Am 6. April veröffentlichte die US-Regierung scharfe Sanktionen gegen sieben russische Oligarchen. Amerikaner dürfen nicht mehr mit ihnen Geschäfte machen; Nicht-Amerikaner können ebenfalls sanktioniert werden, wenn sie es tun. Alle Assets werden eingefroren, die der US-Zuständigkeit unterstehen. Auf der Sanktions-Liste fand auch der russische Milliardär Viktor Vekselberg seinen Namen wieder.

Knapp drei Wochen später zeigt sich: Das verschachtelte Imperium von Vekselberg könnte aus dem Gleichgewicht geraten. Weil die Sanktionen wichtige Geldzuflüsse kappen, droht Vekselberg die Kontrolle zu verlieren über seine Beteiligungen am Winterthurer Industriekonzern Sulzer. Im Kern geht es um einen Kredit über eine Milliarde Schweizer Franken.

Vekselberg musste 2015 unbeabsichtigt ein Übernahmeangebot für Sulzer machen, das entgegen seiner Planung von den übrigen Aktionären sehr gut aufgenommen wurde. Am Ende hatte sich sein Anteil von nicht ganz 33 Prozent erhöht auf ein Mehrheitspaket von fast 63 Prozent. Kosten: rund eine Milliarde Franken. Dafür musste Vekselberg einen Kredit aufnehmen. Als Sicherheit verpfändete er das Sulzer-Paket.

Der Kredit beläuft sich auf etwa 1,05 Milliarde Franken. 350 Millionen kommen seit Juli 2016 von einer Gruppe von Banken, darunter die Credit Suisse und die US-Bank J. P. Morgan. Die anderen 700 Millionen verlieh die Sberbank, die von Russlands Zentralbank kontrolliert wird. Der Kredit ging an die Tiwel Holding, die von Vekselberg via Zwischengesellschaften kontrolliert wird. Das geht aus einer Verfügung der Übernahmekommission hervor.

Bis die Amerikaner am 6. April ihre Sanktionen verhängten, konnte Vekselberg den Milliarden-Kredit aus den Dividendenzahlungen bedienen, die ihm aus seinen Beteiligungen zuflossen. Neben Sulzer hält er Pakete an OC Oerlikon und Schmolz+Bickenbach. Doch seit dem 6. April ist der Zustrom unterbrochen. Sulzer zahlt die Gelder neu auf Sperrkonten in den USA ein. OC Oerlikon behält die Dividende im Unternehmen zurück bis die Sanktionen gegen Vekselberg aufgehoben sind. So will es die US-Behörde Ofac, die zuständig ist für die konkrete Umsetzung der US-Sanktionen. Allein für das Geschäftsjahr 2016 sind so 125 Millionen Franken blockiert.

Das wissen auch die Banken. Und so werden in der Gruppe von fünf Banken nun Planspiele gewälzt, was im Falle eines Zahlungsverzuges zu tun ist. Das hat die «Schweiz am Wochenende» aus gut informierten Kreisen erfahren. Wobei die möglichen Vorgehensweisen im Kleingedruckten für den Milliarden-Kredit festgehalten sind. Im Wesentlichen werden zwei Variante abgewogen. In der ersten würde die Sberbank den Kredit über 350 Millionen auch auf die Bücher nehmen. Das käme einer Rettung von Vekselberg durch den russischen Staat nahe. Die Banken-Gruppe bevorzugt diese Variante an sich, weil sie sich so schadlos halten könnte.

Sulzer-Paket käme auf den Markt

Vekselberg könnte so vielleicht die Stimmrechte auf die Sulzer-Aktien weiter ausüben. Wobei dieser Entscheid wohl in den Händen der Sberbank läge, und via die russische Zentralbank in jenen des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Sberbank hätte im Verzugsfall das Recht, die verpfändeten Sulzer-Aktien zu verkaufen. Das wären rund 63 Prozent aller Sulzer-Aktien. Die grosse Unbekannte in dieser Variante wäre die Reaktion der US-Regierung. Das lässt die Banken-Gruppe zögern.

In der zweiten Variante würden die internationalen Banken die verpfändeten Sulzer-Papiere am freien Markt zu Geld machen. Die Aktien würden 90 Tage lang gemeinsam angeboten, misslingt dies, beraten die Banken das weitere Vorgehen. So bekämen neue Investoren die rund 21 Prozent aller Sulzer-Aktien, die der Banken-Gruppe im ersten Rang verpfändet sind. Vekselbergs Anteil an Sulzer würde entsprechend sinken.

Schneider-Ammann schaltet sich ein

Derweil steht das Wirtschaftsdepartement von Bundesrat Johann Schneider-Ammann in Kontakt mit Vertretern von Vekselbergs Renova-Gruppe und der russischen Diplomatie. Es wird ausgelotet, inwiefern die Schweiz etwas Spielraum hat, von den USA unter Sanktionen gestellte russische Personen und Unternehmen ein Stück weit vor deren gravierenden Folgen zu bewahren.

Die US-Sanktionen entfalten bereits eine grosse Wirkung darauf, welche Rahmenbedingungen in der Schweiz gelten für Renova. Obschon die Sanktionen offiziell nicht übernommen wurden. So seien etwa Dollar-Guthaben von Renova von 25 bis 30 Millionen Dollar auch in der Schweiz gesperrt, wie Renova via verschiedene Medien verlauten liess. Wichtige Mitarbeiter von Renova hätten vorübergehend keinen Zugriff mehr gehabt auf ihre in Franken oder Euro geführten Salär- oder Privatkonten. Beim Bargeldbezug wurden automatisch die Karte eingezogen.

Das Wirtschaftsdepartement will die Gespräche weder bestätigen noch dementieren. Ein Sprecher des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) sagt nur: «Der Bund stand im Zusammenhang mit den US-Sanktionen gegen Russland mit verschiedenen Stellen in Kontakt, unter anderem mit der Firma Sulzer. Über weitere einzelne Treffen geben wir keine Auskunft.» Die Verschwiegenheit erklärt sich wohl mit der Schwierigkeit der Gespräche. Es gehe um Diplomatie, die zumindest zu Beginn in einem geschützten Rahmen stattfinden müsse, um Aussicht auf Erfolg zu haben, sagte eine mit der Situation vertraute Person.

Renova will verhindern, dass die Europäische Union – und mit ihr die Schweiz – die US-Sanktionen übernimmt. Schneider-Ammann hat sich Anfang der Woche in Brüssel bei der EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström platziert, die Schweiz wolle frühzeitig über einen allfälligen europäischen Nachvollzug der US-Sanktionen informiert werden.