Es ist ein kleiner Raum des Hotels Helvetia in Zürich mit Aussicht auf die Sihl, wo wir Dorothea Strauss (58) zum Interview treffen. Schräg vis-à-vis steht das Haus Konstruktiv, die alte Wirkungsstätte von Strauss. Heute ist die frühere Kuratorin Leiterin der Abteilung Corporate Social Responsibility bei der Mobiliar.

Dorothea Strauss, als Sie vor sechs Jahren zur Mobiliar wechselten, war das für den Schweizer Kunstbetrieb eine ziemliche Überraschung. Wie haben Sie das damals erlebt?

Dorothea Strauss: Einige waren überrascht, die Künstler allerdings am wenigsten. Sie sind es gewohnt, Dinge immer wieder neu zu denken und sich von starren Klischees nicht ablenken zu lassen. Ausserdem kannten viele von ihnen meine Arbeitsweise und waren neugierig, was ich daraus mache.

Gibt es Parallelen zu Ihrer früheren Arbeit als Kuratorin?

Viele. Auch bei der Mobiliar lasse ich mich oft von einem grundlegend kuratorischen Konzept inspirieren: Ich verbinde Kreativität, Forschung und Zukunftsentwicklung. In meiner Studienzeit waren disziplinübergreifende Fragen sehr wichtig. Einer meiner Professoren war der Filmemacher Alexander Kluge, das hat mich geprägt. Wie kann eine Verbindung zwischen den Disziplinen einen Beitrag für eine gute Zukunftsentwicklung leisten? Und heute ist das mehr denn je noch viel wichtiger geworden.

Wie gingen Sie vor?

Als Erstes bin ich ins Archiv unseres Unternehmens gestiegen. Wo kommen wir her? Welche DNA haben wir? In den Gründungsstatuten von 1826 habe ich gelesen: «Die Mobiliar ist eine auf dem Grundsatz der Gegenseitigkeit beruhende Genossenschaft.» Eine hervorragende Basis für unser Gesellschaftsengagement. In den ersten drei Jahren haben wir primär nach innen gearbeitet und intern alles analysiert.

Wie definieren Sie Corporate Social Responsability (CSR)? Was auf Deutsch unternehmerische Gesellschaftsverantwortung oder Sozialverantwortung heisst?

Ich definiere das als ein Bekenntnis zu zwei Tempostufen: Agilität und Langfristigkeit. Agilität heisst, dass wir die Gegenwart sehr wach wahrnehmen. Heute, jetzt. Und Langfristigkeit widerspiegelt unsere Verantwortung für die Zukunft. Denn die Zukunft ist wirklich virulent geworden. Die Probleme werden nicht weniger – Zukunft passiert einfach, ob wir wollen oder nicht. Also ist es wichtig, dass wir uns klarmachen, welche Zukunft wir haben wollen und was wir bereit sind, dafür zu tun.

Wie erklären Sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Agenturen, was Sie tun?

Ich nehme mir viel Zeit, um mit unseren Generalagentinnen, Generalagenten und ihren Teams ins Gespräch zu kommen Und den Austausch in die Regionen zu pflegen. Diese Kontakte sind für mich bis heute eine wichtige und bereichernde Erfahrung.

Warum ist das wichtig?

Weil unsere Generalagenturen unternehmerisch unterwegs sind und mir einen ganz besonderen Einblick in die Regionen und in ihre Arbeitsweise bieten. Sie zeigen mir Perspektiven auf, die ich in meine Arbeit aufnehmen kann.

Wahrnehmbar ist vor allem Ihre Arbeit mit Künstlern. Was erhoffen Sie sich davon?

Wir arbeiten mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen, weil sie immer wieder nah ranzoomen können. Mit ihrer Art und ihren Werken kann man die Welt wie durchs Brennglas sehen. Ausserdem schaffen Kunstwerke eine einzigartige Kommunikationsplattform, da werden auch abstrakte Themen plötzlich ganz plausibel. Was mich sehr fasziniert, ist das freie Denken, das Kunstwerke ermöglichen und fördern.

Sie stecken ziemlich viel Geld in Kunstprojekte, Ausstellungen, Bücher und in Ihren Kunstpreis. Da muss doch was zurückkommen?

Klar. Wir investieren Geld in die Forschung, in die Innovationsentwicklung von KMU, in Kunst und Kultur, in Bienen, in die Weiterentwicklung von jungen Leuten und ihres Verhaltens in puncto Nachhaltigkeit, in die Schweizer Wanderwege, in Fonds: Wir haben ein Puzzle von Themen aufgebaut, die sich gegenseitig befruchten. Dadurch entwickelt sich ein Bewusstseinswandel für wichtige Fragen und es entstehen ganz konkrete Lösungsansätze. Das ist unser «return on Investment».

Soll dieser Change vor allem bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geschehen?

Auch. Aber gerne auch in der ganzen Schweiz. Das ist unser Ziel. Wir haben uns das so vorgestellt (sie zeichnet drei konzentrische Kreise), hier in der Mitte ist die Mobiliar mit allen Mitarbeitenden und Generalagenturen. Im zweiten Kreis sind unsere Kundinnen, Kunden und Partner, dahin zielt unser Wirken zuerst und dann geht der Einfluss weiter in den dritten Kreis, in die ganze Schweiz – in die ganze Bevölkerung.

Der Einfluss endet an der Schweizer Grenze?

Oh, nein! (lacht). Wir sind zwar national tätig, doch unser Denken, unsere Ideen machen an keiner Landesgrenze halt. Konkret sind wir Mitglied in der Eurapco, einem europäischen Verbund von acht grossen genossenschaftlichen Versicherungen. In der Eurapco haben wir eine Arbeitsgruppe gegründet, die Themen wie Klima, CO2, nachhaltige Anlageziele (ESG-Goals) mit der Strategie einer Bewusstseinsbildung verbindet. Das geht weit über die Landesgrenzen hinaus.

Zum Aufgabenbereich einer CSR-Abteilung gehören einigermassen nüchterne Dinge wie die Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts oder die Einführung einer nachhaltigen Anlagestrategie. Gehört das auch zu Ihrem Pflichtenheft?

Klar, das ist das Handwerk, der Minimal-Standard. Als ich vor sechs Jahren begonnen habe, gab es noch keinen Nachhaltigkeitsbericht. Mittlerweile ist das anders. Unser Bericht legt offen, wie wir unsere Verantwortung verstehen und tagtäglich leben. Ein Beispiel: Aktuell sind wird daran, ESG-Kriterien systematisch in unsere Anlageprozesse zu integrieren (Nachhaltigkeitsrichtlinien beim Investieren, Anm. d. Red).

Die «Fantastischen Vier» hiess die Ausstellung, die Dorothea Strauss anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Haus Konstruktiv kuratierte (Aufnahme datiert vom 25. August 2011). Heute ist die ehemalige Direktorin des Museums Leiterin des Bereichs Unternehmensverantwortung bei der Mobiliar.

Die «Fantastischen Vier» hiess die Ausstellung, die Dorothea Strauss anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Haus Konstruktiv kuratierte (Aufnahme datiert vom 25. August 2011). Heute ist die ehemalige Direktorin des Museums Leiterin des Bereichs Unternehmensverantwortung bei der Mobiliar.

Nimmt die Mobiliar auch ihre Stimmrechte an Generalversammlungen wahr?

In der Schweiz nehmen wir die Stimmrechte als Investorin in Unternehmen schon länger wahr. Für das Ausland erarbeiten wir zurzeit eine Zusammenarbeit innerhalb der Eurapco, damit wir über den Partner Achmea die Stimmrechte global wahrnehmen können.

Aktivitäten im Bereich Corporate Social Responsibility könnte man vor allem als unternehmerischer Luxus betrachten. Werden sich Firmen diese Ausgaben noch leisten, wenn die Gewinne sinken?

Die Zeit, CSR als Luxus zu begreifen, ist vorbei. Auf der einen Seite werden Unternehmen heute daran gemessen, wie verantwortungsvoll sie vorgehen. Analysen zeigen, dass die Kundenbeziehungen der Zukunft auf Verantwortung aufgebaut sind. Auf der anderen Seite sind die Herausforderungen und die Frage, an welcher Zukunft wir arbeiten und welche Welt wir der kommenden Generation übergeben wollen, enorm wichtig geworden für die Unternehmensentwicklung. Die Klima-Demonstrationen der jungen Leute sind ein schönes Zeichen für dieses Wachwerden. Ich glaube, wir werden nie wieder in einer Zeit mit weniger Problemen leben.

Wenn wir Sie so sprechen hören, müssen wir davon ausgehen, dass die Chefin der Corporate Social Responsibility bei der Mobiliar für die Konzernverantwortungsinitiative ist. Richtig?

(Zögert) Ich persönlich kann die Initiative gut nachvollziehen. Meine Lieblingsvision ist allerdings immer, dass sich Unternehmen, Verbände, Menschen freiwillig verpflichtet fühlen, sich verantwortungsvoll zu verhalten – doch leider halten sich nicht alle daran. Konkret zu Ihrer Frage: Als Unternehmen mit einer starken genossenschaftlichen Tradition ist für uns ein verantwortungsvolles und nachhaltiges Handeln zentral. Wir prüfen zurzeit die Auswirkungen der Initiative und die Diskussionen im Parlament.

Können Sie Einfluss nehmen auf den Verwaltungsrat, die Geschäftsleitung?

Ich bin in einer Support-Funktion Mitglied der Geschäftsleitung und bin also ganz nahe dran bei den Entscheidungen und ich rapportiere zusammen mit meinem Chef, CEO Markus Hongler, im Verwaltungsrat. Die Erkenntnisse spiegle ich dann wieder in mein Team zurück, wir verarbeiten sie und geben sie wieder in die Führungsgremien zurück. Das sind einmalige, tolle Prozesse.

Sind Sie für CEO und Verwaltungsrat auch beim Alltagsgeschäft das Gewissen?

Bin ich das Gewissen? Wir sind keine verbrämte Compliance-Abteilung, sondern wir sind eine Bewusstseins- und Ermöglicher-Abteilung. Und spiegeln Challenger-Fragestellungen. Jetzt haben wir zum Beispiel unsere Strategie überarbeitet, da konnten wir gezielt die CSR-Themen platzieren. Das fand ich richtig super.

Sie sind seit sechs Jahren in dieser Position. Wo soll die Mobiliar in weiteren sechs Jahren stehen?

Vor einiger Zeit habe ich mich mit dem geografischen Mittelpunkt der Schweiz befasst. Die Koordinaten (46° 48’ 4 N, 8° 13’ 36 E) sind für mich gerade wie ein Symbol geworden, für eine neue, zeitgenössische Form, eine Art «Rütlischwur für eine positive Zukunft» – ein Ort sozusagen in den Köpfen der Menschen. Meine Vision ist, dass wir unsere Projekte und Partnerschaften so stark ausbauen, dass sie sich wie ein dynamisches und dichtes Netzwerk durch die ganze Schweiz ziehen. Das Atelier du Futur ist dabei für mich eines unserer ganz wichtigen Leuchtturmprojekte. In rund sechs Jahren haben sich dort hoffentlich bereits an die 8000 Jugendliche auf eine aussergewöhnliche Weise mit Zukunft beschäftigt.

Und wie wollen Sie das kommunizieren?

Ich setze ja nicht auf schnelle Schnitte, auch nicht auf Slogans und Claims. Gleichzeitig sind sie wichtig. Jetzt, nach sechs Jahren, werden wir unsere Konzeption, unsere Haltung deshalb erstmals in Kampagnen giessen. Wir sind mitten in einem kreativen Prozess, wie wir unsere CSR-Botschaften gegen aussen tragen können und möchten. Sie sollen einerseits runtergebrochen werden, damit es auch die breite Bevölkerung versteht, auf der anderen Seite wollen wir aber ebenfalls keine Angst vor Komplexität haben.

Haben Sie ein Ziel, eine Vision?

Unser Ziel betrifft ja nicht nur unsere Firma, sondern die ganze Schweiz. Wir entwickeln ein Best-Practice-Programm, wie man Fragen der Zukunft anders angehen kann. Wir haben so viel Erfahrung, die wir teilen möchten. Wir arbeiten mit der Forschung zusammen, mit Innovationsfachleuten, Kreativen, Normalos, mit Bäckern, mit Hochschulprofessorinnen: Wir wollen alle zusammen die Zukunft gestalten, sodass jeder darin das Gefühl hat, ich bin gemeint. Das ist mein Ziel, das ist meine Vision.

Wenn Sie nicht bei der Mobiliar, sondern beispielsweise beim Rohstoffhändler Glencore arbeiten würden oder bei einer Grossbank, wäre das die grössere Herausforderung als bei der vergleichsweise harmlosen Mobiliar?

Wieso harmlos? Die Herausforderung ist nicht das Unternehmen, sondern die Menschen, die Akteure, die es zu überzeugen gilt. Ich habe die Mobiliar ja echt lieb – das hätte ich mir vor Jahren so nicht vorstellen können. Ich mag das Umfeld, die Verankerung in den Regionen, weil die Arbeit ein dauernder Wechsel zwischen praktischem Anpacken und Denklabor ist. Vielleicht muss ich gar nicht zu Glencore gehen. Wenn wir ein gutes best practice entwickeln, kommt Glencore vielleicht zu uns und sagt: Wie macht ihr das? Schickt uns doch mal eine Task Force. Das fände ich cool. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir so eine Task Force in unserer Abteilung aufbauen, für Unternehmen, die echte Unterstützung brauchen.

Nach dem Motto «Die Mobiliar ist das Vorbild»?

Ich würde es so ausdrücken: Die Mobiliar nimmt dich mit auf die Reise.

Das Wort Vorbild möchte ich gerne geklärt haben. Ist Vorbild zu sein, ein Ziel?

(zögert lange, lacht) Ja!

Eigentlich ist das Ziel, Vorbild zu sein, meine Zusammenfassung von all dem, was Sie uns in der letzten Stunde erklärt haben.

Ja. Aber ein Vorbild ist nur gut, wenn es nicht auf irgendeinem blöden Podest steht, sondern wenn es das Vorbild schafft, mit den Leuten zu arbeiten und den Stab wie beim olympischen Feuer weiterzugeben. Deswegen zögere ich. Vorbild ja, aber nur so lange, als damit ein Prozess in Gang gesetzt wird.