Gesundheit

Vasektomien und Hämorrhoiden-Operationen: Die Migros greift zum Skalpell

Das «orange M» breitet sich im Gesundheitswesen aus. KEYSTONE

Das «orange M» breitet sich im Gesundheitswesen aus. KEYSTONE

Der orange Riese breitet sich im Gesundheitswesen aus und stösst ins Geschäft mit Vasektomien, Meniskus- und Hämorrhoiden-Operationen vor.

Er scheint die Ruhe selbst: Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen verzog an der gestrigen Jahresmedienkonferenz keine Miene, sprach gelassen über die Herausforderungen im Markt und den erneut geschrumpften Gewinn (siehe Tabelle). Dabei hat die Genossenschaft eines der turbulenteren Jahre hinter sich. Am Hauptsitz gab es Entlassungen, Handys von Kaderangestellten wurden durchleuchtet. Und am Wochenende kam es zu einer Kampfwahl ums Präsidium.

Das waren nur die internen Themen. Hinzu kamen der anhaltende Einkaufstourismus und der Strukturwandel mit der wachsenden Onlinekonkurrenz. Zumbrunnen erhofft sich Besserung durch diverse Effizienz-Projekte. So soll die Gewinnquote in zwei bis drei Jahren wieder bei zwei bis vier Prozent liegen – heute sind es 1,7.

Doch der Neuenburger will es nicht bei Effizienzprogrammen oder dem Verkauf von Bananen, Waschmitteln und Kaffeemaschinen belassen. Er möchte im Gesundheitsmarkt kräftig ausbauen. Die Grundlage dafür legte die Migros 2015 mit dem Kauf der Arztpraxis-Kette Medbase, von denen sie über 40 Standorte mit 300 Haus- und Spezialärzten sowie 320 Therapeuten betreibt. 2017 begann die Online-Versandapotheke «Zur Rose» erste Shop-in-Shop-Filialen in Migros-Supermärkten zu eröffnen. Im gleichen Jahr folgte die Übernahme der Permanence-Praxis am Zürcher Hauptbahnhof. Seit Januar gehören die 43 Topwell-Apotheken zur Migros.

Nun hat Zumbrunnen die nächste Phase eingeleitet – mit dem Griff zum Skalpell. Im Herbst übernahm Medbase das Operationszentrum Burgdorf BE und kündigte eine Kooperation mit dem Spital Thun für ambulante Eingriffe an. Zu den häufigsten Behandlungen in diesem Bereich gehören unter anderem Mandelentfernungen, Vasektomien sowie Operationen am Meniskus, bei Leistenbrüchen oder Hämorrhoiden.

Fitnesscenter und Apotheken

Bei der Zusammenarbeit in Burgdorf gab Medbase bekannt, expandieren zu wollen. Zumbrunnen spricht gegenüber CH Media von einer «hochinteressanten Kooperation» mit öffentlichen Spitälern, so auch im Fall von Thun, wo Medbase ein Operationszentrum auf rund 1000 Quadratmetern betreibt. «Ich denke, dass solche Kooperationen Potenzial haben.» Die Migros könne ihre Kompetenzen aus dem Gesundheitsbereich einbringen. Zudem fordere nicht zuletzt der Bundesrat eine Verlagerung von stationären zu ambulanten Operationen.

Gesundheitsökonom Heinz Locher erachtet die Strategie der Detailhändlerin als sinnvoll. «Es ist gut, wenn externe Firmen in das Gesundheitswesen vordringen, denn selber kann sich die Branche nicht neu erfinden, obwohl dies angesichts der steigenden Kosten dringend nötig wäre.» Wenn nun die Migros ihr medizinisches Angebot ausweite, könne sie gewaltige Synergien erzielen, da ihr Gesundheitsportfolio mit den Klubschulen, den Topwell-Apotheken, der Kooperation mit Zur Rose oder den Activ-Fitnesszentren schon heute gross sei. Die Migros könne so quasi zum Generalunternehmen im Gesundheitsbereich werden. «Das kann der Branche und somit auch den Patienten nur guttun», so Locher.

Dass die Migros den Erfolg im Markt der körperlichen Gebrechen sucht, überrascht den Ökonomen nicht. «Ihr Kerngeschäft im Detailhandel stagniert, während die Demografie dafür sorgt, dass das Gesundheitswesen weiter wächst.» Bedenken, dass bei einem Detailhändler der Profitgedanke ausgeprägter ist als bei einem öffentlichen Spital, hat Locher nicht, «solange die Kosten und die Qualität für die Patienten stimmen».

Grosse Datensammlung

Barbara Züst, Geschäftsführerin der Stiftung SPO Patientenschutz, sieht ebenfalls kein Problem in der Ausbreitung der Migros im Gesundheitswesen. Es sei begrüssenswert, wenn die Medbase-Geschäfte in Schweizer Hand seien, wo klar sei, woher das Geld stamme.

Doch da wäre noch die Datenkumulierung, die der orange Riese durch seine verschiedenen Sparten ansammelt. Nur schon die neue Gesundheitsplattform «Impuls» zählt über 2,5 Millionen Kunden. Die Vorstellung, dass die Kassiererin künftig nach dem Einscannen der Cumulus-Karte dem Kunden theoretisch einen Bon für Hämorrhoiden-Salbe und ein Gesässmuskeltraining abgeben könnte, dürfte nicht allen gefallen. Nur: «Bisher gibt es keine Anhaltpunkte dafür, dass diese sensiblen Daten nicht getrennt bleiben», sagt Züst. Für das Vertrauen in die Migros spreche zudem, dass es sich um eine Genossenschaft handle, bei der die Profitmaximierung nicht im Vordergrund stehe. Die Migros betont ebenfalls stets, dass die Gesundheitsdaten der Kunden strikt getrennt blieben.

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