«Flüchtlingsströme als Geschäftsgrundlage», «Versteckter Profit auf dem Buckel von Flüchtlingen», «Profiteure des Elends», titelten die Medien zur Firma in den vergangenen Jahren. Die Titel zeigen eines deutlich: Das Unternehmen ist umstritten. So umstritten, dass Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli auf politischer Ebene Antworten zur ORS fordert. Die Firma ist in der Schweiz ein grosser Player im Geschäft mit Flüchtlingen und hat Mandate für die Unterbringung von Flüchtlingen des Bundes, von etlichen Kantonen und Gemeinden. Zudem ist ORS auch in Österreich und Deutschland aktiv.

Der neue Chef Jürg Rötheli will nun einiges ändern – auch um das Image der Firma zu verbessern. Insbesondere will er künftig transparenter sein. Dazu hat Rötheli, der früher bei der Swisscom und Chef des Medienunternehmens Clear Channel war, den eisernen Besen mitgebracht. Zuerst baute er ein Beratungsgremium auf, in dem etwa Ruth Metzler Einsitz nahm. Zudem engagierte er zu Beginn seiner Tätigkeit im Mai 2017 bei ORS die Beraterfirma McKinsey und liess die Unternehmenszentrale und sämtliche Prozesse in Zürich unter die Lupe nehmen. «Ja, daraufhin haben 25 Mitarbeiter ihren Job verloren», sagt Rötheli zur «Schweiz am Wochenende». Dafür habe man in der Betreuung und Unterbringung aufgestockt. Diese Massnahme sei wichtig gewesen. «Die Zentrale hat nicht zu dieser Firma gepasst: Sie war zu gross und zu zentralistisch geführt.»

Einer der Hauptkritikpunkte an die Adresse der ORS: Die Firma wollte bisher ihre Gewinnzahlen nicht veröffentlichen, obwohl ein grosser Teil des Umsatzes mit Steuergeldern erzielt wird. Den Gewinn will auch der neue Chef nicht veröffentlichen. «In der Schweiz gibt es keine Offenlegungspflicht für Privatfirmen», so der ORS-Chef. «Das Geschäft ist aber tiefmargig.» Der Gewinn der Firma vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen liege im «branchenüblichen einstelligen Bereich». Das heisst konkret: Der betriebliche Gewinn lag bei einem Umsatz von rund 125 Millionen Franken im Jahr 2016 zwischen 1,25 und 12,5 Millionen Franken.

«Nichts zu verheimlichen»

Zum Vorwurf, die ORS mache Gewinn auf dem Rücken der Flüchtlinge, sagt der 54-Jährige: «Den Vorwurf höre ich regelmässig, aber er stimmt nicht. Die Leistungserbringung und die Qualitätsstandards sind mit jedem Auftraggeber genauestens festgelegt. Wir legen laufend Rechenschaft darüber ab.»

Bei den Umsatzzahlen gibt sich ORS freimütiger. «Aus meiner Sicht gibt es nichts zu verheimlichen», sagt Rötheli. 2016 habe man rund 25 Prozent mehr Umsatz gemacht als ein Jahr zuvor. Damals lag der Umsatz in der Schweiz bei rund 100 Millionen Franken. 2017 sei er wieder auf das Niveau von 2015 gesunken, analog dem Rückgang der Asylgesuche. Für 2018 sei zudem weniger Umsatz als 2015 budgetiert. In ähnlichen Verhältnissen bewegten sich auch die Beschäftigtenzahlen von ORS: Zur Spitzenzeit im April und Mai 2016 waren bei ORS Schweiz 1200 Personen angestellt. Ende 2017 waren es noch rund 1000 Personen, heisst es von ORS.

Die Umsatzzahlen zeigen, wie schwankend das Geschäft von ORS ist. Das soll anders werden. «Wir wollen uns in Zukunft breiter abstützen», sagt Rötheli. Das heisst, die Firma will stärker in der Integration von Asylsuchenden aktiv werden. Zudem wolle man in Deutschland wachsen. «Dort gehören wir noch zu den kleinen Playern.» Vor einer Woche habe ORS jedoch eine Zusage für einen Auftrag in Berlin erhalten. Zudem schaue man sich auch in anderen Märkten um, beispielsweise in Italien.

Londoner Firma investiert

Hinter ORS steht ein komplexes Firmengeflecht. An oberster Stelle ist die OXZ Holding mit Verbindung zur Private-Equity-Gesellschaft Equistone mit Sitz in London. Die OXZ führt die ORS Holding AG. Dort sind die ABS Betreuungsservice AG, die ORS Service AG, die ORS Management AG und die OSP Organisation für spezialisierte Personaldienstleistungen AG vereint.

Die Firmenstruktur will Rötheli vereinfachen, ABS und ORS Service AG zusammenlegen. Beide Firmen sind in der Betreuung von Flüchtlingen tätig. Von der OSP will er sich mittelfristig trennen. Diese vermittelt internationale Reiseleiter und sei ein historisches Überbleibsel in der Gruppe.