Fukushima und Tschernobyl sind heute untrennbar mit atomaren Katastrophen verbunden. Ein weniger bekanntes Schlagwort rangiert für Umweltschützer indes auf derselben Ebene: Majak. Von Stalin für den Bau der Atombombe errichtet, war die russische Kerntechnik-Anlage im südlichen Ural 1957 Schauplatz des drittgrössten Atomunfalls der Geschichte – hinter den Vorfällen in Japan und der Ukraine. Bis heute ist das Gebiet um die Anlage stark kontaminiert. Ein Mitarbeiter der US-Umweltschutzorganisation NRDC nannte Majak vor nicht allzu langer Zeit den «am schlimmsten verseuchten Fleck auf diesem Planeten».

Kernwaffenfähiges Material wird in Majak nicht mehr hergestellt. Stattdessen spielt die Anlage eine wichtige Rolle bei der Wiederaufbereitung von Uran für Kernkraftwerke. Umweltstandards, kritisiert Greenpeace, würden in Majak aber bis heute mit Füssen getreten. Von Beginn an wurden etwa radioaktive Abfälle in die umliegenden Gewässer geschüttet. Immer noch gebe es ungewöhnliche Ausschläge bei Messungen zur Strahlenbelastung, sagt Stefan Füglister, der 2010 Fehler und Falschinformationen in der Axpo-Ökobilanz aufdeckte.

Füglister hatte der Axpo nachgewiesen, dass die in Beznau eingesetzten Brennstäbe Majak-Uran enthalten. Axpo erklärte daraufhin, die Bezüge dieses Materials einzustellen – so lange, bis die notwendige Transparenz in der Lieferkette hergestellt sei. Mehrere Gesuche seitens der Axpo sowie der Schweizer Behörden, Majak zu besuchen, wurden von der russischen Seite abgelehnt. 2014 bekräftigte Axpo den Verzicht auf Majak-Uran, da neuere Messungen nach eigenen Angaben zwar «keine eindeutigen Hinweise auf eine Verletzung der gültigen Umweltgrenzwerte durch den heutigen Betrieb» lieferten, dies aber auch nicht komplett ausgeschlossen werden könne.

Majak noch heute im Stromnetz

Ein Stück Majak steckt allerdings bis heute in der Schweizer Stromversorgung. Nach wie vor treiben Brennstäbe, die mithilfe von Majak-Uran wiederaufbereitet wurden, die Turbinen im Atomkraftwerk Beznau an. Das dürfte noch bis etwa 2017 der Fall sein, denn: Ein Brennelement kann laut Axpo bis zu sechs Jahre im Kernreaktor verbleiben.

Die neueste bis April 2018 gültige Umweltdeklaration für das AKW Beznau aus dem Juni dieses Jahres weist die Anlage in Majak nach wie vor als zentrales Element in der Wiederaufbereitungskette der Brennstoffe aus. Der Konzern erklärt das mit dem Umstand, dass sich im Referenzjahr 2013/14 «immer noch Uran aus Majak aus früheren Brennelement-Lieferungen» im Kern befunden habe. Das Uran sei in der Umweltdeklaration entsprechend ausgewiesen worden. Sprecher Antonio Sommavilla stellt klar: «Wir beziehen aber kein neues Uran mehr aus Majak.» Vorrätig sei ebenfalls keines mehr.

Unklarheit über künftigen Bezug

Bald soll das Majak-Uran in Beznau Geschichte sein. «Woher der Brennstoff für das AKW künftig kommen soll, erklärt Axpo in der Umweltdeklaration allerdings nicht», kritisiert Aktivist Füglister. Auf Nachfrage heisst es seitens der Axpo: «Der Brennstoff ist eine Mischung aus rezykliertem Uran aus (zwischenzeitlich stillgelegten) russischen Industriereaktoren und aus westlichen Kernkraftwerken.» Somit könne auf die Beimischung von Majak-Uran verzichtet werden. Nuklearexperten halten dies durchaus für realistisch, schliesslich seien alle notwendigen Materialien auch ausserhalb Russlands zu bekommen. Auch die Prozesse zur Wiederaufbereitung benutzter Brennstäbe müssen nicht zwingend in Majak erfolgen.

Intransparente Deklaration

Stefan Füglister ist skeptischer. Der Atom-Experte beklagt die fehlende Transparenz in der Umweltdeklaration. Der Axpo wirft er vor, dass nichts über die künftigen Herstellungsverfahren preisgegeben und stattdessen ausschliesslich die alte Majak-Methode erwähnt wird. «Das Rätsel bleibt offen, woher die Bestandteile kommen.»

Antonio Sommavilla erklärt dazu: Die Lieferantin Areva habe sich vertraglich verpflichtet, kein Majak-Uran mehr nach Beznau zu liefern. «Wir kontrollieren die Lieferdokumente», sagt der Axpo-Sprecher. «Majak kann das Uran nur in einer bestimmten chemischen Form liefern. Wir überzeugen uns, dass für unsere Produktion kein Uran in dieser Form verarbeitet wird. Das für uns verwendete Uran hat eine andere chemische Form.»

Auf Anfrage der «Nordwestschweiz» teilt die französische Lieferantin Areva mit: Man begleite die Brennelementfertigung intensiv. Alles unterliege den Regeln der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Jeder Prozessschritt werde genauestens dokumentiert.

Kaum Kontrolle möglich

Für Füglister ist der Fall indes nicht so eindeutig: «Dass künftig kein Majak-Brennstoff mehr in neueren Brennelementen enthalten ist, kann die Axpo nicht kontrollieren.» Material aus Majak lande «wie anderes russisches Material (auch jenes für Beznau) in Seversk und Elektrostal zur Weiterverarbeitung». Die Rezeptur, die dort für neue Brennstäbe angewandt werde, ist laut Füglister «geheimer als das Geheimnis um den Appenzeller Käse».

Daher habe Greenpeace Axpo wiederholt aufgefordert, komplett aus den Russland-Geschäften auszusteigen. «Beim AKW Gösgen hat man offenbar einen Weg gefunden», sagt er. In der Tat: Das AKW Gösgen bezieht ab 2016 überhaupt kein Material mehr aus Russland. Stattdessen setzt die Betreibergesellschaft auf Uran aus Kanada und Australien.