El Gouna — einn ägyptischer Ferienort am roten Meer — war das Gesellenstück von Samih Sawiris. Es war die erste von ihm erbaute Stadt, mittlerweile sind es neun. In El Gouna verbringt Sawiris nun seine Osterferien, zusammen mit der ganzen Familie: Eltern, seine zwei Brüder, ebenfalls Unternehmer, und viele Kinder.

Zur Ruhe kommt Sawiris nicht. Die Stadtverwaltung will ständig seine Meinung hören, und morgen Dienstag veröffentlicht sein Unternehmen Orascom die Jahreszahlen. Am Telefon antwortet Sawiris auf die Fragen der Schweizer Journalisten.

Herr Sawiris, laufen die Geschäfte in El Gouna immer noch gut? Sie sagten einmal, es sei eine echte Cashcow.

Samih Sawiris: El Gouna ist eine richtige Stadt geworden, 25000 Menschen leben hier und wir verdienen überall mit. Sie brauchen Wasser oder Strom, das müssen sie von uns kaufen. Sie holen Lebensmittel in einem Laden, dieser Laden zahlt uns Miete. Sie wollen Müll loswerden, wir entsorgen diesen und erhalten dafür eine Gebühr. Wir sind die Stadtverwaltung von El Gouna und erheben Abgaben. Nur dürfen wir sie nicht «Steuern» nennen, die darf nur der Staat erheben.

Dem Konzern Orascom, in dem all dies Städtchen enthalten sind, vermeldet für 2016 einen Verlust von rund 200 Millionen. Schulden mussten höher bewertet werden, weil das ägyptische Pfund abwertete. Wie wirkt sich das aus?

Das waren ja reine Papierverluste. Wir rechnen in Schweizer Franken ab, in dieser Währung sind die Schulden gleich hoch geblieben. Die Abwertung des ägyptischen Pfundes hätte uns wehgetan, wären wir eine rein ägyptische Gesellschaft und verdienten unser Geld in Pfund. Wir haben aber den Hauptsitz in der Schweiz und rechnen in Franken ab. Selbst die ägyptische Orascom verdient ihr Geld nicht in Pfund, sondern hauptsächlich in US-Dollar. Aber was soll’s: Bilanzregeln sind Bilanzregeln.

Überzeugen diese Regeln Sie nicht?

Ehrlich gesagt ist es mir ein Rätsel; auch nach 35 Jahren im Geschäft. Weil das Pfund zum US-Dollar um die Hälfte gefallen ist, erfordern die Bilanzregeln dies: die Schulden der ägyptischen Orascom sollen in US-Dollar doppelt so hoch bewertet werden; in der Bilanz der gesamten Orascom muss das als Verlust verbucht werden. In der Realität aber geht mein Geschäft in Ägypten durch die Abwertung besser. All meine Kosten sind dort in Franken noch halb so hoch: Gehälter, Wasser, Strom, Steuern. Immerhin haben die Finanzleute es durchschaut: Die Aktie holte die Verluste rasch wieder auf.

Wann rechnen Sie wieder mit einem Gewinn für Orascom?

Ich bin überzeugt, dass wir nicht mehr weit davon entfernt sind, Einnahmen und Ausgaben auszugleichen. Trotz des schwierigen Umfeldes haben wir auch 2016 wieder Geld in neue Projekte investiert. Wir entwickeln uns lieber weiter, als dass wir Verluste um jeden Preis zu vermeiden versuchen, und dafür still zu stehen.

Die Aktionäre klagen nicht? Der Kurs ist weit von den Höchstständen entfernt.

Nein, die Aktionäre sehen ja, dass wir jedes Jahr ausbauen: Wir haben mehr Projekte, verkaufen mehr Immobilien. Und wir sind anders als sonstige Immobilienentwickler: wann immer wir ein Stück Land verkaufen, kaufen wir gleichzeitig einen Kunden. Der Landerwerber kauft in unseren Resorts ein, besucht unsere Parks, unsere Bergbahnen, usw. Das gilt für El Gouna in Ägypten genauso wie für Andermatt in der Schweiz.

Das gleiche Modell?

Ja. Nur muss man in der Schweiz hinter alles den Faktor 10 setzen. Ein Haus in Andermatt kostet so viel wie zehn Häuser in El Gouna. Deshalb hat das Andermatt-Projekt dieselbe wirtschaftliche Grössenordnung wie meine anderen Projekte. Andermatt wirkt bloss kleiner.

Brauchen Sie frisches Eigenkapital für das weitere Wachstum?

Nein. Wir brauchen kein frisches Eigenkapital, um weiter wachsen zu können. Ginge ich deswegen auf den Kapitalmarkt, käme das sehr schlecht an. Da verkaufe ich wenn nötig lieber ein Hotel, auch wenn ich das ungern machen würde.

Es ist zu hören, der Tourismus ziehe in Ägypten wieder an. Ist das so?

In El Gouna haben wir schon letztes das Niveau von 2010 wieder erreicht, damals war der Tourismus auf dem Höhepunkt. Leider war das Gesamtresultat in Ägypten nicht so wie 2010, weil der Ferienort Taba Heights noch immer unter Reisebeschränkungen leidet. Taba Heights darf von Deutschen und Engländern nicht angeflogen werden. Aber der Tourismus am Roten Meer hat sich insgesamt stark erholt. Dieses Jahr werden die Gästezahlen dort wohl um über 30 Prozent steigen, schätze ich. In El Gouna werden wir dadurch nicht mehr Gäste haben, wir sind ja schon weitgehend ausgebucht, aber die Preise für Hotelübernachtungen dürften steigen. Das gleiche gilt für unsere zwei Resorts in Oman. Alle Hotels dort werden dieses Jahr gutes Geld verdienen.

Wie entwickelt sich Andermatt?

Sehr linear. Alles ist so gut organisiert in der Schweiz, da schaffen sie keine schnellen Zugewinne. Wir wachsen stabil mit einem Tempo, das mir zwar nicht gefällt, ich hätte es gerne schneller, aber wir können damit leben. Das ist wie mit Autofahren in der Schweiz. Wollen Sie schneller fahren, hat es sofort eine Radarfalle. Sie werden gestoppt und gebüsst – der Führerschein ist weg.

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Haben Sie ein paar Bussen erhalten in der Schweiz, Herr Sawiris?

Nein, ich fahre nicht in der Schweiz; ein Fahrer kommt mich tausend Mal billiger als die vielen Bussen, die ich womöglich zahlen müsste. Ich fahre nur in El Gouna selber, in der Wüste.

War dieser Winter in Andermatt gut?

Wir haben beim Umsatz wirklich einen schönen Sprung gemacht beim Hotel Chedi. Daher haben wir eine gute Chance, dieses Jahr laufende Einnahmen und Ausgaben ausgleichen zu können; auch wenn wir mit Abschreibungen und Zinszahlungen in der Bilanz immer noch im Minus sind. Aber es ist nicht mehr so dramatisch wie am Anfang als das Hotel öffnete, und wir die Appartements noch nicht fertig hatten. Jetzt sind alle Zimmer fertig, alle Wohnungen bereit zu Vermietung. Und der Ruf des Hotels hat sich etabliert. Wir hatten sogar im Oktober und November so viele Gäste, dass sich der Verlust in Grenzen hielt.

Warum bleiben ihre Hotels offen in dieser Zeit? Viele andere Hotels schliessen.

Ich möchte helfen, dass sich im Dorf ein normales Leben entwickelt. Das ist nicht möglich, wenn ein Grossteil der örtlichen Wirtschaft neben den Hauptsaisons zu macht. So kommen keine richtigen Einwohner — keine Familien, nur Saisonarbeiter. Dörfer wirken wie ausgestorben ausserhalb der Festtage. Das Hotel Chedi hat das ganze Jahr offen. Wir schliessen nur, wenn technische Arbeiten im Haus den Hotel-Betrieb verunmöglichen. Sonst kriege ich keine richtigen Kellner, die sich dort einleben, mit der Zeit heiraten und ihre Kinder in die Schule schicken.

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Das kostet Sie aber Geld.

Sehen Sie, ich betrachte ja Andermatt als ein El Gouna, das mir nicht ganz gehört. Aber ich bin dafür zuständig. Es wäre unverantwortlich, zwischen den Hauptsaisons einfach zu schliessen. Das verschlechtert zwar das Ergebnis, aber die Verluste sind nicht so gross, dass ich nicht anders könnte. Ich kann anders. Dazu kommt, dass das Dorf sich entwickelt, es kommen mehr Menschen und irgendwann werden auch meine Verluste kleiner.

Sie betrachten Andermatt als ein weiteres El Gouna. Lässt sich Ihr El-Gouna-Modell wirklich auf die Schweiz übertragen?

Ich bin zuversichtlich. Das Wetter ist zwar anders, auch die Gewohnheiten. Aber ich bin überzeugt: unser Modell hat auch seine Gültigkeit in der Schweiz. Ich bin bereit dafür am Anfang ein paar Millionen zu verlieren, damit sich das Dorf entwickeln kann. Langfristig zahlt sich das für alle aus.

Dafür müssen Sie die Verluste zwischen den Saisons gering halten?

Ja, darauf liegt gerade mein Fokus. Nehmen Sie Oktober und November: es hat weniger Sonne, die Tage werden kürzer und es hat noch keinen Schnee. In diesen zwei Monaten wollen mit Veranstaltungen unsere Gäste nach Andermatt locken. Wir haben ja zum Beispiel eine Abmachung mit Lucerne Festival, dass wir bei uns einen «Satelliten» von ihnen abhalten.

Wie viele Menschen sollen einmal im Sawiris-Teil von Andermatt leben?

Die Dorfbevölkerung kann sicher noch wachsen. Das ist auch wichtig. Kleine Dörfer werden mittelfristig nicht überleben. Mit ein paar hundert Menschen können sie keine guten Schulen führen; können jungen Menschen nicht sagen, kommt doch zurück und gründet Familien. Für Andermatt ist das mein Ziel: dass hier geborene Menschen zurückkommen. Es freut mich jedes Mal, wenn es gelingt.

Der Schweizer Tourismus rutschte ab auf Rang 10 im Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit, das das World Economic Forum (WEF) herausgibt. Was schliessen Sie daraus?

Der Tourismus darf sich nicht nur auf den guten Namen der Schweiz verlassen. Das ist wie mit einer Erbschaft: lebt man nur davon, bringt nichts Neues dazu, so schwindet das Erbe dahin. Ich habe immer wieder diesen Eindruck: der Schweizer Tourismus hat nicht recht verstanden, welcher Druck von der Konkurrenz kommt. Zu viele Akteure machen weiter wie bisher, weil es früher reichte. Heute reicht es eben nicht mehr. Die Schweiz muss mehr bieten.

Muss die Schweiz sich besser in der Welt vermarkten?

Ich möchte nicht kritisieren, ich bin ja Gast in diesem Land. Aber ich würde sagen, man muss aufpassen, im WEF-Ranking nicht von Range 10 auf 20 abzurutschen, und irgendwann ist es vorbei mit dem Tourismus. Die Behörden sollten gründlich untersuchen, wie sie helfen können. Das fängt an bei Arbeitsbewilligungen. Ich musste letztes Jahr mein Japan-Restaurant für zwei Monate schliessen, weil ich für den japanischen Chef keine Arbeitsbewilligung bekam. Der Schweizer Tourismus ist in einer schwierigen Situation; die Behörden müssen mit anpacken, damit wir weiter kommen.

Was ist der Grund für diese Krise?

Der Vorsprung an Qualität ist knapp geworden, weil die Konkurrenz aufgeholt hat. Diese ist so nah dran, dass der Gast nicht mehr einfach sagt: ich leiste mir die Schweiz, auch wenn sie viel teurer ist. Die Mehrkosten sind zu oft nicht mehr gerechtfertigt. Das ist das Dilemma des Schweizer Tourismus. Dem muss man begegnen, damit man diesen Wirtschaftszweig am Leben halten kann.

Sie feiern als koptischer Christ nun in Ägypten das Osterfest. Dieses Wochenende sind zwei Kirchen Ziel von Bombenattentaten geworden. Können Sie das Osterfest in aller Offenheit feiern?

Ja, natürlich, um Gotteswillen, was ist das für eine Frage. Das äussere Bild von Ägypten ist leider nicht mehr wie früher. Aber der Alltag im Lande ist so: 95 Prozent der Muslime stören sich nicht an unserer Religion, an unserer Tradition. Im Gegenteil, sie suchen uns auf, gratulieren uns zu unseren Festen; sie sind sogar stolz, dass Christen unter ihnen leben und alles mit ihnen teilen.

Warum hat das äussere Bild gelitten?

In Saudiarabien haben Wahhabiten (Anhänger einer ultrakonservativen Richtung im Islam, Anm.d.Red) viel Geld aufgewendet, um ägyptischen Muslimen das Gehirn zu waschen. Heute haben wir deshalb mehr religiöse Fanatiker. Aber das heisst nicht, dass die Ägypter als Ganzes nicht mehr tolerant wären.

Ist das für Sie das Grundübel: aus Saudiarabien exportierter Terrorismus?

Natürlich, nicht nur in Ägypten, sondern weltweit. Alle wissen das, aber wir tun nicht genug dagegen. Bloss weil die Mächtigen dort Unmengen Geld und Öl haben.

Die alltägliche Toleranz in muslimischen Ländern wird oft übersehen, Anschläge hingegen erregen weltweit Aufsehen. Oft ist dann zu hören: der Islam sei eine inhärent rückständige Religion. Was sagen Sie dazu?

Das ist Quatsch, absoluter Quatsch. Wenn das so wäre, hätten die islamischen Länder niemals weltweit so führend sein können, wie sie es vor hunderten von Jahren waren. Die Juden fanden damals Zuflucht in islamischen Ländern, wenn sie vor fanatischen Christen flüchteten. Der heutige Fanatismus ist eine neue Idee, im Islam selber ist sie nicht zu finden. Als Christ muss ich ja nicht für den Islam gerade stehen. Aber ich habe viele muslimische Freunde, die sind viel toleranter als unsere Christen. Aus jeder Religion kann eine Katastrophe entstehen.