Daniela Deck

Die biblischen Jungfrauen nahmen Öl auf Vorrat mit, damit ihre Lampen nicht ausgingen. Dieser Weg steht der Industrie nicht offen. Sie kann in aller Regel nicht grössere Bestände von Werkteilen auf Vorrat produzieren. Dafür fehlt der Lagerraum, und das Risiko, dass die Nachfrage plötzlich einbricht, ist zu gross.

Noch viel weniger können Industriefirmen Aufträge horten. Kaum ein Grosskunde kann es sich leisten, monate- oder gar jahrelang auf die bestellten Produkte zu warten. Deshalb ist klar: Was gegenwärtig von den CNC-Maschinen ausgespuckt wird, spiegelt die Wirtschaftslage.

Wer sich nicht gerade die konkursite Ramseier Technologies als Ziel eines nächtlichen Streifzugs aussucht, dürfte überrascht sein. Trotz Hiobsbotschaften von Massenentlassungen und Kurzarbeit: In der Grenchner Industrie wird fleissig produziert.

Ende der Kurzarbeit

Die grösste Überraschung hält die Etampa an der Solothurnstrasse bereit. Ausgerechnet eine Firma aus dem Segment der krisengeschüttelten Autozulieferer produziert wieder im Dreischichtbetrieb. «Ende Juli konnten wir die Kurzarbeit nach sechs Monaten beenden», sagt CEO Franz Lehmann.

«Wir konnten noch nicht die gesamte Produktepalette hochfahren, aber wir sind gut ausgelastet.» Die Etampa stellt Stanzteile und Feinstanzteile her, rund 90 Prozent davon sind für den Export bestimmt. Besonders profitiert die Firma von der Nachfrage nach neuen Bremssystemen und benzinsparenden Einspritzsystemen.

Franz Lehmann, der zugleich für die Selzacher Mawatec zuständig ist, hat ebenfalls gute Nachrichten. Die Kurzarbeit konnte Ende Juni beendet werden. Nachdem die Bestellungen letzten Herbst eingebrochen waren, werde die Mawatec mit den aktuellen Septemberzahlen das Vorjahresergebnis egalisieren oder übertreffen.

Diese Firma hat sich nach Auskunft des CEO auf den Apparatebau für die Halbleitertechnologie spezialisiert. Produziert werde im Zweischichtbetrieb mit einer Geisterschicht über Nacht. Das bedeutet, dass zwischen 23 und 6 Uhr die Maschinen selbstständig laufen. «ei keiner der beiden Firmen habe es eine Entlassungswelle gegeben. Nur drei Personen seien aus dem Betrieb ausgeschieden.

(Fast) Normalbetrieb bei der ETA

Bei der Synthes brennt das Licht teilweise ebenfalls über Nacht. Grundsätzlich gelte der Zweischichtbetrieb. Einzelne Abteilungen hängen bei guter Auftragslage die Nachtschicht an, ist in Erfahrung zu bringen. Die ETA mit ihrer Beleuchtung, die mittels Storen diskret abgeschirmt ist, gehört untrennbar zum nächtlichen Stadtbild. «Bei der gesamten Firma ETA gibt es keine Kurzarbeit», sagt Swatch-Group-Sprecherin Béatrice Howald. Je nach Abteilung gelte die reguläre Tagesarbeitszeit, Zwei- oder Dreischichtbetrieb. Allerdings wird jetzt die Quarzuhrenproduktion restrukturiert.

Keine Auskunft von Mahle

Erstaunlicherweise ist auch bei der Mahle Motorkomponenten in der Arbeitszone Süd alles hell beleuchtet. Diese Firma kam beim Einbruch der weltweiten Autoindustrie schwer unter die Räder. Von aussen ist nicht klar zu erkennen, ob die Nachtschicht bemannt oder als Geisterschicht abläuft. Von der Konzernleitung in Stuttgart war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Ähnlich geheimnisvoll präsentiert sich der Betrieb bei der Michel Präzisionstechnik an der Maienstrasse. Werktags wird dort nachts gearbeitet, doch am Wochenende liegen die Produktionsräume dunkel und still. Mit dem Hinweis auf die unberechenbare Budgetplanung will sich bei der Firma Michel gegenwärtig niemand zum Geschäftsgang äussern.