Am Flughafen Zürich tummeln sich auf den ersten Blick vor allem metallene Maschinen wie der Airbus-320 und die Boeing-737, aber auch Riesenvögel wie der A380. Doch was viele nicht wissen: Inmitten des Flughafen-Areals liegt ein 74 Hektaren grosses Naturschutzgebiet mit einer vielfältigen Flora und Fauna; das Klotener Ried. Die Naturoase ist das Zuhause von seltenen Pflanzen wie der Sumpf-Schwertlilie, Mehlprimel und dem Lungenenzian, sowie Tieren wie Wasserfröschen, Schwarzkehlchen und sogar einer Biberfamilie. Auch viele seltene Schmetterlinge und Spinnen geniessen die grüne Idylle. Es ist eines der grössten Riedgebiete im Kanton Zürich.

34 Hektaren des Areals sind Flachmoor. Doch die Gräser, Bäume und ihre tierischen Bewohner, die Eichhörnchen, Hasen und Dachse sollen Asphalt Platz machen. So wollen es zumindest die Fluglotsen. Am Aviatik Symposium, das vor einigen Tagen in Zürich stattfand, sprach Johannes Conrad, Vorstandsmitglied des Lotsenverbands Aerocontrol, über Möglichkeiten, die Flugkapazitäten zu steigern. Dies ist nötig, will der Flughafen Zürich das prognostizierte Passagierwachstum bewältigen können.

Die Aerocontrol, die rund 250 Fluglotsen der Flugaufsichtsbehörde Skyguide vertritt, hat eine klare Vorstellung, was man mit der Grünfläche neben der Piste 14 anstellen sollte: teilweise plattmachen und zwei zusätzliche Abrollwege bauen. So wäre eine Kapazitätssteigerung machbar, und zwar ohne den Bau zusätzlicher Pisten oder einer Einschränkung der Nachtruhe.

Kollisionen mit Vogelschwärmen

Heute verfügt die Piste 14 nur am Ende über zwei Abrollwege. Je nach Bremsweg könnten die landenden Flugzeuge aber schon viel früher von der Piste abzweigen und so den dahinter landenden Maschinen Platz machen. Doch die Abrollwege fehlen. Am Symposium zeigte Johannes Conrad den Branchenvertretern, darunter solchen der Swiss und des Flughafens Zürich, ein Bild einer Piste am Flughafen Heathrow in London, die über zahlreiche Abrollwege verfügt und den Fluglotsen die Arbeit erleichtert. Die Aerocontrol hat ausgerechnet, wie gross das Potenzial in Zürich wäre: «Würden hier ebenfalls zusätzliche Abrollwege gebaut, liesse sich die Kapazität pro Stunde um 6 Flüge beziehungsweise 15 Prozent steigern», sagt Conrad im Gespräch. Man habe diese Analyse auch schon dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) vorgelegt.

«Man muss sich schon fragen, wie sinnvoll es ist, dass am Flughafen ein Naturschutzgebiet aufrechterhalten wird, das die Flugkapazitäten einschränkt, und nicht mal für die Öffentlichkeit zugänglich ist», sagt Conrad. «Es wäre wohl sinnvoller, dieses Naturschutzgebiet würde anderswo liegen.»

Fakt ist, dass die beiden Welten – die Aviatik und die Natur – immer wieder mal aufeinander prallen. Es kommt zu Kollisionen von Flugzeugen mit Rotmilanen, Mäusebussarden und Graureihern oder gar ganzen Vogelschwärmen. Vor einem Jahr verzögerte ein Fuchs in Pistennähe den Start einer A380. Wäre er überrollt worden, hätte danach die Piste für die Reinigung der Kadaverrückstände gesperrt werden müssen.

Doch der Vorschlag der Aerocontrol hat einen Haken: Das Flachmoor am Flughafen ist von nationaler Bedeutung und seit 1993 als Schutzobjekt im Bundesinventar der Flachmoore geschützt. Ein Eingriff bedürfte einer Verfassungsänderung. Dennoch ist eine Umgehung dieser Regelung nicht ausgeschlossen. Denn der Bund und der Flughafen planen unabhängig vom Aerocontrol-Vorschlag den Bau von Umrollwegen am Ende der Piste – dort wo es ebenfalls ein Moor hat.

Zwar heisst es in der eidgenössischen Moorlandschaftsverordnung, dass die Landschaft «vor Veränderungen zu schützen ist, welche die Schönheit oder die nationale Bedeutung der Moorlandschaft beeinträchtigt. Doch diese Regel ist anfechtbar, wenn die Sicherheit ins Spiel kommt. Im so genannten Sachplan Infrastruktur Luftfahrt (SIL) des Bundes, der die weitere Entwicklung des Flughafens skizziert, wird von diesem Argument Gebrauch gemacht. Mit dem Bau von neuen Abrollwegen für Landungen auf der Piste soll der Start- und Landeverkehr klarer getrennt werden können.

Ein Baugesuch ist laut dem «Zürcher Unterländer» noch nicht eingegeben, doch die Pläne, die vom Flughafen mitentwickelt wurden, dürften sich nicht mehr gross ändern. Auch beim Bazl werden diese Pläne bestätigt mit dem Verweis auf die Sicherheit. Die Analyse der Aerocontrol, wonach mit Abrollwegen weiter vorn bis zu sechs zusätzliche Landungen pro Stunde möglich wären, sei hingegen bisher nicht belegt. Die Landefrequenz hänge schliesslich auch ab von der Kapazität des Luftraums und den Vorschriften über den Abstand zwischen den anfliegenden Flugzeugen, heisst es beim Bazl.

Gemeindepräsident ist empört

Philipp Bircher, Sprecher der Flughafen Zürich AG, sagt, man habe die zusätzlichen Abrollwege im Rahmen des SIL-Prozesses geprüft, die Idee aber verworfen, «da sie in Konflikt mit den national geschützten Flachmoorflächen käme.» Als Flughafen-Betreiberin sei man verpflichtet, diese zu erhalten und zu fördern. Bircher räumt jedoch ein, dass die Landekapazität erhöht werden könnte.

Ein Sprecher der Flugsicherheitsbehörde Skyguide – dem Arbeitgeber der Aerocontrol-Fluglotsen – verweist ebenfalls auf das Naturschutzgebiet. Der Vorschlag des Mitarbeitenden Johannes Conrad am Branchenanlass sei als «hypothetische Übung» zu verstehen. Aber: «Bestünde diese Möglichkeit tatsächlich, wäre diese prüfenswert.»

Kritischer sieht es Thomas Hardegger, SP-Nationalrat und Präsident der Flughafengemeinde Rümlang. Er war am Aviatik Symposium, als Conrad den Aerocontrol-Vorschlag präsentierte, ebenfalls anwesend: «Ich dachte zuerst, er meinte das nur aus Spass.» Denn es sei nicht nur der Moorschutz-Artikel, der den Beton verhindere, sagt Hardegger. «Die Region um den Flughafen ist bezüglich Luftreinhaltung ein Sanierungsgebiet, die Grenzwerte werden permanent überschritten.»

Die Naturräume würden die Belastung vor Ort mindern. Deshalb sei auch eine Flugkapazitätssteigerung nicht angebracht, meint Hardegger. Im Gegenteil: Er fordert eine Verdünnung des Flugplans. Man müsse sich fragen, welche Flüge für die Direktverbindung mit den wichtigen Wirtschaftsmetropolen, wie es der SIL vorsieht, wirklich notwendig seien.