Holcim

Vom Ziegenhirten in Java zum Zementarbeiter für Holcim

Gegensätze: Bäuerin vor dem Holcim-Werk bei Tuban. Soegiarto Soejatono

Gegensätze: Bäuerin vor dem Holcim-Werk bei Tuban. Soegiarto Soejatono

Holcim lässt in Indonesien ein neues Zementwerk bauen. Dabei mussten knapp 250 Menschen umgesiedelt werden. Wenn der Konzern sein neues Werk auf Java baut, prallt die Erste eindrücklich auf die Dritte Welt.

Wie sattgrüne Tupfer auf dunkelbraunem Grund. So verteilen sich Buschwerk und Bäume auf dem fruchtbaren Ackerland, das mit einfachsten Mitteln bewirtschaftet wird. Sanfte Hügelzüge prägen die Landschaft. Für einen kurzen Moment wähnt man sich an der toskanischen Küste, doch wir befinden uns im Osten der bevölkerungsreichsten Insel der Welt. Nicht das Ligurische Meer schimmert fahl in Sichtweite, sondern die mächtige Javasee.

Hier, rund 30 Kilometer von der «Kleinstadt» Tuban mit ihrer Million Einwohner entfernt, leben mehrheitlich Bauern und Fischer. Und temporär auch jene Arbeiter, die für den Schweizer Baustoffkonzern Holcim ein Zementwerk errichten. Eine halbe Milliarde Franken wird das «greenfield»-Projekt im Endausbau kosten. 100'000 Tonnen Beton und 12'000 Tonnen Stahl werden dazu von zeitweise bis zu 2500 Arbeitern verbaut. Federführend ist die deutsche Polysius – eine Tochter des Thyssen-Krupp-Konzerns – welche die Produktionsanlage im Auftragsverhältnis schlüsselfertig errichtet. Holcim wacht nur über einen Drittel des Gesamtbudgets, das für die übrige Infrastruktur aufgewendet wird. Dazu gehört auch der Bau von Förderbändern und einer Anlegestelle in der Nähe, über die dereinst Brennstoffe angeliefert und der fertige Zement verschifft wird.

Vor zwei Jahren war Grundsteinlegung für die «tuban plant». Seither prallt in der ostjavanesischen Provinz die Erste auf die Dritte Welt. Ramiro Velasco kann ein Lied davon singen. Der joviale Mexikaner trägt bei Holcim für das Projekt die Gesamtverantwortung. Er hat schon auf der ganzen Welt den Bau von Zementwerken begleitet. Ob für Fidel Castro auf Kuba, am Hindukusch oder in Siebenbürgen – Velasco kennt all die (kulturellen) Unwägbarkeiten und weiss aus Erfahrung: «Ein Werk wie dieses können Sie nicht bauen, ohne die umliegende Bevölkerung von Anfang an einzubeziehen.» Entsprechend hat Holcim bereits drei Jahre vor Baubeginn das soziale Terrain sondiert. Ein Team von «Corporate Social Responsibility»-Experten (CSR) ist angerückt und hat Kontakte geknüpft mit den umliegenden Dorfgemeinschaften und deren Bedürfnisse eruiert. Denn im Zuge des Zementwerk-Baus mussten knapp 250 Menschen umgesiedelt werden.

Vorne Schafe, hinten Zementtürme

Die Situation sei äusserst komplex, sagt Community-Relation-Managerin Ummu Azizah Mukarnawati. «Denn die bäuerliche Bevölkerung hat einen völlig anderen Eigentumsbegriff.» Die Konsequenzen lassen sich vor Ort bestaunen. Während die Zementtürme in die Höhe schiessen, grasen nebenan noch immer Ziegen und Schafe, derweil frisch gepflanzter Mais spriesst. «Obwohl Holcim das Land rechtmässig erworben und dessen Besitzer entsprechend abgegolten hat, wird es weiter bewirtschaftet», sagt Azizah Mukarnawati. Und wenn der Baustoffkonzern dann im Zuge der Arbeiten den bepflanzten Landstrich in Beschlag nehme, würde lautstark finanzielle Kompensation für die entgangene Ernte gefordert. Eine Gratwanderung, will man den sozialen Frieden mit der Nachbarschaft wahren und gleichzeitig den Konzernprinzipien treu bleiben.

Geldgeschenke sind in Indonesien eben immer noch gang und gäbe. Gerade auch im Umgang mit den Behörden. So hat die föderalistische Struktur die Korruption nicht beseitigt, sondern vielmehr «demokratisiert». Bereicherte sich früher nur der Suharto-Clan von Jakarta aus schamlos am Reichtum des Inselreichs, ist die politische Landschaft heute zutiefst fragmentiert und reich an Lokalfürsten, die ihre Gefolgschaft im Bedarfsfall auch mal zum Demonstrieren schicken: «Diesen lokalen Leadern geht es vielfach nicht ums Geld, sondern um Stimmenfang», weiss Länderchef Eamon Ginley. Die Wählerschaft wolle Fortschritte sehen.

Holcim sucht deshalb den Kontakt zu den Dorfgemeinschaften, die den Kern der indonesischen Gesellschaft bilden. Kein Entscheid wird gefällt, ohne dass dieser im Kollektiv breit abgestützt wäre. Eine Gruppe von Vertretern der sechs Gemeinden im Umland des Tuban-Werks trifft sich deshalb regelmässig mit dem Zementkonzern zum Austausch und für lokale Projekte. Ramiro Velasco kennt deren dringlichstes Problem: «Die Arbeitslosigkeit in den Dörfern ist enorm hoch. Die Leute wollen in erster Linie einen vernünftigen Job.» Die Erwartungshaltung war demzufolge riesig, als Holcim das 100 Hektaren grosse Gebiet zum Bau von Tuban zu entwickeln begann: 12000 Jobbewerbungen sind eingegangen. Doch der Bedarf an lokalen Arbeitskräften sei begrenzt, sagt Velasco und liege in der Bauphase bis Ende 2013 bei maximal 800 Leuten. In der Betriebsphase schrumpft die Zahl dann auf etwa 100 lokale Arbeiter.

Strikte Regeln auf der Baustelle

Entsprechend führt dies zu Frustrationen unter der Bevölkerung. So kann es vorkommen, dass zwei Dutzend Fischer die Bauarbeiten am Hochsee-Steg blockieren und auf der Stelle lautstark einen Job «einfordern». Doch denen mangle es an den nötigen Fertigkeiten, sagt Community-Relation-Managerin Azizah Mukarnawati: «Wir brauchen zum Bau des Zementwerks mehrheitlich Facharbeiter.» Zudem seien Bauern wie Fischer es häufig nicht gewohnt, einer klar geregelten Tätigkeit in einem industriellen Umfeld nachzugehen.

Die Fluktuation ist dementsprechend hoch. Nach ein paar Wochen blieben viele Lokale der Arbeit fern. So haben Holcim und die Subunternehmer seit Baubeginn über 2000 hiesige Arbeiter angelernt. Nur schon die Durchsetzung der konzernweit geltenden Sicherheitsstandards bereite Probleme: «Die Bauern sind sich gewohnt, barfuss oder mit Sandalen ihre Felder zu bewirtschaften. Doch auf der Baustelle gelten strikte Regeln. Ohne Helm und feste Schuhe darf niemand das Gelände betreten.»

Holcim versucht deshalb, mit verschiedenen CSR-Projekten der Landbevölkerung neue Perspektiven zu schaffen. So lässt der Zementkonzern von Einheimischen rund um den Industriekomplex eine 22 Kilometer lange Steinmauer bauen, die auch Ungelernten zumindest temporär Arbeit verschafft und so das Protestpotenzial eindämmt. Daneben sind zahlreiche Initiativen im Gange, die Fischern und Bauern zu einem besseren Auskommen verhelfen sollen. Beispielsweise, indem sie ihre Produkte direkt weiterverarbeiten, selber vermarkten und damit höhere Einkünfte erzielen. Dennoch kann ein Zementkonzern kein Wohltätigkeitsverein sein und die jahrzehntelangen Versäumnisse des Staates mit ein paar wohlgemeinten CSR-Projekten beseitigen. Dazu sind die sozialen Missstände in Tuban zu gravierend.

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