Geschäftsbücher

«Venezianische Methode» statt «Milchbüchlein»: die hohe Zeit der Buchhalter

Der italienische Mathematiker Luca Pacioli schrieb 1494 die «Abhandlung über die Buchhaltung».

Der italienische Mathematiker Luca Pacioli schrieb 1494 die «Abhandlung über die Buchhaltung».

Seit 500 Jahren werden Geschäftsbücher nach der «venezianischen Methode» geführt. Die doppelte Buchhaltung ist Segen und Fluch in einem.

Drei Dinge seien zwingend nötig, damit eine Geschäftsgründung gelingen könne, schreibt Luca Pacioli 1494 in seiner «Abhandlung über die Buchhaltung». Zunächst und vor allem seien «das bare Geld und jede andere Vermögenssubstanz» erforderlich. Denn «ohne diese Hilfe kann man schwer Handel treiben». Die Substanz, die man heutzutage als Startkapital bezeichnen würde, konnte man sich freilich schon damals auch borgen: «Es kommt wohl vor, dass viele, ehemals arm, nur mit dem guten Vertrauen beginnend, grosse Geschäfte gemacht haben», stellt Pacioli fest. Wobei es das Vertrauen unter Eid und «bei der Ehre eines wahren Kaufmanns» zu verdienen und zu bewahren galt. Deshalb soll der Jungkaufmann auch ein «geschickter Buchhalter» und «ein guter Rechner» sein. Und dazu braucht er ein System, «damit man in aller Kürze von jedem Geschäft Kenntnis haben kann, sowohl von den Schulden als auch von den Guthaben, denn auf anderes erstreckt sich der Handel nicht».

«Pacioli war ein Mann, der viel Wissen von anderen zusammengefasst hat», beschreibt Bernd Roeck, Geschichtsprofessor und Spezialist für die Zeit der Renaissance, dessen wissenschaftliche Leistung. In seiner grossen Enzyklopädie «Summa de Arithmetica Geometria Proportioni et Proportionalita» ist das Traktat über die Buchhaltung denn auch nur eines unter vielen Kapiteln, die den damaligen Kenntnisstand der Mathematik wiedergeben. Doch diesen 27 Seiten, auf denen Pacioli am Beispiel der Firmengründung eines Jungkaufmannes in Venedig die «venezianische Methode» der doppelten Buchhaltung schildert, verdankt der Professor und franziskanische Ordensbruder, dass er neben seinem ungleich berühmteren Weggefährten Leonardo da Vinci bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist.

Keine «Milchbüchleinrechnung»

Es lässt sich zwar schwerlich behaupten, dass die doppelte Buchhaltung eine genuin venezianische Erfindung war. Ziemlich unbestritten ist aber, dass sich das System ausgehend von Italien über Europa und letztlich über die ganze Welt ausgebreitet hat. Kernstück der doppelten Buchhaltung ist das Kapitalkonto, das im Unterschied zur einfachen Buchhaltung beziehungsweise zur «Milchbüchleinrechnung» nicht nur den Überblick über die laufenden Einnahmen und Ausgaben erlaubt, sondern dem Kaufmann jederzeit Aufschluss über den Bestand des Vermögens gibt. «Die Entwicklung der doppelten Buchhaltung befähigte die Akteure im damaligen Wirtschaftsleben zu rationalen Entscheidungen, wie das zuvor systematisch nicht möglich war», sagt Roeck. Die Ausbreitung der venezianischen Methode sei zwar nicht ursächlich für die wirtschaftliche Blüte der damaligen Zeit gewesen, sagt der Historiker, der die Renaissance in seinem Bestseller «Der Morgen der Welt» (2017) als revolutionäres Ergebnis einer Vielzahl von neuen und umwälzenden Ideen beschreibt. Doch auf jeden Fall halfen die rechnerischen Fertigkeiten der italienischen Buchhalter Familienunternehmen wie jenen der Medici aus Florenz oder jenen der Fugger aus Augsburg im 15. Jahrhundert dabei, sich erfolgreich zu hoch komplexen und geografisch weit verästelten Handelskonzernen zu entwickeln.

Jakob Fugger, der später den Beinamen «der Reiche» erhielt, wurde bereits im Alter von 14 Jahren nach Venedig entsandt, wo er die modernsten kaufmännischen Fertigkeiten erwerben sollte. Als er mehr als zehn Jahre später in seine Heimatstadt zurückkehrte, um die Verantwortung für die Handelsgeschäfte der Familie zu übernehmen, liess er sogleich die «Goldene Schreibstube» einrichten, aus der die Fugger ihre Geschäfte fortan zentral lenken und verwalten sollten. Eine erste Bilanz nach den Grundsätzen der doppelten Buchführung ist aus dem Jahr 1511 überliefert, als die Geschäfte vollständig in seine Hände übergingen. Während sich die habsburgischen Herrscher immer wieder von Liquiditätsengpässen überraschen liessen und für die Bezahlung der Gehälter im Staatsapparat regelmässig in Augsburg um Kredit nachsuchen mussten, wussten die Fugger haargenau, welche Sicherheiten sie für ihre Darlehen haben wollten. Die konsolidierte Betrachtungsweise der gesamten Handelsaktivitäten garantierte den Fuggern jederzeit eine zuverlässige Gesamtsicht über ihre Vermögensverhältnisse. Im Gegensatz dazu verloren sich die Monarchen in ihrem grossen Reich, dessen Finanzen nicht aus einer Hand, sondern dezentral über zahlreiche regionale Staatskassen gesteuert wurden.

Die Frage der Präzision

Es ist bestimmt kein Zufall, dass sich die privaten Händler die Prinzipien des modernen kaufmännischen Denkens und die Techniken der Buchhaltung weit rascher aneigneten als die öffentliche Hand zu seiner Zeit. Allein der Umgang mit den vielen Währungen, von denen es nur in Italien Dutzende gab und die in einer konsolidierten Buchhaltung allesamt in eine einheitliche Rechnungswährung umgerechnet werden mussten, führte den Kaufleuten tagtäglich die absolute Notwendigkeit einer akkuraten Finanzverwaltung vor Augen.

Bis heute kann die venezianische Methode ihren Anwendern kommerziell segenreiche Erkenntnisse vermitteln. Gleichzeitig erweist sich die doppelte Buchhaltung aber auch immer wieder als Fluch, weil sie eine mathematische Präzision und Zuverlässigkeit suggeriert, die sie gar nicht haben kann. Die Wirtschaftsgeschichte ist voll von Finanzskandalen und betrügerischen Konkursen, bei denen die Buchhalter und ihre Auftraggeber die von Pacioli beschworene Ehre des wahren Kaufmanns sträflich missachtet hatten. Vom schwedischen Zündhölzerfabrikanten Kreuger (1929) über den US-Energiekonzern Enron (2001) bis zum italienischen Milchverarbeiter Parmalat (2003) und später natürlich die halbe internationale Banken-Prominenz: Beispiele gibt es viele, die zeigen, wie sich die ökonomischen Realitäten trotz oder gerade mithilfe der doppelten Buchhaltung vorzüglich verschleiern lassen.

Die Quintessenz davon kann nur lauten, dass sich die Ehre des Kaufmanns und sein Geschick als Buchhalter und Rechner nur bedingt erfolgreich an Dritte delegieren lassen. In den meisten der über 600 000 Unternehmen, die in der Schweiz als solche registriert sind, wird in diesen Tagen Jahresbilanz gezogen. Die Tatsache, dass 2017 nur 4709 Firmen Konkurs anmelden mussten, lässt den Schluss zu, dass Paciolis Grundsätze weiterhin Gültigkeit haben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1