Der dramatische Zerfall des Erdöl-Preises führt nun auch in Amerika zu ersten Kurskorrekturen. Vor einigen Tagen gab das Milliarden-Unternehmen Helmerich und Payne bekannt, dass der Preisdruck eine Schliessung von bis zu 50 Förderstätten zur Folge haben werde. Derzeit betreibt die in Oklahoma domizilierte Firma, die an der New Yorker Börse kotiert ist, 286 Bohrtürme. Sie ist einer der führenden Anbieter.

Analysten korrigierten nach der Ankündigung von Helmerich und Payne umgehend ihre Branchen-Prognosen gegen unten. James Wicklund, der für die Credit Suisse den amerikanischen Ölmarkt beobachtet, sprach von einem «hässlichen Resultat» und prognostizierte tiefere Margen für sämtliche Förderfirmen. Betroffen sind aber auch Zulieferbetriebe. U.S. Steel, einst grösster Stahlkonzern der Welt, gab vor einigen Tagen die temporäre Stilllegung von Fabriken in Ohio und Texas und die Entlassung von 750 der 850 Angestellten bekannt. In den beiden Fabriken wurden bisher jährlich mehr als 800 000 Tonnen Stahlröhren hergestellt, die vornehmlich bei der Förderung von Erdöl eingesetzt wurden. Die Entwicklung kommt einer dramatischen Kehrtwende gleich: Noch im Dezember schrieb das «Wall Street Journal», U.S. Steel habe neue Arbeitskräfte angeheuert und 95 Millionen Dollar in das Werk in Lorain (Ohio) investiert.

Positiv für die US-Wirtschaft

Dennoch gebe es vorderhand keinen Grund zur Panik, sagen Beobachter. Der geldpolitische Ausschuss der US-Notenbank Federal Reserve schlussfolgerte Mitte Dezember: «Unter dem Strich» werde sich der tiefere Ölpreis «positiv auf die amerikanische Konjunktur auswirken. Die Konsumenten haben dank sinkenden Benzinpreisen mehr Geld in der Tasche.» Experten rechnen auch nicht mit Massenentlassungen in einer Branche, die landesweit eine Million Menschen beschäftigt, rund 150 000 mehr als noch vor vier Jahren. Gemäss aktuellen Zahlen der US-Regierung wurden im Dezember 2014 gar neue Stellen geschaffen.

Am vergangenen Freitag steuerte der US-Referenzpreis auf 48 Dollar pro Fass zu. Selbst damit lässt sich Geld verdienen, obwohl dies einem Preiszerfall von 55 Prozent in den vergangenen sechs Monaten gleichkommt. Viele Förderstellen in den Boom-Staaten Texas und North Dakota sind drei oder vier Jahre in Betrieb. Der Abnahmepreis für das schwarze Gold wurde mittels Deckungsgeschäften (Hedge) fixiert. Solange die Förderfirmen ihre Rechnungen bezahlen können, werden sie weiter Öl auf den Markt werfen. Sie müssen auch: Die Branche ist hoch verschuldet. Das «Wall Street Journal» schätzt, dass die Produktionsfirmen Kredite von fast 200 Milliarden Dollar aufgenommen haben.

Gefährlich wirds ab 30 Dollar

Der Preiszerfall geht wohl weiter. Denn mit einer abrupten Drosselung der Produktion ist erst zu rechnen, wenn der Leitpreis für Erdöl die 30-Dollar-Marke durchbricht. Anzeichen für eine künstliche Verknappung gibt es keine. Obwohl die Energy Information Administration, die im Auftrag der US-Regierung Statistiken zum heimischen Ölmarkt erstellt, kurz nach dem Jahreswechsel meldete, dass die Öl-Lagerstätten prall gefüllt seien. Sie befinden sich auf dem höchsten Niveau seit 1990. Die Öl-Produktion stieg seit Anfang 2013 von sieben Millionen auf neun Millionen Fässer Öl pro Tag.

Erste Förderstellen sind stillgelegt

Früher oder später werden auch die Boom-Staaten über die Bücher gehen müssen. In North Dakota explodierte die Konjunktur in den vergangenen zwei, drei Jahren förmlich: 2012 betrug das Wirtschaftswachstum 20,3 Prozent, 2013 immerhin noch 9,7 Prozent. Nun flacht die Konjunkturkurve ab. Ende 2014 waren im Staat an der Grenze zu Kanada, dem zweitgrössten Erdölproduzenten der USA, 182 Förderstellen in Betrieb. Nun sind es noch 166, Tendenz stark fallend.

Weil bei der Erstellung des Budgets mit einem Ölpreis weit über 75 Dollar gerechnet worden war, droht North Dakota ein Einbruch der Staatseinnahmen. Allerdings stammen nur gerade 3 Prozent der Budgeteinnahmen direkt aus Abgaben auf der Erdölförderung. Dennoch sei die Stimmung deshalb «gedrückt». Von einem Untergang der Ölindustrie in North Dakota könne aber keine Rede sein, sagte ein hochrangiger Regierungsangestellter kürzlich vor einem Parlamentsausschuss.