Stadler Rail

Verhandlungen vor Abschluss: Stadler Rail rollt auf Weissrussland zu

Stadler-Rail-Zug auf dem Plakat der weissrussischen Eisenbahn. HO

Stadler-Rail-Zug auf dem Plakat der weissrussischen Eisenbahn. HO

Die Verhandlungen mit dem weissrussischen Partner Belkommunmash stehen kurz vor Abschluss. Bedingung sei allerdings die Bestätigung der Bestellung von weiteren 19 Flirt-Zügen durch die belarussische Staatsbahn für geschätzte 150 Millionen Franken.

In diesem Jahr feiert die weissrussische Eisenbahn das Jubiläum ihres 150-jährigen Bestehens. Das Plakat, das auf den Bahnhöfen die Reisenden auf das Jubiläum aufmerksam macht, zeigt neben einer sowjetischen Dampflokomotive einen modernen Zug des Schweizer Herstellers Stadler Rail. Im März 2011 wurden die ersten zwei von zehn Flirt-Zügen geliefert. Weitere 80 sollen nach den Plänen des Thurgauer Schienenfahrzeugbauers in den nächsten Jahren folgen.

Stadler Rail gründet dafür ein Joint Venture mit dem weissrussischen Unternehmen Belkommunmash, an dem die Schweizer 60 Prozent halten werden. Weissrusslands Präsident Alexander Lukaschenko hat kürzlich die Gründung des Joint Ventures gebilligt. «Die Verhandlungen stehen kurz vor dem Abschluss», sagt Peter Spuhler, CEO der Stadler Rail Group, gegenüber der az. Bedingung sei allerdings die Bestätigung der Bestellung von weiteren 19 Flirt-Zügen durch die belarussische Staatsbahn für geschätzte 150 Millionen Franken. Wann die Produktion im nächsten Jahr beginnen soll, sei noch offen.

Grosse Hürden, viel Korruption

Das Geschäften in Weissrussland oder Belarus, wie das Land offiziell heisst, hat allerdings seine Tücken. Das Land hängt stark von der Wirtschafts- und Finanzhilfe Russlands ab, schrammte letztes Jahr nur knapp an einem Staatsbankrott vorbei und ist auch sonst nicht sehr investorenfreundlich: Die Wirtschaft ist staatlich gelenkt und geprägt von Überregulierung, bürokratischen Hürden, Korruption und von einer grassierenden Geldentwertung.

Nun könnte sich eine Trendwende abzeichnen. Die seit Anfang 2010 formell bestehende Zollunion zwischen Belarus, Russland und Kasachstan ist seit letztem Sommer vollständig in Kraft. «Damit hat Belarus seine Position für die Verstärkung von Handelsbeziehungen mit Schweizer Exporteuren deutlich verbessert», sagt Marc Buser von der Osec, der vom Bund beauftragten Organisation zur Förderung der Aussenwirtschaft. Der rund 170 Millionen Konsumenten umfassende Wirtschaftsraum hat das bislang geringe Interesse von Schweizer Investoren offenbar verändert. «Immer mehr Unternehmer aus der Schweiz entdecken Belarus und nehmen Geschäftsbeziehungen auf», stellt Andrei Kulazhanka, Geschäftsträger der Botschaft der Republik Belarus in Bern, fest. Der Staat bemühe sich um die Unternehmen und wolle ihnen den Einstieg erleichtern, so Kulazhanka, indem diese von Steuerermässigungen profitierten und von Zollgebühren befreit würden.

«Immenser Bedarf»

Nutzniesser von der Zollunion könnte auch Stadler Rail sein. Das Joint Venture mit Belkommunmash macht es einfacher, im Wirtschaftsraum der drei Länder Fuss zu fassen. «Die ehemaligen Sowjetstaaten haben einen immensen Modernisierungsbedarf», sagt Vladimir Korol, CEO von Stadler-Partner Belkommunmash im Gespräch mit der az. Das Staatsunternehmen Belkommunmash beschäftigt rund 1500 Mitarbeiter und ist eigenen Angaben zufolge einer der führenden Hersteller von Strassenbahnen und Trolleybussen in den GUS-Staaten. «Wir bringen unsere jahrzehntelange Erfahrung auf dem russischen Markt mit ins gemeinsame Unternehmen ein», sagt Korol, der Stadler Rail in den höchsten Tönen lobt: «Ein vorbildlich geführtes und dynamisches Unternehmen, von dem wir lernen können.»

Wie CEO Korol betont auch Peter Spuler die gute Zusammenarbeit und zeigt sich vom Know-how der Ingenieure beeindruckt. Zudem sei die Betreuung durch die Behörden persönlich und eng gewesen. Der bürokratische Aufwand, etwa die Zollformalitäten für Ersatzteile, sei gross, «aber nicht grösser als in den südlichen Ländern Europas». Spuhler betrachtet sein Engagement in Weissrussland als «ein Geschäft wie jedes andere auch».

Dass es sich dabei um ein nicht alltägliches Geschäft handelt, zeigen allein die in den Schweizer Medien erhobenen Vorwürfe, Spuhler würde mit seinen Geschäftsbeziehungen das autokratische Regime Lukaschenkos unterstützen. Der SVP-Nationalrat legt deshalb viel Wert auf die Feststellung, dass die Schweiz mit Weissrussland normale diplomatische Beziehungen unterhalte und Stadler Rail weder internationale Sanktionen noch ein Handelsembargo verletze. «Züge dienen der Bevölkerung, und ein Technologietransfer hilft dem Land, sich zu entwickeln.» Auch will er Befürchtungen entgegentreten, Jobs könnten ins Ausland verlagert werden: «Wir müssen wegen der Eurokrise expandieren, damit wir die Arbeitsplätze in der Schweiz sichern können.»

Nicht nur in der Schweiz, auch in Belarus wurden kritische Stimmen laut: Wo die einen in Spuhlers Engagement einen wichtigen Beitrag zum Wachstum von Belkommunmash und zur Modernisierung des Landes sehen, machen isolationistisch gesinnte Kräfte Stimmung gegen das Schweizer Unternehmen und sprechen populistisch vom «Ausverkauf der Heimat».

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