«Ich komme um 10.36 Uhr an», schreibt Giorgio Behr per SMS. Es wird eine Minute später. Behr kommt von einem Kurz-Ski-Urlaub im Wallis. Er schwärmt vom Gebiet «Portes du Soleil». «Riesig. Da entdeckt man selbst nach Jahren immer wieder mal eine neue Piste.»

Behr ist 68, aber kein bisschen müde. Nach dem Interview muss er zu einem Meeting nach Altdorf. Am Abend besucht er das Handball-Spiel seiner Kadetten Schaffhausen in Winterthur. Und gross ist bereits jetzt die Vorfreude auf den nächsten Tag, wenn er sein Enkelkind wie jede Woche einen Tag lang hüten darf.

Wann haben Sie die erste Million verdient?

Giorgio Behr: Mit 35 habe ich mich selbstständig gemacht und die Beratungsfirma BDS aufgebaut. Weil ich mir einen bescheidenen Lohn auszahlte, hatte es in der Firma bald eine Million.

Millionär – wie hat sich das angefühlt?

Ich begann, Hypotheken abzubezahlen. Geld brauchte ich entweder, um Schulden auszugleichen oder als Investment für neue Projekte. Ich habe das Geld aber nie konsumiert.

Warum?

Spasseshalber sage ich: Geld macht krank. Ich habe mit Null begonnen. Und ich habe von Haus auf gelernt, mit wenig zufrieden zu sein.

Geld macht krank? Dafür, dass Sie 425 Millionen Franken Vermögen haben und auf der Liste der reichsten Schweizer auf Platz 203 stehen, wirken Sie erstaunlich gesund.

Mit krank meine ich, wenn Menschen den Verlockungen des Reichtums erliegen. Diese Gefahr bestand bei mir nie. Es dauerte sehr lange, bis unsere vier Buben realisiert haben, dass es uns nicht schlecht geht. Einer unserer Buben kam mal nach Hause und sagte: Der Sohn des Gemeindepräsidenten hätte behauptet, wir seien die reichste Familie im Dorf. «Dem hab ich’s aber gesagt», wetterte mein Sohn. «Du musst noch etwas sagen. Ihr habt doch zwei Traktoren auf dem Hof.»

Streben Sie nach mehr Reichtum?

Nein. Ich will einfach alles so gut wie möglich machen, das ist die eine Triebfeder. Die andere ist, Nachhaltigkeit zu garantieren. Und da bin ich fast überall auf sehr gutem Weg. So wird wohl einer meiner Söhne, der selber erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut hat, mir bei der Behr Bircher Cellpack BBC nachfolgen.

Warum geht es der Schweizer Wirtschaft gut?

Ich sehe das differenzierter. In den letzten 20 bis 30 Jahren hat die Schweizer Industrie kopflos agiert. Getrieben von der Finanzwelt haben wir viele wichtige Schweizer Firmen ins Ausland verscherbelt.

Trotzdem geht es der Schweiz gut.

Stimmt. Aber auch, weil ein paar ganz grosse Player wie Nestlé oder die Pharma-Riesen noch in der Schweiz und diese Firmen zu gross für eine Übernahme sind. Die Schweiz erkennt zu wenig, warum es ihr so gut geht.

Dann klären Sie uns auf.

Weil die Unternehmungen ein relativ liberales Vorfeld vorgefunden haben. Blöd ist nur, dass die Schweiz jeden Mist aus dem Ausland kopiert, während man im Ausland nach dem Schweizer Weg strebt. Leider verdichten sich die Fehler.

Woran denken Sie?

An die flankierenden Massnahmen. Diese sind ein formidabler Schutz für das Baugewerbe, aber nicht für die Arbeitnehmer. Nur müsste das Baugewerbe durch Innovation in der Lage sein, günstiger zu bauen. Aber Bauen wird immer teurer. Dadurch steigen Lohn- und Kostenniveau. Was wiederum zur Folge hat, dass die Exportindustrie immer weniger exportfähig wird. Wir müssen nicht Nestlé oder die Pharma-Riesen unter die Lupe nehmen. Die exportieren wenig, weil sie primär im Ausland tätig sind. Wir müssen die Situation der kleinen Zulieferer analysieren. Das ist mal ein Fehler.

Und der zweite Fehler?

Dass man unser duales Bildungssystem infrage stellt, ist völliger Unsinn. In Frankreich haben zwar 80 bis 90 Prozent die Maturität, aber sie haben Mühe einen Job zu finden. Der dritte Fehler …

… Ja?

Wir sind lieb zueinander. Das ist grundsätzlich gut, weil man sich in diesem kleinen Land respektvoll und anständig begegnet. Aber unsere Rücksichtnahme folgt falschen Mustern. Die Agrarpolitik beispielsweise ist getrieben von der schönen Umwelt und der schönen Bergwirtschaft. Doch von den vielen Milliarden landet nur ganz wenig bei den Bergbauern. Besser wäre, man würde eine kompetitive Landwirtschaft im Mittelland pushen, die sich so zu einer moderne Landwirtschaft wandeln würde. Und jene, die in allen Zwischenstufen heute profitieren, nicht auch noch unterstützen würde. Und die Zuschüsse für die Bergbauern könnte man verdoppeln.

Insgesamt aber wohl doch höhere Ausgaben für die Landwirtschaft: Und wo soll gespart werden?

Nein, so kostet die Landwirtschaft weniger. Man kann auch anderswo mehr rausholen mit gleich viel Geld: Die Armee soll nicht primär aus Männern bestehen, die im «Achtung» gerade stehen können. Jetzt soll eine Cyber-Gruppe aufgebaut werden. Das ist gut. In diese Richtung muss sich die Armee entwickeln. Schliesslich müssen wir in Europa der Sicherheit Rechnung tragen. Auch ein allgemeiner Dienst am Staat von Frauen und Männern, auch von jenen, die hier zur Schule gegangen sind und den Schweizer Pass nicht haben, würde zu mehr Gemeinsinn und Zusammenhalt führen.

Was werfen Sie den Schweizer Unternehmern vor?

Nichts. Ich erhebe Vorwürfe gegen die Politik. Sie hindert Schweizer Unternehmer daran, eine Schweizer Firma zu übernehmen.

Sie sprechen Ihren Fall mit Sia Abrasives an.

Ja. Heute ist die Produktion in Frauenfeld praktisch abgebaut. Hunderte haben ihren Job verloren. Aber es musste unbedingt ein Ausländer her, um die Firma zu übernehmen.

Nach der gescheiterten Übernahme bei Sia Abrasives hat die Finanzmarktaufsicht gegen Sie Strafanzeige erstattet. Das Verfahren wurde eingestellt, nachdem Sie einem Vergleich über eine Million Franken zugestimmt haben.

Es war kein Vergleich. Einen Teil davon habe ich gespendet, was ich ohnehin getan hätte. Für mich stellte sich die Frage: Soll ich drei Jahre um mein Recht kämpfen oder erledigen wir diesen Fall? Schliesslich kamen selbst meine Gegner zum Schluss, dass ich höchstens fahrlässig gehandelt habe. Es ist schlimm, dass man mit Geld allein eine Drecklawine auslösen kann, nur um etwas zu verhindern. Diese Erfahrung habe ich schon früher gemacht.

Wann?

Ich hätte 1988 in Schaffhausen Kantonalbank-Präsident werden sollen. Doch dann hat Gerold Bührer die SP und die FDP gegen mich aufgehetzt. Er hatte wohl Angst, dass ich herausfinde, was bei den Gold-Geschäften in Kanada gelaufen ist.

Sie haben einen starken Drang nach der Spitze.

Wenn ich irgendwo mitmache, will ich gestalten. Nur reinsitzen und ein Honorar kassieren, brauche ich nicht. Es ist weniger die Spitze an sich, die ich anstrebe. Sondern die Frage, wo ich einen Beitrag leisten kann. In einem Gremium kann man meist nur an der Spitze gestalten.

Welche Niederlage hat Sie am meisten Geld gekostet?

Das habe ich nie ausgerechnet. Im Leben eines Unternehmers geht permanent etwas schief. Aber als Unternehmer sollte man nicht auf Geld fixiert sein. Wer nur den operativen Gewinn im Kopf hat, investiert nicht in die Zukunft.

In Porträts heisst es häufig: Der kleine Tessiner Bub will es dem Establishment zeigen. Was steckt dahinter?

Die Familie meiner Mutter, Snozzi, ist im Tessin nicht «niemand». Sicher, ich habe Tessiner Dialekt gesprochen und wurde deswegen in Schaffhausen als Tschingg gehänselt. Und die italienische Messe durften wir nicht in der grossen Kirche abhalten. Für mich war das als Kind unverständlich. Denn der Papst sprach ja auch italienisch ... Meine Eltern waren intelligente Menschen. Aber ihnen fehlten die Mittel für ein Studium. Nein, ich will es keinem beweisen. Ich muss es auch nicht. Denn ich fühle mich durchaus anerkannt, in Schaffhausen und in der Schweiz.

Das gesellschaftliche Parkett interessiert sie aber nicht.

Wir erhalten zwar viele Einladungen, aber nehmen diese nur in homöopathischen Dosen an. Lange Zeit kam es gar nicht infrage, weil wir die Wochenenden mit den Kindern verbringen wollten.

Der älteste ihrer vier Söhne ist geistig behindert. Hatten Sie damals Angst, ein zweites Kind zu zeugen?

Seine Behinderung war für alle überraschend. Nach vielen Untersuchungen sind die Spezialisten zum Schluss gekommen: Laune der Natur. Ich bin sehr froh, dass damals noch nicht die technischen Möglichkeiten bestanden haben, eine solche Behinderung des Embryos zu diagnostizieren. Die Frage, wie man rechtlich die heutigen Möglichkeiten regeln soll ist schwierig, denn letztlich sind dies persönliche Entscheidungen. Die Frage, ob man einen behinderten Embryo zur Welt bringen soll oder nicht, wünsche ich niemandem.

Nochmals: Hatten Sie Bedenken, ein zweites Kind zu zeugen?

Nein, ich war höchstens angespannt, wie vor den folgenden zwei Geburten.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Ich war Ministrant. Aber was ist religiös? Ich glaube an Gut und Böse. Und ich glaube an die christlichen Werte. Diese Werte prägen Europa, deshalb sind sie so wichtig. In diesem Sinn sage ich: Ja, ich bin gläubig. Aber ich tue nicht Gutes, um dafür belohnt zu werden. Ich tue Gutes, weil ich finde, dass es wichtig ist, Gutes zu tun. Und ich gehe immer wieder mal in die Messe.

Glauben Sie an Gott?

Wer ist Gott? Kann ihn jemand beschreiben? Ich glaube, dass das Gute eine treibende Kraft ist. Und ich frage mich nicht ständig, wer nun für den Urknall verantwortlich war. Dafür
bin ich zu pragmatisch.

Sie waren Investor beim Schweizer Sportfernsehen (SSF), das jedoch nie eine vernünftige Flughöhe erreichte.

Der Grund ist einfach: Mit Pascal Jenny als Geschäftsführer wäre das SSF ein Erfolg geworden. Doch kurz vor dem Start erhielt Jenny ein Angebot als Kurdirektor von Arosa. Ein Job, den auch sein Grossvater ausgeübt hat. Weil Arosa Jennys Herz höher schlagen liess, war das SSF schon von Beginn weg ein Fehlstart. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin Jenny nicht böse. Mit dem UPC-Sportkanal «MySports» wird der Schweizer Sportfan aber schon sehr bald auf seine Kosten kommen. Und Handball erhält mehr TV-Präsenz.

Aber nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Das spielt auch keine Rolle. Die relevante Frage lautet: Pay- oder Free TV. Mein Ziel ist es, dass jede Woche ein Handball-Spiel live im Free-TV gezeigt wird. Von diesem Ziel sind wir nicht mehr weit entfernt. Handball ist ein elektrisierender Sport. Da läuft viel mehr als beim Fussball. Während eines Handballspiels bleibt keine Zeit, um Geschäfte zu machen. Und nach dem Spiel fehlt die Energie um zu randalieren.

Wenn Sie sich statt bei Kadetten Schaffhausen im Fussball engagierten, hätten Sie mehr Publizität.

Ich suche keine Publizität. Zudem ist Handball eine Herzenssache, weil ich selber in der Nationalliga A gespielt und als Trainer gearbeitet habe. Ich kenne das Geschäft und kann deshalb etwas bewirken. Und: Für Fussball muss man Multi-Milliardär und für Eishockey Milliardär sein. Handball aber kann man als reicher Mann unterstützen.

Sie sind die treibende Handball-Kraft im Land. Aber wenn Sie mal nicht mehr sind, droht der Handball wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Nein, wir sind einen Schritt weiter. Natürlich habe ich die Suisse Handball Academy als nationales Ausbildungszentrum gebaut und dafür gesorgt, dass Michael Suter, der heutige Nationaltrainer, überhaupt seine Karriere als Juniorentrainer starten konnte. Doch jetzt entsteht eine Nationalmannschaft, die erfolgreich sein wird. Wenn Handball regelmässig im Free-TV gezeigt wird, die Nati erfolgreich ist und die Kadetten eines der Top-16-Teams Europas sind, wird sich Handball als eine von drei grossen Teamsportarten der Schweiz etablieren – auch ohne mich.

Sie sind einer der grössten Sportförderer der Schweiz. Fühlen Sie sich in dieser Rolle alleingelassen von der Politik?

Absolut. Die Politik erkennt den Wert des Sports noch immer nicht. Dem Sport entwachsen grosse Persönlichkeiten, die später in der Politik, in der Wirtschaft oder auch im Sport dem Land etwas zurückgeben. Aber wenn es wie zuletzt darum geht, pro Jahr 15 Millionen zusätzlich für den Nachwuchs-Leistungssport zu sprechen, wird daraus ein riesiges Politikum gemacht. Ich finde: Man müsste sogar vier- oder fünfmal so viel in die Förderung pumpen. Das wäre nicht mal budgetrelevant. Denn man könnte problemlos mehrere Chefbeamten-Stellen streichen. Die Bundesverwaltung ist derart träge geworden, dass sich viele nur noch gegenseitig beschäftigen. Wenn man Strukturen der Bundesverwaltung einer Schlankheitskur unterziehen würde, wüsste man gar nicht mehr, wohin
mit dem vielen eingesparten Geld.

Sie kommen quasi direkt von der Skipiste im Wallis, wo man einmal mehr von Olympischen Spielen träumt. Wie wichtig ist eine erfolgreiche Kandidatur für den Schweizer Sport?

Die ist für mich völlig irrelevant. Christian Constantin ist ein cleverer Mann. Er will für Olympia das Athletendorf bauen und Geld verdienen – ich habe kein Problem damit. Das Konzept der Dezentralisierung ist nicht falsch. Aber wenn man dem Volk vorgaukelt, dass Olympia nichts kostet, ist das schlicht falsch. Ich fände es gut, wenn Olympische Spiele irgendwann keinen Veranstalter mehr finden, weil sie ausser Rand und Band geraten sind – insbesondere die Sommerspiele.