Schläft dieser Mann eigentlich nie? Jeden Morgen zwischen 6 und 9 Uhr verschickt der Journalist Mike Allen in Washington einen Newsletter – in dem er die Schlagzeilen des Tages aufbereitet, Klatsch über bekannte Politiker und Journalisten erzählt oder heissen Gerüchten auf den Grund geht. «Playbook» nennt sich diese E-Mail-Publikation, und der 50-jährige Allen rühmt sich, den restlichen Medien in der Hauptstadt die Tagesordnung aufzudrücken.

Das ist zwar ein wenig übertrieben, weil mittlerweile selbst die träge «New York Times» am frühen Morgen eine «Playbook»-Kopie verschickt. Tatsache aber ist, dass Mike Allen – der im persönlichen Gespräch äusserst umgänglich wirkt und überraschend scheu ist – fast in Eigenregie dem Washingtoner Medienbetrieb seinen Stempel aufgedrückt hat.

Möglich wurde dies, weil Allen bienenfleissig ist, jeden Morgen kurz nach 4 Uhr aus dem Bett steigt und offenbar jede wichtige Figur in Washington kennt. Möglich wurde dies aber auch, weil Allen die Redaktion der Insider-Postille «Politico» in seinem Rücken hat, die geltenden Konventionen über den Haufen stiess, als sie Anfang 2007 in einem Vorort von Washington den Betrieb aufnahm.

«Politico» stellt eine der wenigen aktuellen Erfolgsgeschichten der amerikanischen Medienbranche dar: Bereits Ende 2009, inmitten einer schweren Rezession, begann das Medienunternehmen schwarze Zahlen zu schreiben – auch weil sich die Druckausgabe, die bloss in Washington erhältlich ist, vor Inserenten kaum retten konnte. Heute beschäftigt der Betrieb mehr als 150 Journalistinnen und Journalisten, besitzt einen Ableger in New York («Capital New York») und wird im nächsten Frühling nach Europa expandieren, wie diese Woche bekannt wurde.

Süffige Artikel

Treibende Kraft hinter «Politico» sind Geschäftsführer Jim VandeHei und Chefredaktor John Harris, die beide lange Jahre für die «Washington Post» als Journalisten gearbeitet haben. Harris gilt als das publizistische Gewissen der Publikation: Er hat sich unter anderem als Biograf von Bill Clinton einen Namen gemacht. VandeHei hingegen ist die Antriebsfeder des Konzerns: ein rabiater Football-Fan, der seine Untergebenen stets anfeuert, noch schneller zu arbeiten und die Nachrichtenlage zu dominieren. Lange hält dies jedoch niemand aus: In den Anfangsjahren glich «Politico» einem Durchlauferhitzer mit sehr hoher Fluktuationsrate.

Ursprünglich war es denn auch das hohe Tempo, mit dem «Politico» für Aufsehen sorgte. Den damals 30 Angestellten des Start-ups gelang es, selbst aus einem beiläufig hingeworfenen Nebensatz eines hochrangigen Politikers in Windeseile eine atemlose Schlagzeile zu zimmern. Puristen übergossen die Publikation deshalb mit Hohn und Spott; den Lesern aber gefielen die süffigen Artikel aus dem Zentrum der Macht – während des Präsidentschaftswahlkampfes 2008 stieg das Interesse an Politikberichterstattung nicht nur in Washington.

Mittlerweile ist «Politico» erwachsen geworden. Tempo wird zwar immer noch grossgeschrieben, aber neuerdings wird auffällig häufig betont, wie wichtig doch journalistische Qualität sei. Seit November des vorigen Jahres publiziert «Politico» alle zwei Monate das «Magazine», ein dickes Heft mit hintergründigen Artikeln. Auch wurde das Angebot mit (häufig kostenpflichtigen) Informationsdiensten ausgebaut: Nun gibt es 19 Angebote, die Bereiche wie Rüstungsindustrie, Landwirtschaft oder Banken abdeckt – und Entscheidungsträgern einen Einblick in den bisweilen komplexen politischen Prozess in Washington geben soll.

Das ist nicht ganz günstig: Ein Abo für den Basisdienst «Politico Pro» kostet mehrere tausend Dollar pro Jahr. Da es in der amerikanischen Hauptstadt aber von Lobbyisten wimmelt, die Angst haben, Breaking News zu verpassen, soll «Politico» mehr als 16 000 zahlende Kunden haben. Die genauen Zahlen sind unter Verschluss: «Politico» wird vom Multimillionär Robert Allbritton kontrolliert.

Ob sich dieses Geschäftsmodell in Europa kopieren lässt, wird sich ab kommendem Jahr zeigen. Arbeitsbiene Mike Allen jedenfalls zeigt sich zuversichtlich. Am Mittwoch gab er in seinem Newsletter die Twitter-Parole «#globaldomination» aus – als würde «Politico» schon bald die ganze Medienwelt dominieren.