 2015 wohl ein kleiner Dämpfer wird.

Immer noch hautnah dabei

Die operative Führung hat der Patron im Oktober des letzten Jahres abgegeben. Sein Sohn Matthias hat übernommen. Phantomschmerzen gebe es keine: «Mir ist das nicht schwergefallen», sagt Pestalozzi. «Vor allem, weil wir eine familieninterne Lösung finden konnten.» Ausserdem sei das nunmehr bereits die achte familieninterne Übergabe gewesen. «Das ist wie eine Art Muster, das in der Familie bekannt ist.» Man wisse, wie so eine Übergabe reibungslos vonstattengehen kann.

Ganz nah dabei ist Dietrich Pestalozzi immer noch. Den Verwaltungsrat präsidiert er weiterhin. «Auf ausdrücklichen Wunsch meines Sohnes», wie er ergänzt. Einmal im Monat treffe er den neuen Inhaber und CEO – sprich den Sohn – zu einer formellen Sitzung, um das laufende Geschäft zu besprechen. Holt sich der Sohn ab und an einen informellen Tipp vom Vater ab? «Ja, das gibt es schon hin und wieder. Aber nicht jeden Tag.» Geputzt und gestrählt sei dieser. Ausserdem habe er seine erfahrenen Kaderleute, die mithelfen. «Ich finde es super, wie er das angepackt hat. «Matthias führt ähnlich wie ich.» Er sei analytisch, denke sehr schnell. «Und», gibt der Vater zu: «Als ich so alt war wie er, nämlich 37, war ich viel unselbstständiger.»

Als Präsident des Verwaltungsrats hat Dietrich Pestalozzi die schlagartige Aufwertung des Frankens im Januar hautnah miterlebt. Für das Unternehmen war das Ereignis indes weit weniger einschneidend als etwa für exportorientierte Maschinenbauer. Der starke Franken sei kein neues Problem – und vor allem keines, das die Nationalbank alleine zu verantworten habe: «Das liegt vielmehr an den Entwicklungen und Währungsverhältnissen in Europa und der Welt», sagt Pestalozzi.

Der Druck sei ohnehin da. Nicht nur, weil die Nationalbank den Mindestkurs aufgegeben habe. Trotzdem müsse die Notenbank immer wieder als Sündenbock herhalten. «Das finde ich falsch.» Wenn man die Entwicklung des Frankens zum Euro in den letzten zehn Jahren anschaue, dann stelle man einen laufenden Rückgang fest: Der Franken wurde immer stärker. «In der langen Perspektive ist der letzte Rückgang um 15 Prozent gar nicht so massiv, sondern eher im Rahmen einer Entwicklung, die schon länger stattfindet.»

Kunden kaufen im Ausland

Trotzdem muss auch das Dietiker Handelsunternehmen auf die Währungssituation reagieren. «Wir haben nach der neuerlichen Aufwertung natürlich versucht, unsere Preise zu verteidigen.» Der für einen Grosshändler, der auf kurze Lieferzeiten setzt, naturgemäss hohe Lagerbestand habe sich auf einen Schlag um 15 Prozent entwertet.

Und ein Weiteres kommt hinzu: Obwohl Pestalozzi selbst nicht exportiert, tut das ein Teil der Kundschaft. Etwa Zulieferer und Maschinenbauer. «Diese Kunden machen zwischen 10 und 20 Prozent unseres Umsatzes aus.» Diese Kunden seien sofort auf die Bremse getreten und hätten Teile der Produktion ins Ausland verlagert, oder zumindest dort statt in der Schweiz eingekauft. Die Gefahr, dass Pestalozzi auf seinem Lager sitzen bleibt, besteht nach wie vor. «Der Bedarf an Stahl in diesen Branchen ist klar gesunken», sagt Pestalozzi. Durch den zunehmenden Preisdruck müssen Schweizer Firmen ihre Ausgaben straffen. Wer bleibt, bestellt immer kurzfristiger die Ware.

Doch auch bei Pestalozzi mussten die Kosten runter. Wer Beweise braucht, schaut in den dritten Stock im «Pestalozzi-Haus» in Dietikon. «Unser Personalbestand wird Ende 2015 ein paar Prozent tiefer sein als im Vorjahr», so der Patron. Genaue Zahlen wollte der VR-Präsident nicht nennen. Immerhin so viel: Massenentlassungen habe es nicht gegeben. Stattdessen seien natürliche Abgänge und Pensionierungen nicht ersetzt worden, und beim Einstellen von neuen Mitarbeitern habe man sorgfältig gehandelt.

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