In Basel herrscht Verwirrung. Es ist noch nicht ein halbes Jahr her, seitdem hier am Hauptsitz von Syngenta gefeiert wurde. Dem Käufer Chem China wurden bis Ende Mai genügend Aktien angeboten. Damit war der Deal unter Dach und Fach. Der Basler Agrochemiekonzern ist die grösste Auslandsübernahme eines chinesischen Unternehmens überhaupt. Kostenpunkt: 43 Milliarden Franken.

Doch nun verdunkeln sich die Wolken. Ratingagenturen stellen die Bonität von Syngenta infrage. Vordergründig geht es um eine Sammelklage in den USA, die für den Konzern teuer zu stehen kommen könnte. Doch es geht um mehr: Schon lange war klar, dass Chem China extrem hoch verschuldet ist. Doch man war davon ausgegangen, dass die Chinesen, die den Kauf von Syngenta zwar mit Schulden finanzierte, quasi eine Staatsgarantie besitze.

Nun ist offenbar der Bankregulator in China rigoros eingeschritten und hat die systemischen Risiken von Staatsunternehmen unter die Lupe genommen, die sich im Ausland mit Firmen eingedeckt hatten. Das führte bei den Ratingagenturen zur Kehrtwende. Und Syngenta musste nun in der Folge die Geldaufnahme verschieben, was in der Wirtschaftswelt einem Gesichtsverlust gleichkommt.

Verwirrung herrscht derzeit auch in Zürich. Hier geht es um den chinesischen HNA-Konzern, der sich Swissport, die weltgrösste Servicegesellschaft für Fluggesellschaften und Flughäfen, sowie den Airline-Caterer unter die Nägel gerissen hat. Laut einem Bericht der «Financial Times» von Ende September hat Swissport angefangen, kurzfristige Anleihen an HNA-nahe Firmenteile zu vergeben. Das nährt den Verdacht, dass der chinesische Konzern, der den Kauf von Swissport mittels risikoreichen Schulden finanziert hat, seine Schulden auf die gesunde Tochterfirma aus der Schweiz verschieben will. Inzwischen soll sich der Schuldenberg bei Swissport auf eine Milliarde Franken aufgehäuft haben. Die schweizerische Übernahmekommission hat nun HNA wegen unklarer Verhältnisse bei Gategroup um Klarheit gebeten.

Verwirrung, Verunsicherung und ein böser Verdacht: Wurde es den Chinesen zu einfach gemacht, Schweizer Perlen aufzukaufen? Diesen Verdacht wird der St. Galler Rechtsprofessor und Corporate-Governance-Spezialist Andreas Binder nicht los. Er hat vor zwei Wochen in der «Schweiz am Wochenende» die Meinung vertreten, dass das Schweizer Aktienrecht zu liberal sei. «Wir haben in der Schweiz eines der liberalsten Aktienrechte der Welt, was die Rolle der Aktionäre betrifft. Vermutlich ist es nirgends leichter als hierzulande, mit führender Technologie ausgestattete Unternehmen zu erwerben», sagt er im Gespräch. Den chinesischen Investoren sei diese Tatsache wohlbekannt. Er fordert deshalb Schutzmechanismen, die die Firmen von allzu eifrigen Aktionären schützen.

Schutz vor Investoren gefordert

Solche Schutzmechanismen sind in der als äusserst liberal geltenden USA gang und gäbe und in 12 europäischen Staaten bereits in Kraft. In der EU wird über die Möglichkeit nachgedacht, wie Übernahmen von strategisch wichtigen Unternehmen verhindert werden können. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat in seiner Rede zur Lage der Union am 13. September klargemacht, dass man die strategischen Interessen besser verteidigen wolle. Auslöser für den jüngsten Aktivismus in Brüssel war der Kauf des Hafens im griechischen Piräus, aber auch die Übernahme des Roboterherstellers Kuka.

Syngenta ist also kein Einzelfall: Chinesische Unternehmen kauften 2016 ausländische Unternehmen für rund 247 Milliarden Dollar – das war ein Anstieg um 140 Prozent gegenüber 2015. Zehn Jahre zuvor hatten Chinas Unternehmen gerade mal 16,5 Milliarden Dollar für Übernahmen ausgegeben. Gegen die Einkaufstour, die oft auch auf Pump geschah, regt sich nun auch hierzulande politischer Widerstand. «Die CVP will diesem Treiben nicht tatenlos zusehen. Wir diskutieren, wie wir das Thema in der laufenden Aktienrechtsrevision einbringen wollen», meint CVP-Präsident Gerhard Pfister. «Man muss aufpassen, dass wir nicht einem naiven Liberalismus verfallen. Wir sind eine soziale Marktwirtschaft, in der auch der Erhalt der Arbeitsplätze und die Qualität des Standorts ein wichtiges Thema sind», so Pfister weiter.

Wollen Aktienrecht verschärfen: CVP-Präsident Gerhard Pfister (l.), SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt

Wollen Aktienrecht verschärfen: CVP-Präsident Gerhard Pfister (l.), SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt

Rechtsprofessor und SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt hat schon einen konkreten Vorstoss geplant: Dabei denkt er nicht in erster Linie an den Syngenta-Deal, sondern an kurzfristig orientierte aktivistische Investoren. Im Aktienrecht soll für grosse Unternehmen die Möglichkeit geschaffen werden, längerfristig orientierte Aktionäre mit einer Zusatzdividende zu «belohnen». Einen ähnlichen Vorschlag präsentierte auch jüngst der renommierte Aktienrechtler Peter Forstmoser. Im Fall der China-Deals setzt Vogt jedoch vor allem ordnungspolitische Fragezeichen: «Wenn ein Staatsbetrieb ein privates Unternehmen kauft, kann er seine Mitbewerber verdrängen, weil der Staatsbetrieb faktisch unbeschränkte Mittel hat und keinen Anlegern Rechenschaft schuldet.» Dadurch könne ein Staat via private Unternehmen im Ausland seine politischen Ziele verfolgen. Die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran hat vergangenes Jahr in einer parlamentarischen Initiative gefordert, dass strategische Infrastrukturen der Energiewirtschaft der Lex Koller zu unterstellen seien. «Zu prüfen ist auch, ob bei einem Kauf von privaten Unternehmen etwa durch ein chinesisches Staatsunternehmen eine Einzelfallprüfung stattfinden soll,» sagt sie.

Die Kauftour der Chinesen, sie führt zu Befürchtungen ganz anderer Art: Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), warnte im August vor der gefährlichen Zunahme der Schulden. Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft sei stark vom Kreditgeschäft getrieben. Es bestehe deshalb die Gefahr einer neuen Finanzkrise. Die grossen Ratingagenturen haben die Bonitätsnoten für China gesenkt. Das alles drückt auf den Kurs des chinesischen Yuans.

Gefahr einer neuen Finanzkrise

Wachstum um jeden Preis, und dies im Namen des Staates. Das autoritäre Herrschaftsprinzip in China wird derzeit am Parteikongress in Peking der Welt eindrücklich vor Augen geführt. Staatspräsident Xi Jinping will nicht nur geopolitisch seine Macht demonstrieren, sondern auch wirtschaftlich. Vorbei die Zeit, als China die Werkbank der Welt war. Mit den im Ausland gekauften Unternehmen will China im eigenen Land hochwertige Güter produzieren und im Ausland verkaufen. Die Strategie «Made in China 2025» wurde vor zwei Jahren vorgestellt: Chinesische Firmen sollen die bisherigen Weltmarktführer im Bereich Technologie aus dem Westen überholen. Akquisitionen im Ausland wird es weiterhin geben, wenn auch in gezielterer Form. Mit dem Aufbau von neuen Handelsrouten – etwa der Seidenstrasse – geht es weiter. Zu guter Letzt wird es auch darum gehen, den Devisenmarkt, der heute noch vom Dollar geprägt ist, zu dominieren, die Währung Renminbi weltweit zur Handelswährung zu installieren. «Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt», soll der chinesische Philosoph Konfuzius gesagt haben. Bislang waren die Schritte nicht so klein.

In Basel schaut man derweil dem Treiben hinter den Mauern von Syngenta zu. Noch sind die Syngenta-Aktien nicht vollständig von der Börse dekotiert, der Kauf deshalb noch nicht ganz abgeschlossen. Wiederholt hat sich Chem China die Möglichkeit offengelassen, einen Teil von Syngenta wieder an die Börse zu bringen. Gut möglich, dass dies angesichts der Situation auf dem Kapitalmarkt früher als später geschieht. In Italien hat dies Chem China beim Reifenhersteller Pirelli vorgemacht. Zuvor wurden einige wertvolle Teile von Pirelli ausgegliedert. Mit diesem Bereich wird das lokale Geschäft in China bedient. Wendet man dieses Modell auf Syngenta an, würde sich nicht nur die Frage stellen, wo die Schulden landen. Sondern wo dereinst das wertvolle Know-how landet.

Schweizer Firmen in Chinas Besitz

Für chinesische Investoren ist es in der Schweiz leichter als in anderen Ländern, Firmen aufzukaufen. Übernommen wurden Grosskonzerne, aber auch KMU. Vier Beispiele:

Lesen Sie den Wochenkommentar von Chefredaktor Patrik Müller: Leichtfertiger Firmen-Ausverkauf nach China