Die Entwicklung ist wegen der grossen Relevanz der USA für die globale Konjunktur und das Finanzsystems von hoher Bedeutung. Der Zinsanstieg erfasste am Donnerstag Asien und Europa. In vielen Industrie- und Schwellenländern stiegen die Kapitalmarktzinsen ebenfalls kräftig an. In der Schweiz etwa stieg die Durchschnittsrendite für zehnjährige Bundesobligationen um 0,42 Prozentpunkte auf 0,135 Prozent an.

In Deutschland bewegten sich zehnjährige Bundesanleihen mit bis zu 0,54 Prozent und damit 0,07 Prozentpunkte höher als am Mittwoch. Der nach wie vor grosse Zinsabstand zwischen Deutschland und den USA von etwa 2,6 Prozentpunkten hat seine Ursache in der unterschiedlichen Ausrichtung der Geldpolitik, die in den USA wesentlich straffer ist als in Europa.

Starke US-Konjunkturdaten

Am Mittwoch hatten amerikanische Konjunkturdaten einmal mehr überzeugt. So war die Beschäftigung in der Privatwirtschaft nach Zahlen des Dienstleisters ADP im September deutlich angestiegen. Zudem hellte sich die Stimmung unter amerikanischen Dienstleistern kräftig auf.

Die US-Wirtschaft befindet sich seit längerem in einem stabilen Aufschwung mit moderaten Inflationsraten in der Nähe des Notenbankziels. Die Löhne und Gehälter der Arbeiter und Angestellten ziehen aber langsam an. Über eine höhere Güternachfrage könnte dies zu höheren Inflationsraten und Zinsen führen.

Notenbankchef befeuert Spekulationen

Die Aussicht auf weiter steigende Zinsen bestätigte am späten Mittwochabend US-Notenbankchef Powell. Womöglich könnten die Leitzinsen der Federal Reserve (Fed) sogar stärker steigen als bislang vermutet. Powell sagte, das Zinsniveau unterstütze zwar immer noch die Konjunktur, es bewege sich aber allmählich auf neutrales Niveau zu. "Wir könnten über Neutral gehen. Aber aktuell sind wir wahrscheinlich noch weit von diesem Punkt entfernt."

Die Fed veranschlagt das neutrale Zinsniveau gegenwärtig bei etwa drei Prozent. Dieser Punkt kennzeichnet das Zinsniveau, auf dem die Wirtschaft weder gebremst noch angeschoben wird. Derzeit liegen die Leitzinsen der Fed in einer Spanne zwischen 2,0 und 2,25 Prozent. Viele Beobachter waren bisher davon ausgegangen, dass die Fed ihren Straffungskurs im Laufe des kommenden Jahres beenden wird, weil dann das neutrale Niveau erreicht sein dürfte. Dieses Szenario wird durch Powells Bemerkungen in Frage gestellt.

Powell hob zudem den aus seiner Sicht sehr guten Zustand der US-Wirtschaft hervor. Die USA befänden sich in "aussergewöhnlichen Zeiten" mit einer niedrigen Inflation und sehr geringer Arbeitslosigkeit. Die Vereinigten Staaten durchlebten eine bemerkenswert positive Wirtschaftslage: "Es gibt wirklich keinen Grund zu der Annahme, dass dieser Zyklus nicht noch einige Zeit fortgesetzt werden kann."