Die Credit Suisse liefert seit einigen Jahren zuverlässig den Höhepunkt unter den Generalversammlungen im Lande. In der öffentlichen Wahrnehmung klaffen jeweils die ausbezahlten Löhne und die Leistung weit auseinander. Thomas Minder, Vater der Abzocker-Initiative, nannte die Credit Suisse erst kürzlich das «Paradebeispiel für eine schlechte Unternehmensführung». An der Generalversammlung vom Freitag kam es zum Schlagabtausch der Argumente über die Löhne. Kleinaktionär Trümpi aus Bern beschuldigte Verwaltungsratspräsident Urs Rohner wenig höflich der «Abzockerei». Von «Verdienen» könne man bei diesen Gehältern nicht mehr reden. Trümpi erhielt für seine Attacke viel Applaus, deutlich mehr als Rohner und Konzernchef Tidjane Thiam zuvor. Sie mussten sich noch manche deftige Wortmeldung anhören.

Mit einer etwas feineren Klinge focht dagegen die Anlagestiftung Ethos. Direktor Vincent Kaufmann hielt am Rednerpult dem Verwaltungsratspräsidenten Urs Rohner vor, die Kluft zwischen Leistung und Vergütung sei in seinem Konzern inakzeptabel geworden. Die Aktionäre hätten mit der Credit Suisse im letzten Jahr rund 40 Prozent ihres Geldes verloren. Den Pensionskassen sei so ein happiger Verlust entstanden, so Kaufmann. In der zweiten Säule der Altersvorsorge seien rund 92 Milliarden Franken in schweizerische Aktien investiert, schätzungsweise 3 Milliarden davon in die Credit-Suisse-Aktien. Somit seien durch den Absturz des CS-Titels in der zweiten Säule rund 1,2 Milliarden verloren gegangen.

Nur eine kleine Minderheit profitiert

Diesen Verlusten für Aktionäre und Pensionskassen würden üppige Lohnerhöhungen gegenüberstehen für Rohner und CEO Tidjane Thiam. Rohner soll 4,7 Millionen Franken erhalten, so der Vorschlag des Verwaltungsrates. Das wären rund 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Thiam wird 12,7 Millionen bekommen, was einem Lohnplus von 30 Prozent entspricht. Das ist laut Kaufmann die Kluft zwischen Leistung und Vergütung. Eine weitere Kluft hat Kaufmann zwischen den Angestellten der Credit Suisse und dem obersten Management ausgemacht. So sei der gesamte ­Boni-Pool, der allen Mitarbeitern offensteht, nahezu unverändert geblieben. Stark angehoben wurde dagegen der Boni-Pool, der dem obersten Management vorbehalten ist: um 57 Prozent auf rund 64 Millionen. Kaufmann fasst seine Kritik so zusammen: Die Boni seien unangemessen hoch und kämen einer winzig kleinen Minderheit zugute.

Die Spitzenvertreter der Credit Suisse wiederum hatten ihren Schlag präventiv geführt. Schon in ihren Antrittsreden versuchten Rohner und Thiam, die Kritiker zu kontern. Die beiden Topmanager konnten zwar davon aus­gehen, dass die Aktionäre die ­vorgeschlagenen Vergütungen letztlich gutheissen würden. Schliesslich hatte sich auch der mächtige US-Stimmrechtsberater ISS auf ihre Seite geschlagen. Dennoch wollten sie offensichtlich um ein möglichst gutes Ergebnis kämpfen.

Immerhin waren sie aus früheren Jahren vorgewarnt. 2017 hatte ISS sich noch gegen den Verwaltungsrat der Credit Suisse gestellt. Die Bank sah sich gezwungen, kurz vor der Generalversammlung über Nacht eine dringende Meldung zu verschicken: Das Management reduziere seinen Bonus «freiwillig» und zwar um vierzig Prozent. Damals hatte die Bank auch die Anlagestiftung Ethos gegen sich sowie den anderen grossen US-Stimmrechtsberater Glass Lewis.

Die Aktionäre hatten 2017 ­offenbar genug vom Gegensatz zwischen Milliardenverlusten und üppigen Bonizahlungen. Die Credit Suisse hatte in den beiden Vorjahren einen Totalverlust von 5,3 Milliarden geschrieben, 7000 Stellen wurden gestrichen und der Aktienkurs hatte gelitten. Dennoch wollte der Verwaltungsrat unter Führung von Urs Rohner damals Tidjane Thiam den vollen Bonus zusprechen. Insgesamt wäre der Konzernchef auf rund 12 Millionen gekommen.

Thiam antwortet den Kritikern

An der Generalversammlung 2019 konnte Thiam die Aktionäre mit einem Jahresgewinn von über 4 Milliarden begrüssen, zum ersten Mal seit seinem Antritt im Juni 2015. Zuerst auf Deutsch, auf Englisch und am Schluss auf Französisch pries er die Strategie an und sprach von einer neuen, widerstandsfähigen Credit Suisse. Der Gegensatz zwischen angeblich erfolgreicher Strategie und abstürzendem Aktienkurs war dem Konzernchef jedoch bewusst. «Es ist berechtigt, danach zu fragen», sagte er.

Der Aktienkurs hänge nicht von der Credit Suisse allein ab, dozierte Thiam mit vielen Folien. «Die Börsenbewertung des europäischen Bankensektors hat ebenfalls Einfluss.» 2018 hätten Europas Banken rund einen Drittel ihres Wertes verloren, was die Credit Suisse mit hinunter gezogen habe. Ja, die eigene Aktie habe stärker nachgegeben als jene der Konkurrenz. Die Investoren hätten geglaubt, die Credit Suisse könne den damaligen Marktturbulenzen weniger gut standhalten. «Später haben sie erkannt, dass sie es mit einer neuen Credit Suisse zu tun haben.» Die Bank habe daher 2019 stärker zugelegt als die europäischen Konkurrenten. Am Ende erhielt der Vergütungsbericht dann 82 Prozent der Stimmen. Die CS-Aktie liegt aktuell noch immer deutlich tiefer als Anfang 2018.