UBS-Umzug

Vom Paradeplatz an die Nidaugasse: Konzerne entdecken die Randregionen

Im Leben ist es wie beim Brettspiel: An der Nidaugasse in Biel sind die Immobilien um   einiges billiger zu haben als am Paradeplatz in Zürich.

Im Leben ist es wie beim Brettspiel: An der Nidaugasse in Biel sind die Immobilien um einiges billiger zu haben als am Paradeplatz in Zürich.

Die UBS verlagert 600 Stellen nach Biel. Auch in Schaffhausen ist der Aufbau im Gang. Denn ausserhalb der Limmatstadt locken tiefere Löhne und Mieten.

Goodbye Paradeplatz. Die UBS lagert Arbeitsplätze von Zürich nach Biel aus, wo spätestens Anfang 2019 an der Aarbergstrasse, in einem ehemaligen Swisscom-Gebäude, ein neues Dienstleistungszentrum mit rund 600 Arbeitsplätzen den Betrieb aufnehmen wird. Die Schweizer Grossbank bestätigte einen entsprechenden Artikel der «NZZ».

Bisher kannte man Strukturpolitik eher von Bundesbern: Militär und Bundesbetriebe waren dafür bekannt, strukturschwächeren Regionen unter die Arme zu greifen. So haben die SBB mit ihrem 2001 gegründeten Contact Center in Brig etwa 250 Stellen geschaffen. Übernehmen jetzt die Konzerne die regionale Förderung?

Ziehen andere Konzerne nach, könnte es darauf hinauslaufen. Die Motive sind indes weniger idealistisch: Dank tieferen Löhnen und Immobilienpreisen spart UBS in Biel 12 bis 20 Prozent im Vergleich zu Zürich. Neben dem Aufbau des Bieler Centers will sie ein bereits bestehendes Zentrum im waadtländischen Renens mit derzeit 350 bis 400 Angestellten vergrössern.

Krakau und Schaffhausen

Die UBS hat in den letzten Jahren Stellen von Zürich bereits nach Indien, Krakau oder Nashville verlegt – und nach Schaffhausen. Im November 2016 kündigte die UBS an, in der Nordschweiz Ende 2017 ein «Business Solutions Center» für 500 Angestellte zu beziehen. Allen drei Outsourcing-Übungen gemeinsam sind die betroffenen Job-Profile im sogenannten Back- und Middle-Office. Das sind vornehmlich IT-Jobs und Aktivitäten rund um Kontoeröffnung, Erstellung von Steuerauszügen oder Wertschriftenabwicklung.

Und nun also Biel. Welche mittelgrosse Stadt kommt als nächste? Machen Zürcher Konzerne auch anderswo Avancen? Aargau Services Standortförderung bestätigt auf Anfrage: «Solche Anfragen gibt es auch für den Kanton Aargau. Oftmals erfolgen sie anonym über einen Vermittler bzw. sie werden nicht publik gemacht.» Grössere, mobile Unternehmen und Einheiten würden ihre Standorte regelmässig prüfen. Ein Unternehmen, bei dem die Kostensenkung im Vordergrund stehe, prüfe eher eine Verlegung an peripherere Standorte als eines, das auf einen höchst repräsentativen Standort angewiesen sei.

Zentral für eine Standortverlegung seien Steuerbelastung, Immobilienpreise, Lohnniveau sowie ein Rekrutierungspotenzial an Fachkräften vor Ort. Die Erfahrung zeige zudem, dass auch bei einem Umzug in weniger zentrale Kantone die Erschliessung am neuen Standort eine wichtige Rolle spiele.

Im Fall der UBS wurden denn auch nicht die repräsentativsten Abteilungen verlagert. Die Schweizer Grossbank hat selbst mitgeteilt, auf eine Standortpolitik der «massvollen Regionalisierung» zu setzen. Daher würden in Zukunft Bankangestellte ohne Kundenkontakt vermehrt in mittelgrossen Städten arbeiten – darunter in Schaffhausen, Renens und Biel.

Doch auch wenn es nicht die Top-Stellen sind, die aus Zürich abwandern – es sind gute Jobs, die anderen Städten kaufkräftige Konsumenten und fleissige Steuerzahler bescheren. Nicht alle der bestehenden Mitarbeiter werden natürlich nach Biel umziehen, sondern pendeln. In einem ersten Schritt werden solche Massnahmen also die Pendlerströme eher anschwellen lassen, das bestätigen auch Experten gegenüber der «Nordwestschweiz». Klar ist aber das Ziel, mit der Zeit die geeigneten Mitarbeiter vor Ort zu rekrutieren. Es dürfte genau
die Absicht der UBS sein, mittelfristig ein neues und günstigeres Fachkräftepotenzial anzuzapfen.

«Zurich» bleibt in Zürich

Warum Biel? Immobileinexperte Robert Weinert, Analyst bei Wüest & Partner, erklärt: «Biel ist gut erschlossen und liegt an der Strecke zwischen Zürich und Genf, den beiden wichtigsten Finanzzentren der Schweiz.» Fachleute sehen weitere Kandidaten, darunter Chur oder St. Gallen. Beat Ulrich, Leiter Standortförderung des Kantons St. Gallen, bestätigt, dass es Anfragen aus Zürich gebe, aus Finanzbranche, IT und Start-ups.

Werden andere Konzerne im «Monopoly» um günstige Standorte mitspielen? Die «Zurich Insurance Group» winkt ab und bestätigt, dass keine derartigen Pläne bestehen. Man bekenne sich klar zum Standort Zürich. UBS-Konkurrentin Credit Suisse hält sich dagegen alle Optionen offen: Man sei dabei, die globale Workforce-Strategie zu definieren, man werde Inlandverlagerungen als mögliche Optionen in Betracht ziehen, so die Medienstelle. Konkrete Pläne gebe es derzeit aber nicht.

Die UBS mag der Konkurrenz oder gar der Zeit voraus sein. Aber Experten schliessen nicht aus, dass eine Tendenz zur Dezentralisierung bzw. Regionalisierung besteht. Sollte sich ein Trend bestätigen, hätte das letztlich auch Bedeutung für die Verkehrspolitik. Die Frage, ob es zur Verlagerung von Arbeitsplätzen in Randregionen kommt und was das für Pendler und Verkehrsplanung bedeutet, scheint die SBB indes noch wenig zu beschäftigen. Die Medienstelle teilt auf Anfrage mit, man solle sich für diese Einschätzung an «die Behörden und die lokalen Verkehrsbetriebe» wenden. Die SBB führten den Regionalverkehr auf Bestellung der Kantone aus.

 
So schön ist Biel:

Meistgesehen

Artboard 1