Kunst

US-Gerichte entscheiden über Gemälde

Abstrakter Expressionismus: Robert Motherwells «Elegy to Spanish Republic CIII» von 1965. Keystone

Abstrakter Expressionismus: Robert Motherwells «Elegy to Spanish Republic CIII» von 1965. Keystone

Im amerikanischen Kunstmarkt stehen hohe Summen auf dem Spiel. Deswegen halten sich aus Angst vor Klagen Kunstexperten immer häufiger mit Gutachten zurück. So entscheiden nun meist Gerichte darüber, was echt ist und was nicht. Verlassen kann sich darauf aber niemand.

Jack Flams Urteil ist gefragt. Wenn es um das Werk des abstrakten Expressionisten Robert Motherwell geht, gibt es wohl keinen renommierteren Experten als ihn. Flam ist Vorsitzender der Daedalus Stiftung, die den Nachlass von Motherwell verwaltet, sowie Herausgeber des Catalogue Raisonee von Motherwells Werk – des Gesamtverzeichnisses seiner Bilder.

So war es nur selbstverständlich, als im Januar 2009 die Kunsthändlerin Ann Freedman Flam zurate zog, nachdem Zweifel an einem Motherwell aufgekommen waren, der durch ihre Hände ging. Flam unterzog das Bild einer forensischen Untersuchung und kam zum Schluss, dass einige der verwendeten Pigmente zu Motherwells Lebzeiten noch gar nicht existierten. Zu diesem Zeitpunkt hätte Ann Freedman, Direktorin der mittlerweile geschlossenen Galerie Knoedler auf der Manhattaner East Side, das Bild aus dem Verkehr ziehen und eine Untersuchung gegen ihre Bezugsquelle einleiten lassen müssen. Doch weil zu viel Geld im Spiel war und Freedman dadurch ihre mangelnde Sorgfalt beim Einkauf hätte zugeben müssen, tat sie etwas anderes: Sie zweifelte das Gutachten an und liess es auf einen gerichtlichen Vergleich ankommen.

Für Flam war der Vorfall indes Symptom einer fatalen Entwicklung. Wegen des überhitzten Markts und der Unsummen, die auf dem Spiel stehen, werden bei der Authentifizierung von Kunstwerken immer häufiger die Experten von den Juristen überstimmt.

Experten haben Angst

Das hat zur Folge, dass die Gutachter aus Angst vor Gerichtsverfahren immer öfter schweigen. Über die Echtheit von Kunst befinden statt der Fachleute dann die Gerichte. «In einem Zivilgerichtsverfahren ist der Beweis-Standard die höhere Wahrscheinlichkeit», sagt Steve Spencer, Experte für Kunstrecht. «Dem Käufer eines Picasso kann es aber wohl kaum ausreichen, zu wissen, dass das Bild mit grosser Wahrscheinlichkeit echt ist.» Wahrscheinlich echt, so Spencer, sei in etwa so wie ein wenig schwanger. Deshalb sind solche Gerichtsurteile, anders als die Expertengutachten, auch für den Markt ohne Belang.

So wurde das Leonardo-Da-Vinci-Gemälde «La Belle Ferronière» vom Kunsthändler Joseph Duveen 1929 zur Fälschung erklärt. Der Besitzer verklagte den Gutachter, es kam schliesslich zum Vergleich. Danach war das Bild jedoch mehr als 80 Jahre lang ein Ladenhüter. Erst 2010 bestimmte ein Experte bei Sotheby’s, es stamme von einem Leonardo-Schüler, und verkaufte es für 1,5 Millionen Dollar (1,45 Millionen Franken).

Die Beispiele zeigen, was passiert, wenn die Kenner von den Juristen geknebelt werden. Jeder objektive Massstab für Echtheit wird ausgeschaltet, es entscheidet alleine der Markt. «Eine Entscheidung eines US-Gerichts hat praktisch keinen Wert», sagt der New Yorker Anwalt Peter Stern. «Die einzige Instanz, die über den Wert eines Werkes entscheidet, ist der Markt.» Glaubt der Käufer hinreichend an die Echtheit, um einen guten Preis zu zahlen, dann erübrigen sich alle weiteren Fragen.

In den USA hat diese Klagekultur längst dazu geführt, dass eine wissenschaftliche Authentifizierung hochkarätiger Bilder kaum mehr stattfindet. Zahlreiche namhafte Stiftungen wie die Warhol Stiftung, die Liechtenstein Stiftung oder das Noguchi Museum haben aus Angst vor kostspieligen Verfahren längst ihre Gutachter-Tätigkeit eingestellt. Die Calder Stiftung ist dazu übergegangen, einen Leitfaden für die Beurteilung der Echtheit zur Verfügung zu stellen. Vor einem definitiven Catalogue Raisonee schreckt sie jedoch zurück.

Millionen für Haftpflichtversicherer

Für die Liechtenstein Stiftung kam die grosse Ernüchterung, nachdem sie fünf Millionen Dollar für eine Haftpflichtversicherung ausgegeben hatte, um ihre Gutachten verteidigen zu können. Als kurz danach jedoch bekannt wurde, dass die Warhol Stiftung in einem Gerichtsverfahren um die Echtheit eines Siebdrucks sieben Millionen Dollar an Anwaltskosten bezahlen musste, kündigte man die Versicherung jedoch wieder und gab den Catalogue Raisonee auf.

Für Jack Flam ist dieser Zustand unerträglich. «Heute kann jeder behaupten, irgendetwas sei echt. Aber wenn die Experten nach sorgfältiger Prüfung sagen, etwas sei unecht, haben sie sofort ein Verfahren am
Hals.» De facto werde dadurch der Fälschung und der Veräusserung von Fälschungen Tür und Tor geöffnet. Damit, so Flam, könne sich jedoch niemand, dem wirklich an der Kunst gelegen ist, abfinden. Als Ausweg sieht er jedoch nur eine neue Gesetzgebung, die Experten vor Zivilklagen schützt. So bleibt ihm und seinen Kollegen nur, die Gesetzgeber dazu zu bewegen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

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