Dass die Krankenkassenprämien unaufhaltsam steigen, ist fast schon eine Volksweisheit. Und jeden Herbst, wenn der Aufschlag für das nächste Jahr bekannt wird, geht ein Aufschrei durchs Land. Dann ist wieder Ruhe.

Dass es so nicht weitergehen kann, zeigt das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen EY Schweiz in einer aktuellen Studie. Denn sonst werde das System kollabieren, schon 2030.

Das Geld geht Versicherten aus

Führt man die aktuellen Rahmenbedingungen weiter, stiegen die monatlichen Grundversicherungsprämien pro Person von derzeit durchschnittlich 396 auf 826 Franken im Jahr 2030. Zwischen 1996 und 2014 seien die Prämien durchschnittlich um 4,71 Prozent gestiegen, erklärt EY auf Anfrage. Die Studie basiert auf der Annahme, dass dies weiter der Fall ist.

Während 2014 im Durchschnitt Prämien 6 Prozent des Einkommens beanspruchten, würden die Prämien 2030 über 11 Prozent des Einkommens ausmachen. Das reduzierte die Kaufkraft der privaten Haushalte massiv, schreibt EY. Ein Grossteil könnte die Prämien der obligatorischen Krankenversicherung nicht mehr tragen, nur noch wenige Menschen könnten sich Zusatzversicherungen leisten.

«Ohne einschneidende Gegenmassnahmen ist ein finanzieller Kollaps der Grundversicherung mittelfristig nicht ausgeschlossen», sagt Yamin Gröninger, Leiterin Insurance Business Development bei EY Schweiz und Mitautorin der Studie. Es drohten weitere staatliche Interventionen bis hin zu einem erneuten Aufflammen der Debatte um die Einheitskasse.

Gesundheitskosten non stop

Der Hauptreiber hinter dieser Entwicklung ist schnell gefunden: Bis 2030 werden die Gesundheitskosten voraussichtlich um 60 Prozent auf 116 Milliarden Franken steigen, schätzt EY Schweiz. Sie haben sich in der Schweiz in 25 Jahren mehr als verdoppelt. Während die Wirtschaftsleistung des Landes seit 1990 um rund 90 Prozent gestiegen ist, zogen die Gesundheitskosten um 165 Prozent an (vgl. Grafik).

Die Schweizer Bevölkerung wuchs im gleichen Zeitraum gar nur um 23 Prozent. Für das überproportionale Wachstum der Gesundheitskosten verantwortlich sind für EY Fehlanreize, Ineffizienzen sowie externe Faktoren wie der medizinische Fortschritt, die Zunahme chronischer Erkrankungen und die Überalterung der Gesellschaft. Eine Trendwende sei nicht in Sicht.

Und was ist mit den neuen Technologien? Bisher ist durch neue Technologien so ziemlich alles billiger geworden – nur nicht die Krankenkassenprämien. Dabei hätte die Digitalisierung ein gewaltiges Effizienzsteigerungspotenzial. EY schätzt die «Luft», die noch in den Kosten der Krankenkassen drin ist auf etwa 20 Prozent – wie der Bundesrat in seiner Reform «Altersvorsorge 2020».

Die Krücken der Kassen

Es sei im Interesse der Krankenversicherer, einen Beitrag zu mehr Effizienz im Gesundheitswesen zu leisten. Die Branche liefere sich einen wenig produktiven Verdrängungswettbewerb.

Weiter sei die Branche wie kaum eine andere politischem, regulatorischem, demografischem und technologischem Wandel ausgesetzt. Branchenfremde Unternehmen wie Google seien im Begriff, auf den Krankenversicherungsmarkt zu drängen.

«Betrachtet man alle diese Faktoren, wird schnell klar: Das heutige Geschäftsmodell der Krankenversicherer ist mittel- bis langfristig gefährdet», sagt Alexander Lacher, Mitverfasser der Studie und Co-Leiter Krankenversicherungen von EY Schweiz.

Zögerten die Krankenversicherer weiter, ihre Position zu stärken, riskierten sie mittelfristig ihre Marktposition – und langfristig nichts Geringeres als ihre Existenzgrundlage.

In der Digitalisierung sieht EY dabei eine Schlüsselrolle: Die Krankenversicherer würden über umfangreiche Daten verfügen, mit denen sich Prävention, Früherkennung und Behandlung von Krankheiten grundlegend verbessern liessen.

Die geltenden Datenschutzvorschriften gewähren den Krankenversicherern genügend Spielraum, um die Daten zu nutzen, ist sich EY sicher. Sie könnten bereits heute die Daten der Versicherten für personalisierte Beratungen einzusetzen, wenn diese einwilligen.

Sie seien dabei an höchste Sicherheitsstandards gebunden, um die sensitiven Gesundheitsdaten zu schützen. Und schliesslich würden Versicherte ihre Daten aushändigen, wenn sie dafür Anreize erhalten.