Was hat die zweitgrösste Bank der Schweiz mit dem Skandal bei Volkswagen zu tun? Auf den ersten Blick recht wenig. Bei genauerem Hinsehen einiges. Eine zentrale Rolle spielt bei beiden der gleiche Grossaktionär, der Staatsfonds des Emirats Katar. Dieser hat in den vergangenen Monaten als drittgrösster Aktionär des deutschen Automobilriesen Volkswagen rund 11 Milliarden Franken verloren. Allein in der letzten Woche sollen es laut dem deutschen «Manager Magazin» fast 5 Milliarden Franken gewesen sein.

Massive Einbrüche gab es auch bei den Aktien der Zuger Rohstoff-Firma Glencore zu vermelden. Hier hält Katar rund 8 Prozent der Aktien. Innerhalb eines Jahres verloren in diesem Fall die von den Kataris gehaltenen Wertpapiere um rund 4 Milliarden Franken an Wert. Auch bei der Credit Suisse Group (CS), wo der Staatsfonds eine Beteiligung von 21,73 Prozent hält, sieht die Bilanz für die Scheichs, die ihre Kassen mit Erdgas und Erdöleinnahmen füllen, nicht gut aus. Seit dem Einstieg 2008 haben die Aktien der Grossbank um die Hälfte an Wert eingebüsst.

Dies alles macht klar, wieso der Druck auf den seit Juni aktiven CEO der Grossbank, Tidjane Thiam, sowie VR-Präsident Urs Rohner hoch ist. Am 21. Oktober orientieren sie über eine Neuausrichtung der Strategie.

Kapitalerhöhung erwartet

Bei der Anpassung der Strategie spielt nicht nur der Druck der Aktionäre eine Rolle. Sondern auch neue Kapitalanforderungen, die der Bundesrat diesen Herbst präsentiert. Verlangt wird — so die ersten Hinweise aus der Verwaltung — eine Kapitalquote (Leverage Ratio) von mindestens 3,5 Prozent. Dies heisst, dass die Banker am Paradeplatz wohl frisches Kapital aufnehmen müssen. In einer Studie rechnet der Analyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB), Rudolf Brun, dass der CS zur «Erreichung dieses Minimalziels» momentan Kapital im Umfang von 5 Milliarden Franken fehlen. Dies unter der Annahme, dass die Bank gleichzeitig ihre Bilanz reduziert. Falls die CS einen Puffer mit einer Kapitalquote von 4 Prozent anstrebe, sei mit einem Kapitalbedarf von 10 Milliarden Franken zu rechnen. Ausserdem wird davon ausgegangen, dass die Grossbank zu wenig Rückstellungen für Rechtsfälle im Zusammenhang mit der Immobilienkrise in den USA gebildet hat.

Der ZKB-Analyst folgert: «Aufgrund der imminenten Kapitalschwäche der Credit Suisse darf auf jeden Fall von einschneidenden Veränderungen der strategischen Ausrichtungen sowie einer Kapitalerhöhung ausgegangen werden.» Konzernintern ist zu hören, dass eine Kapitalerhöhung sehr schwierig zu kommunizieren ist: Man sucht offenbar nach einer Wachstumsgeschichte, die man den Anlegern — insbesondere aus dem Nahen Osten — erzählen möchte.

Wie stark das «Modell UBS» kopiert werden kann, mit einem deutlich verkleinerten Investmentbanking und einer starken Fokussierung auf die Vermögensverwaltung, das ist die grosse Frage. Sicher ist, dass ein grosser Einschnitt im Investment Banking bevorsteht. Nur so können die Grossaktionäre aus dem Nahen Osten auf einen Aufschwung hoffen.

Sicher ist, dass ein solcher Schritt eine historische Zäsur bedeuten würde: Die CS ist, noch viel mehr als die UBS, vom Geist des Investmentbankings geprägt. Schon die Gründung der einstigen Kreditanstalt 1856 stand im Zusammenhang mit der Finanzierung der damaligen Nordostbahn.