Sika
Verwaltungsrat wehrt sich gegen Illegalitäts-Vorwurf

Die Gründerfamilie des Baustoffkonzerns Sika will das Unternehmen an Saint-Gobain verkaufen. Dagegen wehrt sich der Verwaltungsrat. Der Streit hat einen neuen Höhepunkt erreicht.

Fabian Hock
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Die Sika-Gründerfamilie will verkaufen und überrumpelte damit die Konzernleitung, der Verwaltungsrat wehrt sich. Wohin geht die Fahrt?Christian Beutler/Keystone

Die Sika-Gründerfamilie will verkaufen und überrumpelte damit die Konzernleitung, der Verwaltungsrat wehrt sich. Wohin geht die Fahrt?Christian Beutler/Keystone

KEYSTONE

Es ist eine neue Eskalationsstufe im Übernahmestreit um den Baustoffkonzern Sika. Der Verwaltungsrat des Unternehmens hat am Montag erklärt, das Stimmrecht der Gründerfamilie Burkard und ihrer Schenker-Winkler Holding (SWH) beschränken zu wollen.

Ausserdem weigert sich der Verwaltungsrat, eine vorzeitige ausserordentliche Generalversammlung einzuberufen. Eine solche strebt die Familie an, um drei abtrünnige Verwaltungsräte loszuwerden. Konkret geht es dabei um den Vorsitzenden Paul Johann Hälg sowie die Mitglieder Monika Ribar und Daniel Sauter. Die Burkards wollen so die Übernahme durch den Baukonzern Saint-Gobain vorantreiben.

Die Burkards respektive die SWH halten das neueste Vorhaben der Verwaltungsräte für illegal. Dazu zählt auch die geplante Begrenzung der SWH-Stimmrechte auf eine statutarische Grenze von fünf Prozent. Dies sei nicht rechtens, heisst es seitens der SWH. Laut Verwaltungsrat folgt das jedoch aus der anstehenden Übernahme, denn: Zusammen mit Saint-Gobain bilde die SWH eine Gruppe. Die SWH übe ihr Stimmrecht damit auf Weisung des französischen Bauriesen aus, was in anderen Fällen durch bundesgerichtliche Rechtsprechung untersagt worden sei. Die Folge wäre eine Reduzierung der Stimmanteile. Ein Gutachten des Rechtsprofessors Peter Nobel würde dies bestätigen.

Streit um Sika: Die Chronologie

8. Dezember 2014
Die Sika-Gründerfamilie Burkard will ihr Aktienkapital von 16,1 Prozent für 2,75 Milliarden Franken an den französischen Traditionskonzern Saint-Gobain verkaufen. Pikant: Die Gründerfamilie kontrolliert mit 16,1 Prozent des Aktienkapitals 52,4 Prozent der Stimmrechte. Die überrumpelte Sika-Führung droht daraufhin mit Rücktritt.

10. Dezember 2014
Die Gründerfamilie will Verwaltungsratspräsident Paul Hälg sowie die VR-Mitglieder Monika Ribar und Daniel Sauter an einer ausserordentlichen Generalversammlung abwählen lassen und durch genehme Kandidaten ersetzen.

17. Dezember 2014
Die Sika-Führung hält weiterhin am Widerstand gegen die geplante Struktur fest, zeigt sich aber offen für einen Dialog.

19. Dezember 2014
Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar glättet die Wogen: Sika werde ein eigenständiges Unternehmen bleiben, sagt er im Interview.

22. Dezember 2014
Die Anlagestiftung Ethos will mit weiteren Teilhabern bei der anstehenden ausserordentlichen Generalversammlung die sogenannte Opting-Out-Klausel aus den Statuten streichen lassen. Ohne diese Regelung ist die Übernahme durch Saint-Gobain nicht möglich.

5. Januar 2015
Die Schenker-Winkler Holding (SWH), über die die Erben-Familie Burkard ihre Anteile hält, hat beim Kantonsgericht Zug ein Gesuch eingereicht, um die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung der Sika anzuordnen. Der Verwaltungsrat hat das bisher verweigert.

14. Januar 2015
Der Widerstand gegen die Übernahme wird breiter: Eine Gruppe rund um Microsoft-Gründer Bill Gates schliessen sich ihm an.

22. Januar 2015
Die Aktionärsgruppe um Bill Gates fordert eine Sonderprüfung und eine Sachverständigenkommission. Die Sonderprüfung soll untersuchen, ob Vertreter der Familienholding im Sika-Verwaltungsrat der Gründerfamilie oder Saint-Gobain nicht öffentliche Informationen zugänglich gemacht haben.

26. Januar 2015
Der Verwaltungsrat will das Stimmrecht der Gründerfamilie Burkard auf 5 Prozent beschränken und keine ausserordentliche Generalversammlung einberufen. Die Gründerfamilie bezeichnet dies als illegal.

Burkards wehren sich

Für SWH und Saint-Gobain sind die Vorwürfe haltlos. Ihr Argument: Die Einberufung einer Generalversammlung hänge nicht von den Stimmrechten, sondern allein vom Kapital ab. Ein Anteil von mindestens zehn Prozent sei dafür nötig. Die Burkards halten 16 Prozent. Gegen die angestrebte Stimmrechtsbeschränkung erhebt die Familie schwere Vorwürfe: Dies komme einer Enteignung gleich, heisst es in einer Mitteilung.

Rückblende: Anfang Dezember 2014 schockieren die Nachfahren des Sika-Gründers Kaspar Winkler das Management, den Verwaltungsrat und die Angestellten. Die Burkard-Erben geben bekannt, ihren Anteil am Unternehmen dem französischen Baukonzern Saint-Gobain für 2,75 Milliarden Franken zu verkaufen. Zwar besitzt die Familie nur einen Aktienanteil von 16 Prozent. Doch ihr Anteil ist gegenüber den übrigen Aktien privilegiert. Sie halten die Stimmrechtsmehrheit von 52 Prozent. Hinzu kommt eine weitere Besonderheit: Eine sogenannte Opting-Out-Klausel erlaubt es der Familie, die Stimmrechtsmehrheit zu verkaufen, ohne die anderen Aktionäre zu fragen.

Nicht nur wirtschaftlich relevant

Der Fall birgt eine besondere Brisanz, denn es geht dabei nicht nur um geschäftliche Interessen. Der Sika-Konzern ist seit 1910 in der Hand der Gründerfamilie. Diese hatte stets ihre Verbundenheit und ihre Loyalität zum Unternehmen betont. Die Stimmrechtsmehrheit wurde immer als problemlos, gar als positiv für das Unternehmen angesehen, denn so war es vor einer feindlichen Übernahme geschützt. Das galt, bis sich die Erben entschlossen, ihre Anteile zu Geld zu machen.

Die Nachfolgegeneration hat offenbar kein Interesse an der Übernahme der Anteile. «Es zeichnet sich nicht ab, dass eines der Kinder je eine nähere Beziehung zu Sika haben wird», begründete der Anwalt der Familie den Schritt. Bei den fünf Geschwistern der vierten Generation endet damit die Ära Burkard bei Sika.

Management und Verwaltungsrat waren empört. Sie wurden offenbar erst am 5. Dezember von der Gründerfamilie informiert – und dabei vor vollendete Tatsachen gestellt. In einer eilig einberufenen Medienkonferenz drohten Hälg und CEO Jan Jenisch mit dem geschlossenen Rücktritt der Konzernleitung. In der Folge überschlugen sich die Ereignisse. Mit dem heutigen Tag hat der Übernahmeprozess erneut an Brisanz gewonnen.

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