Der Fribourger Finanzjurist René Brülhart gilt als einer der «mächtigsten Finanzagenten der Welt» (Zitat «Die Welt»). Seit anderthalb Jahren leitet er die Finanzaufsichtsbehörde im Vatikan. Am 19. März haben ihn die Aktionäre der Hypothekarbank Lenzburg in den Verwaltungsrat gewählt. Zum Interview im Sitzungszimmer der Regionalbank erscheint der international geachtete Finanzexperte im schwarzen Designeranzug. Fester Händedruck, sympathischer Fribourger Dialekt, gepflegter Dreitagebart. Seine einzige Bedingung für ein Gespräch: keine persönlichen Fragen. Brülhart setzt sich, faltet die Hände auf dem Tisch und lächelt.

Herr Brülhart, die Enthüllungen unter dem Titel «Panama Papers» sind wie ein Lauffeuer um die Welt gegangen. Praktisch alle Medien berichteten über die 2,8 Terabyte an Daten, 214 000 Firmenadressen und insgesamt mehr als 11 Millionen Dokumente. Haben die
Erkenntnisse Sie überrascht?

René Brülhart: Nein. Es gilt jedoch zu differenzieren, was legale Gesellschaftskonstrukte sind und in welchen Fällen möglicherweise Recht gebrochen beziehungsweise umgangen worden ist. Überraschend sind mehr der Umfang und die offensichtliche Vollständigkeit der Dokumente.

Wieso können Aufsichtsbehörden die Offshore-Gesellschaften nicht stärker kontrollieren?

Es gibt klare internationale Standards, die entsprechende Transparenzvorschriften in Bezug auf solche Gesellschaften vorschreiben. Die entsprechende Implementierung obliegt den einzelnen Jurisdiktionen. Es ist weniger eine Frage der mangelnden Kontrolle, sondern in erster Linie der nationalen Umsetzung. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass es sich diesbezüglich um legale und gewollte Instrumente handelt, die aufgrund von möglichen missbräuchlichen Verwendungen nun in der Öffentlichkeit an den Pranger gestellt werden.

Was fasziniert Sie am Job bei der Finanzaufsicht des Vatikans?

Ich habe im Herbst 2012 als Berater für den Heiligen Stuhl angefangen. Was mich damals fasziniert hat, war die Möglichkeit, beim Aufbau eines hoffentlich nachhaltig funktionierenden Systems mitzuhelfen. Ich bin kein Verwalter, kein Administrator. Es geht mir darum, zu helfen, zu kreieren.

Muss man eigentlich gläubig sein, um im Vatikan arbeiten zu dürfen?

Unser Deal war doch eigentlich: Keine persönlichen Fragen, oder? Nur so viel: Ich ging in den Vatikan, um zu dienen. Es ist sicher so, dass man für diese Aufgabe ein gewisses Verständnis für die Institution der katholischen Kirche mitbringen muss. Fast wichtiger als das Verständnis ist aber der Respekt für diese Institution. Ohne diesen Respekt kann man diese Aufgabe nicht erfüllen. Das heisst aber keinesfalls, dass man nicht gleichzeitig auch kritisch sein darf.

Seit Ihrem ersten Arbeitstag im Vatikan sind ein paar Jahre vergangen. Sie nehmen den weiten Weg zwischen Ihrem Wohnort Zürich und dem Vatikan immer noch auf sich. Der Job hat Sie offensichtlich nicht enttäuscht.

(Lacht.) Ich bin jedenfalls immer noch da.

Die Vatikanbank, die Sie mit Ihrem Team überwachen, galt lange als Hochburg der Geldwäscherei. Was haben Sie daran verändern können?

Wir haben die rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen neu definiert und wir sind weltweit Kooperationen eingegangen. Auch das neu implementierte Meldesystem funktioniert. Wenn Sie sich die Zahlen anschauen, dann sehen Sie: Wir haben nicht nur einen Systemneustart gewagt, die angestossenen Veränderungen werden auch wirklich gelebt.

Das heisst, es gibt keine Geldwäscherei mehr im Vatikan?

Wo immer Sie Finanzaktivitäten haben, besteht die Möglichkeit von Missbräuchen. Die Zeit wird zeigen, ob das von uns implementierte System hält. Es geht jetzt darum, das System nachhaltig absichern zu können. Die Zeichen stehen gut, dass uns das gelingen wird.

Ihr Fazit nach dreieinhalb Jahren?

Grundsätzlich positiv. Man darf nicht vergessen: Bis Ende 2010 gab es im Vatikan keine Gesetzgebung punkto Geldwäscherei, es gab schlicht keine rechtlichen Vorgaben. Da hat man in relativ kurzer Zeit viel Arbeit geleistet. Wir gingen unter anderem «back to the roots» und haben transparent gemacht, was eigentlich Sinn und Zweck des IOR (Anmerkung der Redaktion: IOR steht für Istituto per le Opere di Religione/Institut für die religiösen Werke, im allgemeinen Sprachgebrauch «Vatikanbank» genannt) ist, für wen dieses Institut eigentlich da ist.

Und, für wen ist sie da?

Wir haben heute wieder praktisch ausschliesslich klerikale Kunden: Kirchen, Missionen, Nonnen, Priester etc. Diese Klientel erfordert einen speziellen Umgang. Wenn Sie zum Beispiel einen Geistlichen vor sich haben und verstehen müssen, wo das Geld herkommt oder was der Hintergrund der geplanten Transaktion ist, dann gehen Sie anders vor als mit sogenannt normalen Bankkunden.

Eines Ihrer erklärten Ziele ist es, mit den bestehenden Vorurteilen gegenüber der Institution der Vatikanbank aufzuräumen. Was sind denn das genau für Vorurteile?

Sie sind ja die Journalisten. Sie kennen die Vorurteile, die es gegenüber dem IOR gibt, besser als ich. In den letzten zwei Jahren hat sich die öffentliche Wahrnehmung des Vatikans aber sicher deutlich gewandelt. Um diesen Wandel weiter voranzutreiben, ist es für mich zentral, dass wir über Fakten sprechen und nicht über Gerüchte oder Mythen.

Sie betonen in Interviews oft, wie wichtig für Sie diese glasklare Trennung von Fakten und Fiktion ist. Trotzdem kommen vielen beim Gedanken an den Finanzplatz
Vatikan Illuminati-Verschwörungstheorien und ähnliche Schauergeschichten in den Sinn. Ist Ihr Job eigentlich gefährlich?

Ich lebe mindestens noch, ich hocke ja heute hier (lacht). Von dem her …

… immerhin haben Sie Gitter vor Ihren Bürofenstern im Palazzo San Carlo anbringen lassen.

Die sind schön, die sehen gut aus (lacht)!

Sie haben die Gitter aus ästhetischen Gründen montieren lassen?

Sehen Sie: Überall, wo Sie hingehen und Veränderungen anstossen, schaffen Sie sich nicht nur Freunde. Ich versuche, mich ganz meiner Sache zu widmen und alles andere auszuklammern. Bis anhin ging alles gut.

Die Vatikanbank ist eine mächtige Institution. Zu Ihrem Job gehört es, diese Macht einzuschränken. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Zuerst muss man sich mal klar werden, worüber man überhaupt spricht, wenn man von der sogenannten Vatikanbank redet. Um diese ranken sich natürlich gewisse Mythen.

Und worum geht es wirklich?

Ich habe die ersten sechs Monate damit verbracht, zu verstehen, welche Player es gibt, was die genau tun. In dieser Zeit habe ich beispielsweise keine Interviews gegeben. Ich wusste selber noch nicht genau, was ich da vorfinde und wie ich damit spielen, wie ich darauf reagieren sollte.

Ganz nach dem Motto: Wer Veränderungen anpacken will, muss zuerst einmal die Fakten kennen.

Mir ist bewusst, dass es wahnsinnig langweilig ist, immer nur über Fakten zu reden. Aber ich glaube, das ist ein ehrlicher Ansatz. Ist die bestehende Gesetzgebung ausreichend? Müssen auf institutioneller Ebene Anpassungen vorgenommen werden? Wer ist überhaupt der Kunde bei den bestehenden Finanzinstituten? Wer hat Zeichnungsrechte? Welche Transaktionen gibt es? Nur um einige Punkte zu nennen, bevor Sie richtig anpacken können. Es geht darum, eine vernünftige Grundlage zu schaffen und nicht einfach mit Vorurteilen und vorgefassten Meinungen reinzustürmen wie ein Bulldozer.

Sie haben vor Ihrem Stellenantritt im Vatikan unter anderem acht Jahre lang als Direktor der Meldestelle für Geldwäscherei in Liechtenstein gearbeitet. Hat Sie das
gut auf die Herausforderungen im Vatikan vorbereitet?

Liechtenstein ist ja auch ein sehr katholisches Land (lacht). Es ist natürlich schon eine andere Ausgangslage.

Brülharts Telefon klingelt. Er zieht es aus der Jackett-Tasche, schaut kurz drauf, drückt es weg, faltet die Hände wieder.

Gehen Sie ruhig ran.

Schon o. k.

Wie Sie meinen. Und jetzt kommen Sie als Verwaltungsrat zur Hypothekarbank Lenzburg, zur Hypi. Das ist noch einmal eine völlig neue Welt.

Hier wie dort sind Menschen. Das Geld ist das gleiche, nur die Währung ist anders. Von der Herausforderung und vom Umfeld her gibt es selbstverständlich grundlegende Unterschiede. Trotzdem: Letzten Endes reden wir sowohl im Vatikan wie auch in Lenzburg über Finanzgeschäfte.

Lässt sich das so einfach vergleichen?

Es ist klar, dass das IOR als Finanzinstitut relativ wichtig ist. Es hat eine grosse Verantwortung gegenüber 1,2 Milliarden Gläubigen, insbesondere eine grosse moralische Verantwortung! Ich würde mir nie anmassen, da einen Vergleich mit der Hypi zu ziehen. Aber eine gewisse moralische Verantwortung hat auch die Hypi. Sie hat eine starke regionale Verankerung, ist sehr nahe bei den Leuten auf der Strasse, beim Bäcker, in der Beiz. Aus dieser engen Bindung erwächst automatisch eine moralische Verantwortung, gewissenhaft zu arbeiten.

Mal ehrlich: Wie lief das genau ab? Wer hat Sie nach Lenzburg geholt? Warum hat ausgerechnet die Hypi das Glück, Sie als neuen Verwaltungsrat gewonnen zu haben?

Ich weiss nicht, ob das ein Glück ist (lacht). Aber eben: keine persönlichen Fragen. Was ich sagen kann: Die Bank ist auf der Führungsebene sehr gut aufgestellt. Für mich hat das Mandat eine persönliche Note. Es gab ein gemeinsames Kennenlernen, gegenseitige Sympathie. Ich freue mich jedenfalls, hier mithelfen zu können.

Was wollen Sie bewirken?

Es geht hier nicht um mich. Ich bin Teil eines Gremiums und als neustes Mitglied quasi Lehrling.

Werden Sie in der Schweiz auch in anderen Verwaltungsräten tätig sein oder bleibt der Hypi-VR-Job der einzige?

Das wird die Zukunft zeigen.

Die Hypi steht vor einem grossen Sprung: Sie macht einen bedeutenden Schritt in Richtung digitales Banking. Was können Sie in diesem Bereich beitragen?

Ich habe die letzten 15 Jahre im Ausland verbracht. Nicht nur die Hypi, der ganze Bankenbereich in der Schweiz, in Europa, weltweit, steht vor grossen Herausforderungen. Die Digitalisierung des Bankengeschäfts ist eine davon. Dazu kommen Regulierungsvorgaben und neue Finanztechnologien. Ich bin kein «Techie», keine Tech-Person. Aber wenn ich hier mithelfen darf und als Verwaltungsrat eine Aussensicht einbringen kann, dann freue ich mich darauf.

In Liechtenstein haben Sie eine strikte Weissgeldpolitik durchgesetzt und das Fürstentum als Finanzplatz neu positioniert. Wie steht die Schweiz punkto Weissgeldstrategie da?

Ich bin kein Anhänger des Begriffs Weissgeldstrategie. Was ich sagen kann: Man hat in der Schweiz entsprechende Gesetze. Die zentrale Frage ist, wie man mit ihnen umgeht und ob man sich an sie hält. Dass es zwischen verschiedenen Finanzsystemen zu Konflikten kommen kann, ist klar. Die USA lassen grüssen. Nicht alles, was in der Schweiz legal war, stiess in Amerika auf grosse Gegenliebe. Wie gehen Sie als Finanzinstitut damit um? Wenn Sie ausschliesslich mit Schweizer Kunden zu tun haben, dann reicht die Schweizer Gesetzgebung. Wenn Sie aber deutsche, amerikanische und chinesische Kunden haben, dann wird die Geschichte etwas komplexer. Um in diesem Fall als Bankinstitut verantwortungsvoll zu sein, muss man die Risiken vernünftig analysieren und sich fragen: Was geht und was geht nicht, auch wenn man damit kurzfristig vielleicht viel Geld verdienen könnte. Letzten Endes ist es das gemeinsame Interesse von Bankinstituten, Finanzintermediären und den Behörden, dass wir einen sauberen Finanzplatz haben.

Die USA gingen mit dem Finanzplatz Schweiz hart ins Gericht. Die Schweiz gilt nicht mehr länger als Steueroase, bestimmte US-Bundesstaaten wie etwa Delaware aber schon. War das Ganze ein geschickt geführter Wirtschaftskrieg, den die USA für sich entscheiden konnten?

Ich würde nicht von einem Wirtschaftskrieg sprechen. Die Amerikaner haben ihre Interessen vertreten. Das ist legitim. Ich will mir aber nicht anmassen, über das Vorgehen der Schweiz bei diesem Thema zu urteilen. Ich arbeite im Vatikan, nicht bei einer Schweizer Behörde.

Was sagen Sie zu der «Regulierungswut», die manch ein Banker hierzulande beklagt?

Ich bin für Transparenz und befürworte gut funktionierende Aufsichtsbehörden. Das Ziel aller am Finanzmarkt beteiligten Akteure muss es sein, ein sauberes, legitimes Business zu betreiben. Das – und nur das – garantiert das nachhaltige Überleben des Systems.

Die kleineren inlandorientierten Finanzinstitute wie die Hypi beklagen sich, dass sie zu stark reguliert wurden und für die Sünden der Grossen büssen müssen. Sie fordern in diesem Bereich eine weniger strenge Regulierung. Ist das möglich?

Ich denke schon, solange sie zielgerichtet ist.

Wie beurteilen Sie das Bankensystem momentan: Kann das System überleben?

Wichtig ist, dass sich die Banken immer wieder rückbesinnen und sich fragen, was eine Bank überhaupt leisten muss und kann und was eben nicht. Wenn Sie sich gewisse Finanzmärkte in Asien oder Afrika anschauen, dann haben Sie da Player, deren Scheitern ganze Nationalwirtschaften kaputtmachen können. Die Rückbesinnung ist – nicht nur in Afrika und Asien – zentral.

Herr Brülhart, Sie pendeln zwischen Ihrem Job als Leiter
der Finanzaufsichtsbehörde im Vatikan, der Hypi Lenzburg und Ihrem Wohnort Zürich. Ein arbeits- und reiseintensiver Alltag. Der «Financial Times Deutschland» haben Sie in einem Interview gesagt, Sie hätten keine Hobbys, Sie würden nur arbeiten. Stimmt das? Oder was machen Sie zum Ausgleich?

(Lacht.) Für Hobbys brauchen Sie Zeit, und die ist leider nach wie vor knapp ...