Was haben die grossen Industrie- und Schwellenländer nicht schon alles ausprobiert. Sie haben mit kräftigen Finanzspritzen versucht, ihre Volkswirtschaften anzukurbeln. Doch der Bau von noch mehr Brücken, Tunnels und Hochgeschwindigkeitsstrecken reicht nicht aus, die Weltwirtschaft in Schwung zu bringen.

Dann sind die Notenbanken eingesprungen. Sie haben die Zinsen auf nahezu null gesenkt und fluten die Märkte mit billigem Geld. Doch das fliesst in die Immobilien- und Aktienmärkte und treibt die Preise hoch. Die Realwirtschaft kommt nicht in Gang. Auf einen Ausstieg aus dieser Niedrigzinspolitik konnten sich die G20-Staaten und ihre ebenfalls anwesenden Notenbankchefs beim Gipfel in der ostchinesischen Stadt Hangzhou nicht einigen. Und auch die Verhandlungen um mehr Freihandel stocken.

Deutscher G20-Vorsitz

Nun wollen die führenden Wirtschaftsnationen ein neues Rezept ausprobieren. Allen voran Deutschland und China setzen auf die Digitalisierung der Fabriken, Fertigungsstätten, Dienstleistungen – ja der gesamten Wirtschaft. Sie setzen auf die vierte industrielle Revolution – auf Industrie 4.0.

Zum Abschluss des G20-Gipfels in Hangzhou haben sich die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer darauf geeinigt, die Förderung der digitalen Wirtschaft zum neuen Schwerpunkt zu machen. Chinas Staatspräsident Xi Jinping beschwor die G20-Länder, Innovationen zu fördern, die die Roboter-Technologie und andere intelligente Maschinen weiterentwickelt. «Wir müssen mehr tun, um das Potenzial für mittel- und langfristiges Wachstum freizusetzen», sagte Xi am Ende des zweitägigen Gipfels.

Bundeskanzlerin Angela Merkel kündigte an, dass im nächsten Jahr erstmals die für die digitale Wirtschaft zuständigen Minister im G20-Rahmen zusammenkommen werden. Deutschland übernimmt ab dem 1. Dezember die G20-Präsidentschaft. Eine speziell eingerichtete Task-Force soll bis zum nächsten Gipfel im kommenden Jahr in Hamburg einen Plan ausarbeiten, der dafür sorgt, die globalen Produktions- und Lieferketten digital stärker zu vernetzen.

Das sei eine gute Entscheidung, lobt Andrew Wyckoff von der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). Er zeigt sich zuversichtlich, dass es in diesem Bereich unter deutschem G20-Vorsitz zu deutlichen Fortschritten kommen werde. Denn Deutschland sei in diesem Bereich führend. Europa als Ganzes hingegen habe bei Internetdienstleistungen gegenüber grossen Märkten wie den USA oder China noch immer erheblichen Nachholbedarf.

China soll Hightech-Land werden

Tatsächlich verfolgt Chinas Staatspräsident Xi dieses Ziel in seinem Land schon seit einigen Jahren. Industrie 4.0 ist das zentrale Stichwort einer landesweiten Kampagne, «Made in China 2025» der Slogan. Sein Land soll nicht mehr länger die Werkbank sein, die vor allem billige Produkte für den Weltmarkt herstellt. Die Volksrepublik soll Hightech-Land werden mit eigenen Innovationen und hochkomplexen Technologien, die mit denen der führenden Industrienationen mithalten können.

Nicht zuletzt deshalb hatte Xi Hangzhou auch als Austragungsort des G20-Gipfels gewählt. Die Sechsmillionenmetropole ist Hauptsitz unter anderem von Alibaba, Chinas grösster Online-Handelsplattform, und damit auch eine der grössten der Welt. Tausende von digitalen Start-up-Unternehmen sind in Hangzhou entstanden. Doch China ist bei der Entwicklung von Industrie 4.0 zugleich auch ein grosser Blockierer.

Bereits seit Jahren sind in China die Zugänge zu Facebook, Twitter und die meisten Google-Dienste gesperrt. Nun ist ein neues Cyber-Sicherheitsgesetz in Planung, das die Datenflüsse noch stärker kontrollieren wird. Sollte der gegenwärtige Entwurf umgesetzt werden, wird er «die Sicherheit schwächen und China von der weltweiten digitalen Wirtschaft abkoppeln», warnt die EU- Handelskammer in China in einem Brandbrief an den chinesischen Premierminister Li Keqiang.

Zu befürchten ist auch, dass Wirtschaftsspionage zunehmen wird, wenn europäische Unternehmen in dieser so sensiblen Industrie mit China zusammenarbeiten. «Das geplante CyberSicherheitsgesetz wird den Einsatz von Industrie 4.0 in China noch unsicherer machen», warnt Jost Wübbecke am China-Institut Merics in Berlin.