Vergleich
Sind die Aargauer wirklich nur halb so schlau wie die Zürcher? UBS-Ranking wirft Fragen auf

Ein Indikator der Grossbank scheint nonchalant zu behaupten, dass ein tiefer Bildungsgraben durch die Schweiz verläuft. Doch bei näherem Hinsehen ist das nur die halbe Wahrheit.

Niklaus Vontobel Jetzt kommentieren
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Rätseln: Grosse Unterschiede zwischen Kantonen werfen Fragen auf.

Rätseln: Grosse Unterschiede zwischen Kantonen werfen Fragen auf.

Photoalto/Alix Minde

Halb so gebildet wie die wenig geliebten Zürcher – oder noch deutlich weniger als das. So ist das etwa in Luzern, St.Gallen oder im Aargau. Das jedenfalls entnimmt man auf den ersten Blick dem Kantonsranking der Grossbank UBS.

Insgesamt 19 Kantone sind es, in denen der durchschnittliche «Ausbildungsstand der Bevölkerung» nicht einmal halb so hoch sei wie in Zürich. Zug und Basel-Stadt sind etwas besser als Zürich, wenn auch nicht viel. Ansonsten gilt angeblich landauf und landab, populär oder böse ausgedrückt: nur halb so schlau wie die Zürcher.

Kann das sein, was da ein Indikator nonchalant zu behaupten scheint? Durchläuft ein derart tiefer Bildungsgraben die kleine Schweiz? Und wenn es ihn gibt, was sind die Folgen für den Zusammenhalt im Land?

Geht man diesen Fragen nach, hört man bald, es lasse sich darüber diskutieren, wie tief der Bildungsgraben sei und wo er genau verläuft. Aber gibt einen. Die UBS betont: «Unsere Analyse zeigt, dass in universitären Kantonen das Humankapital überdurchschnittlich zum langfristigen Wirtschaftswachstum beiträgt, es ist keine Aussage zu schlau oder nicht schlau.»

Und von Politologen heisst es, der Bildungsgraben könne tiefer sein und folgenschwerer, wie es in den USA zu sehen ist. Aber auch in der Schweiz treibt er auseinander, was eigentlich zusammengehört. Die Polarisierung werde verstärkt.

Am Anfang bleibt es beim Bild eines sehr tiefen Bildungsgrabens. Im Ranking sind mehrere Statistiken zusammengefasst. An erster Stelle genannt werden Abschlüsse an Universitäten und Fachhochschulen. Hier deklassieren Zürich, Zug und Basel-Stadt tatsächlich nahezu alle anderen Kantone. Auf hundert Menschen, die ständig im Kanton wohnen und älter als 25 Jahre sind, kommen dort ungefähr doppelt so viele Menschen mit Hochschulabschluss wie im Aargau oder in Luzern, St.Gallen oder Thurgau.

Zürich bleibt trotzdem vorne

Später zeigt sich, dass Hochschulabschlüsse nicht alles sind, gerade in der Schweiz. Ein anderes Bild ergibt sich, schaut man auf eine weitere Statistik im UBS-Ranking: Abschlüsse in der höheren Berufsbildung. Das sind Berufsprüfungen oder höhere Fachprüfungen.

Da liegen auf einmal Aargau und Luzern vorne. Thurgau, St.Gallen, Solothurn lassen allesamt Zürich hinter sich. Doch nicht um Welten. Kein Kanton distanziert Zürich um mehr als drei Prozentpunkte. Nimmt man beides zusammen, höhere Berufsbildung und Hochschulabschlüsse, ist Zürich zwar längst nicht mehr doppelt so schlau – aber noch einiges schlauer. Dann liegt der Kanton Basel-Landschaft noch immer um zehn Prozentpunkte zurück. Und gar noch ein Stückchen weiter zurück finden sich Kantone wie Luzern, Aargau, Thurgau oder St.Gallen. Die höhere Berufsbildung hilft, den Bildungsgraben etwas aufzufüllen, sie bringt ihn nicht zum Verschwinden.

Doch ist es vielleicht unklug, Zürich mit dem Aargau zu vergleichen, oder mit Luzern und Thurgau. Der Bildungsgraben verläuft womöglich gar nicht dort, also nicht entlang von Kantonsgrenzen. Vielleicht trennt er vor allem Stadt und Land.

Da ist etwas dran, findet ein Ökonom bei der kleineren Grossbank, der Credit Suisse. Jan Schüpbach hat festgestellt: Die Hochqualifizierten ballen sich geradezu in urbanen Regionen und ihren Agglomerationen. Nicht nur wohnen dort viele Hochqualifizierte. Es pendeln täglich Arbeitnehmende hinzu, die höhere Berufsbildungen haben oder Hochschulabschlüsse. Sie kommen aus anderen Kantonen oder dem nahen Ausland.

So haben in urbanen Regionen über 40 Prozent der Arbeitnehmenden einen Hochschulabschluss oder eine höhere Berufsbildung. In Zürich sind es gar fast 60 Prozent. In ländlichen Regionen hingegen sind es bestenfalls halb so viele.

Die Berufslehre ist der grosse Relativator

Doch das klare Bild zerfällt, wenn man den Blick etwas öffnet. Wenn man nämlich nicht nur auf die sogenannten Hochqualifizierten schaut, sondern auch andere Arbeitnehmende hinzunimmt: solche, die eine Berufslehre abgeschlossen haben oder eine Matura. Dann gibt es städtische Zentren, die unter dem Schweizer Mittel bleiben. Das sind etwa Genf und Freiburg. Und es gibt ländliche Gebiete, die sich mit vielen Fachkräften hervortun. Etwa im Kanton Bern, in Graubünden oder in der Zentralschweiz. Schüpbach sagt dazu:

«Nimmt man auch die Berufslehre dazu, ist kein tiefer Bildungsgraben mehr zu sehen.»

Es verläuft ein tiefer Bildungsgraben zwischen städtischen und ländlichen Regionen, schaut man nur auf Hochschulabschlüsse. Von diesem Graben bleibt wenig übrig, nimmt man die Berufslehre hinzu. Was ist nun wichtiger für die Schweiz: der Bildungsgraben, den es gibt, oder jener, den es nicht gibt? Der Politikwissenschafter Michael Hermann sagt, die letzten Abstimmungen hätten deutlich gezeigt, dass sich längst ein Bildungsgraben aufgetan habe. Dass das CO2-Gesetz beim Volk durchfiel, sei etwa erklärt worden mit einem Stadt-Land-Graben. «Was oft übersehen wird: Versteckt darin war ein Bildungsgraben.»

«Bildung ist heute viel wichtiger für die politische Haltung, als wie viel jemand verdient», sagt Michael Hermann. Dabei gilt das Einkommen gemeinhin als bestimmend dafür, wie jemand wähle, ob links oder bürgerlich. Doch dem sei längst nicht mehr so, sagt Hermann. Wäre das Einkommen entscheidend, müsste eigentlich der reiche Kanton Zug herhalten als politisches Lieblingsfeindbild in ländlichen Regionen mit vergleichsweise tiefen Einkommen. Hermann: «Doch die konservative SVP zieht lieber gegen rot-grüne Städte ins Feld und gegen deren hochgebildete Einwohner.»

Nicht nur Büezer versus Akademiker

Der Bildungsgraben werde eher noch tiefer, sagt Hermann. Dadurch werde die schweizerische Politik näher an eine Polarisierung getrieben. Ländliche Regionen würden fast nur noch bürgerlich regiert, Kernstädte hingegen immer mehr von Rot und Grün. «Die Politik unterscheidet sich je länger, je mehr, was zu Konflikten führt. Denn räumlich ist man natürlich nicht vollständig getrennt.» Wohin das langfristig führen könne, sehe man in den USA. Dort stünden sich zwei politische Lager dermassen unversöhnlich gegenüber, dass die Demokratie allmählich nicht mehr funktionsfähig sei.

Doch so weit sei es in der Schweiz nicht, wird es vielleicht nie sein, so Hermann. Im politischen System der Schweiz wirke einiges einer Polarisierung entgegen: Es gebe mehrere Parteien, nicht nur zwei; in einer direkten Demokratie müsse miteinander geredet werden; der Bundesrat müsse stets einen Konsens finden. Und auch das Bildungssystem wirke der Polarisierung entgegen: die starke Berufslehre, die vielen möglichen Berufswege sowie sehr gute höhere Bildung nach der Berufslehre. Hermann: «Bei uns kann der Büezer eine höhere Ausbildung machen und mehr verdienen als viele Akademiker.»

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