Das Bruttoinlandprodukt (BIP) – alles, was pro Jahr durch Güter und Dienstleistungen an Wert geschaffen wird – ist in der Schweiz nicht nur insgesamt, sondern auch auf Köpfe verteilt zwischen 2002 und 2014 um 12 Prozent gestiegen. Die Daten des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigen aber auch, dass sich dieses Wachstum seit 2008, als die Finanzkrise ausbrach, merklich abgeschwächt hat.

Noch sind die Zahlen für 2015 und 2016 Schätzungen. Es muss aber damit gerechnet werden, dass das BIP pro Kopf schon im letzten Jahr «angesichts des nach wie vor starken Bevölkerungswachstums» etwas zurückging, wie UBS dazu schreibt. Auch für das laufende Jahr sei ein Rückgang zu erwarten. Eine Trendumkehr komme erst 2017.

Wohin ist das Wachstum?

Dies, obwohl die Schweiz anders als viele Länder Europas in den vergangenen Jahren erfreulich gewachsen ist und die Finanzkrise schneller überwand – auch dank kräftiger Zuwanderung. Sie stützte den Konsum und die Immobilienwirtschaft massgeblich.

Aber geht es um das BIP pro Kopf, ist Einwanderung kein Allheilmittel, wie dessen Berechnung «Wirtschaftsleistung geteilt durch Bevölkerung» schnell zeigt. Und 2008 brach nicht nur die Krise aus. Auch die Zuwanderung erreichte damals ihr Maximum.

Angesichts des nach wie vor starken Bevölkerungswachstums sei die Wirtschaftsleistung pro Kopf 2015 wohl gesunken, schreibt denn auch UBS. Dies werfe die Frage auf, ob die Schweiz nach Einführung der bilateralen Verträge und der damit verbundenen Personenfreizügigkeit hauptsächlich «in die Breite gewachsen» sei und ob die in der Schweiz Ansässigen nur wenig vom höheren Wohlstand profitiert hätten.

Nur wenig später ordnet UBS diese Zweifel aber der öffentlichen Diskussion zu und verweist auf die Resultate einer Studie des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse vom März 2016, nach der sich das Pro-Kopf-Einkommen dank den Bilateralen gar erhöht habe. Dass das BIP pro Kopf nach 2008 nur noch leicht zulegen konnte, sei vor allem auf die Krise in Europa zurückzuführen.

Vor allem? Was war noch? Offenbar nicht viel. Auf Anfrage erklärt UBS-Ökonom Alessandro Bee: «Das Wachstum in der Schweiz und damit das Wachstum pro Kopf wurde in den letzten Jahren vom schlechten Wachstum in der Eurozone und vom starken Franken belastet. Bereinigt man das Wachstum pro Kopf um diese Faktoren, haben die Bilateralen Verträge das Wachstum unterstützt.» Das sei das Ergebnis der Studie von Economiesuisse. Ist also mehr Zuwanderung gut für Unternehmer, Land - und jeden einzelnen?

Die Vereinbarung der Personenfreizügigkeit mit der EU trat im Rahmen der Bilateralen Verträge I zum 1. Juni 2002 in Kraft. Die Statistik zeigt, dass die Zuwanderung erst nach 2004 massgeblich stieg, bis 2008 scharf anstieg und sich seither auf hohem Niveau hielt. Kein Zweifel besteht daran, dass dieser Schub an Konsumenten und Arbeitskräften für den glimpflichen und sogar erfreulichen Konjunkturverlauf nach der Krise war.

Die UBS protokolliert: Das schwächste Wachstum der letzten 25 Jahre hatte die Wirtschaft Anfang 1990er Jahre, das stärkste Mitte des nächsten Jahrzehnts. Erst seit 2010 beobachte man ein deutlich tieferes Wachstum als in den 2000er Jahren. Gleichzeitig sei die Zuwanderung auf hohem Niveau relativ konstant geblieben, was zusammen zum bescheidenen Pro-Kopf-Wachstum geführt habe. Seit Anfang Jahr sei jedoch ein deutlicher Rückgang der Nettoeinwanderung zu verzeichnen. Setzte sich dieser fort, könne davon das Pro-Kopf-Wachstum profitieren.»

Dann kann weniger Zuwanderung doch gut sein für das BIP pro Kopf? Allein verantwortlich für dessen Wachstum kann die Zuwanderung umgekehrt jedenfalls nicht gewesen sein. Denn wie UBS schreibt, wuchs das BIP pro Kopf nach 2010 weniger, trotz unveränderter Einwanderung. Dazu Bee: «Die Einwanderung reagiert mit Verzögerung auf Wirtschaftswachstum. Der Frankenschock hat das Wachstum im letzten und in diesem Jahr stark belastet, aber noch nicht die Einwanderung.» Das habe die schwachen Pro-Kopf-Wachstumszahlen verursacht. In Zukunft erwarte UBS jedoch eine Normalisierung.

Was jetzt - gut oder schlecht?

Klar, Eurokrise und Franken haben das BIP belastet, auch pro Kopf. Aber schliesst das aus, dass die individuelle Wohlfahrt im Schnitt nicht auch durch die Einwanderung belastet wurde?

In der ganzen, wichtigen Diskussion nicht einmal angetönt ist die Frage, wie die Einwanderung die Arbeitsplatzsicherheit beeinflusst. Es ist den Arbeitnehmern nicht entgangen, dass mehr Konkurrenz und somit mehr Auswahl für die Arbeitgeber ihren Stand nicht unbedingt stärkt. Das erwartete Einkommen der Zukunft dürfte jedenfalls in ihren Augen nicht zugenommen haben. Und wenn es das sollte, dann muss man das ihnen erklären.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Ökonomen bisher aber noch nicht einmal die Frage bantwortet haben, in welcher Konstellation Zuwanderung für die Wirtschaftsleistung des Landes pro Kopf gut ist, und in welcher schlecht. Denn würde sie in jedem Fall und immer nur den Schnitt heben, dann wären die Verhältnisse so einfach, dass es uns sicher jemand schon längst auf einfache Weise gesagt hätte.