Die Wände des Hublot-Hauptsitzes in Nyon sind in dunklem Anthrazit gehalten, das Lichtkonzept verbreitet Nobelhotel-Flair, Tee und Kuchen erwarten uns auf zartem Porzellan-Geschirr. Und mittendrin Präsident Jean-Claude Biver, der alles andere als noble Zurückhaltung übt: Er spricht schnell, lacht laut, grinst breit – und hält an jeder Tür im Hauptsitz von Hublot für einen kurzen Schwatz an, bis wir schliesslich sein Büro erreichen.

Jean-Claude Biver, wissen Sie, was Sie und mich heute verbindet?

Jean-Claude Biver: Nein.

Wir sind beide zwischen vier und fünf Uhr morgens aufgestanden. Ich musste hierher anreisen. Weshalb aber tun Sie sich das an, mit 66 Jahren und einigen Millionen auf dem Konto?

Pff, das frage ich mich auch, wissen Sie. Aber die Antwort ist: Wenn man eine Leidenschaft besitzt, dann hat die oft mit Geld, Friede und Ruhe nicht viel zu tun. Eine Leidenschaft geht ja nicht in den Ruhestand. Der Körper geht in den Ruhestand. Er kann müde sein. Der Körper kann halb kaputt sein. Dann braucht man Ruhestand. Aber eine Leidenschaft kann nicht in den Ruhestand gehen. Sie können Picasso nicht sagen, weil er 65 Jahre alt ist: Jetzt hör auf zu malen. Mein Job ist auch meine Leidenschaft. Deswegen kann ich so viel arbeiten, weil ich nie den Eindruck habe, dass ich arbeite. Wenn ich den Eindruck hätte, dass ich arbeiten muss, dann würde ich das Minimum machen und nicht das Maximum. Und heute würde ich überhaupt nicht um neun Uhr kommen, ich käme später. Voilà, ich bin so. Entweder ich habe keine Leidenschaft für etwas. Dann mache ich, was ich machen muss. Und nichts mehr. Oder ich bin in meiner Leidenschaft. Dann habe ich keine Grenzen.

Die meisten meiner Freunde werden von einem Smartphone geweckt. Was hat Sie geweckt?

Nichts. Ich wache immer selber auf. Manchmal habe ich einen Flug frühmorgens und kann mir nicht erlauben, erst um 4.30 Uhr aufzustehen. Dann stelle ich den Wecker. Aber das ist sehr selten, maximal zehnmal im Jahr.

Und was ist das für ein Wecker?

Ein automatischer Wecker. Ich habe aber auch einen psychologischen Wecker. Habe ich viel Arbeit, wache ich früh auf. Habe ich nichts zu tun, wache ich erst fünf Uhr auf. Fünf Uhr bedeutet für mich Ferien.

Sie wären ein schlechter Kunde für Ihre eigene Branche.

Ja, aber wir verkaufen auch keine Wecker. Ich habe die Uhr im Kopf, im Blut, im Bauch. Und im Herz. Da muss man eine Uhr haben. Nicht unbedingt am Handgelenk. Die Uhr, die Sie in sich tragen, die Ihnen sagt: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, jetzt muss ich dies oder das machen. Diese Uhr ist die wichtigste. Und die kann man nicht kaufen. Die interne Uhr ist ein Instinkt. Ohne Instinkt stirbt ein Tier im Wald. Trotzdem ist es das Einzige, das man die Kinder nicht lehrt. Man lehrt sie nur Regeln. Aber seine interne Uhr, seine Zeit zu respektieren und auch noch zu implementieren, pff, da spricht kein Mensch davon.

Die Uhrenbranche verkauft doch Regelwerke, die mir sagen: Es ist zwölf Uhr, du musst etwas essen. Es ist sieben Uhr, jetzt ist Feierabend.

Wir bauen bei Hublot eigentlich auch keine Uhren. Was wir machen, ist Kunst. Ein Versuch, die Tradition lebendig zu behalten. Es sind Emotionen, die wir herstellen. Das ist Liebe, Seele, Kunst, Kultur. Es ist viel wichtiger, diese Elemente aufs Handgelenk zu bringen, als die dumme Zeitangabe. Who cares, dass es zehn vor neun ist.

Mit dem Stichwort Kunst haben Sie mich als Kulturredaktorin in der Tasche. Trotzdem: Stehen Uhren, auf denen man die Zeit nicht ablesen kann, nicht unter Generalverdacht? Computer, Medikamente, Nahrungsmittel werden immerhin real gebraucht.

Es ist kein Konkurrenzverhältnis. Es gibt Uhren, die irgendwann obsolet werden, und Uhren, die ewig sind. Ihr Ehemann kauft unsere Uhr zur Geburt Ihres Kindes, als Symbol für die Ewigkeit, als Erinnerung, Emotion. Und dann kauft er sich eine Connected Watch von Apple und weiss: Die ist für die nächsten fünf Jahre. Danach wird sie weggeworfen wie ein altes Handy.

Sie selbst haben doch soeben auch eine Smartwatch entwickelt.

Es sind eben zwei Kategorien. Die eine tangiert die andere nicht. Sie können ein T-Shirt von Nike tragen oder ein Hemd von einem Schneider. Das eine am Tag. Das andere am Abend.

Mich erstaunt trotzdem, dass Ihre so teuren Hublot-Chronometer pro Tag um bis zu zehn Sekunden abweichen!

Wenn eine Uhr diese Bestleistung erbringt, bekommt sie das Chronometer-Zertifikat. Das ist ein schweizerisches Zertifikat. Ab elf Sekunden Abweichung bekommt man es nicht mehr. Ein Chronometer ist das Präziseste, was man mit dieser Mechanik erreichen kann. 

Sie verkaufen mir also etwas, das schlechter funktioniert als anderes.

Aber natürlich. Viel schlechter.

Und schlechter ablesbar ist…

… viel schlechter. Es braucht gar nicht ablesbar zu sein.

Und es ist viel teurer…

Das auch, ja.

Wie können Sie so ehrlich überzeugt sein von etwas, das offensichtliche Makel hat?

Wenn Sie ein Kunstwerk von Giacometti sehen und ich Ihnen dann ein Foto zeige und sage: «Da, schau! Hast Du gesehen, wie der die Silvaplana gezeichnet hat? Das entspricht überhaupt nicht der Realität!» Dann stimmt das. Aber Giacometti hat einen Eindruck gemalt, eine Impression. Und genauso sind wir hier Impressionisten. Wir benutzen unsere Uhren als Grundlage, um eine Kunst auszudrücken.

Sie machen also Kunst mit Rädchen, Schrauben und Federn. Und verkaufen, wie Sie mal gesagt haben, Träume.

Genau.

Ein Traum lebt ja davon, dass er nicht wahr ist. Bin ich als Käuferin einer Hublot nachher unglücklicher, weil ich viel Geld ausgegeben habe für einen Traum, der keiner mehr ist?

Natürlich ist der Traum dann kein Traum mehr. Sie haben auch geträumt, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Die besten Träume sind die, die man sich erfüllen kann. Die traurigsten diejenigen armer oder kranker Kinder. Millionen von Kindern können ihre Träume nicht erfüllen. Deswegen gibt es Stiftungen wie «Make a Wish». Die Erfüllung des Traumes ist wichtig im Leben.

Sie plädieren auch für Liebe in der Arbeit – bringen Blumen ins Büro und plaudern mit Ihren Mitarbeitern. Kann man eine solche Liebe auch leben, wenn es hart auf hart kommt?

Erstens: Liebe existiert nicht nur zwischen zwei Menschen. Liebe geht viel weiter: Teilen ist ein Liebesakt. Verzeihen ist ein Liebesakt – man braucht viel Liebe, um zu verzeihen! – Respektieren ist ein Liebesakt. Punkt zwei: Liebe bedeutet auch ethisches Benehmen. Ich darf nicht töten und lügen. Das sind ethische Befehle, damit wir näher zu Gott kommen. Was aber ist Gott? Liebe. Keine Religion sagt: Gott ist Hass. Ausser vielleicht die Dschihadisten, voilà, das sind aber nur Terroristen. Alle Religionen sagen: Gott ist Liebe. Also ist Liebe auch ethisches Benehmen. Und dieses ändert sich nicht je nach Situation. 


Sie definieren die Liebe sehr weit.

Ja, 360 Grad. Noch weiter geht es nicht … 
…aber so ist es. Wenn Liebe nur zwei Menschen umfasst, ist sie nicht so wichtig. Natürlich ist sie dann schön und gut, aber Liebe sollte über zwei Menschen hinausgehen können.

Würden Sie, wenn es hart auf hart kommt, auch Leute entlassen?

Ja, denn das hat mit Liebe nichts zu tun. Das stört die Ethik nicht. Wenn jemand schlecht arbeitet und ich ihn deswegen entlassen muss, hat das mit Ethik nichts zu tun. Wenn ich aber neidisch bin, weil ich glaube, er ist besser als ich, und ich entlasse ihn, dann ist es etwas anderes. Das wäre eine Sauerei.

Sie betreuen drei verschiedene Uhrenmarken, aber können nur eine tragen. Sind Sie im Clinch?

Oh nein. Wenn ich zu Zenith gehe, trage ich eine Zenith – aus Respekt gegenüber den 400 Mitarbeitern. Wenn ich zu Hublot gehe, trage ich eine Hublot. Privat habe ich das Recht, die Uhr zu tragen, die mir am besten passt bei dem, was ich tue. Wenn ich Ski fahren gehe, ziehe ich die TAG Heuer an. Bei der Arbeit trage ich aus Respekt gegenüber den Mitarbeitern die Uhr jener Firma, wo ich bin.

Dann müssen Sie Ihre Uhren ständig wechseln.

Ich habe immer meine Mappe mit verschiedenen Uhren dabei: Heute gehe ich zu TAG Heuer und zu Hublot. Die TAG Heuer ist in der Mappe. Die Hublot trage ich jetzt. 

Sie haben vorhin die Tradition angesprochen. Dabei ist Hublot gar keine alte Marke.

Eine alte Marke hat mit dem Alter der Marke nichts zu tun. Eine junge Marke kann viel älter sein als eine alte Marke.

Wie soll das gehen?

Indem sie in der tiefsten Vergangenheit wurzelt, obwohl sie nicht seit damals existiert. Aber sie hat dort ihre Wurzeln und interpretiert mit der grösstmöglichen Wahrheit und Authentizität diese Tradition. Sie sagt: Alles, was das 21. Jahrhundert mir gibt, werde ich nicht benutzen. Ich nehme nur, was es im Jahr 1735 schon gab. Dieselben Materialien, dieselben Teile. Weil ich die traditionsreichste Marke sein will und ein Produkt herstelle, das seinen Platz in jedem Museum hätte. Und daneben gibt es Marken, die existieren seit 1820, und – pff – heute machen sie Quarzuhren, die mit der Tradition überhaupt nichts zu tun haben.

Sie haben selbst auch für Swatch gearbeitet.

Natürlich, und jede Marke hat ihre eigene DNA.

Und die wechseln Sie wie Ihr Hemd beziehungsweise Ihre Uhr?

Wer wäre ich denn, Jean-Claude Biver, einer Marke nur meinen eigenen Stempel aufdrücken zu wollen? Ich habe das Recht nicht dazu. Vielmehr muss ich Diener der Marke sein. Ich muss beispielsweise bei Omega anklopfen und sagen: Guten Tag, Herr Omega, ich bin aus dem 21. Jahrhundert. Man hat mich gebeten, Ihnen zu helfen, sich weiterzuentwickeln. Jetzt möchte ich wissen, Herr Omega: Seit wann gibt es Sie? Erzählen Sie mir mal Ihre Geschichte. Und was ist Ihre Botschaft? Das alles höre ich mir genau an, und dann stelle ich die Frage: Und was wollen Sie werden? Dann gebe ich Ihnen das Rezept, wie man dahin fährt. So sieht mein Respekt einer Marke gegenüber aus.

Wie ein Arzt, der sich in den Dienst des Patienten stellt …

… genau. Aber gerade diese Anpassungsfähigkeit fehlt meistens bei Topmanagern. Weil sie ihre Spur hinterlassen wollen, ihren Stempel – zack! – aus Arroganz. Um Gottes willen! Die Marke ist wie unsere Königin. Wir müssen uns jeden Morgen hinknien und sagen: Königin, was können wir heute für Sie tun?

Gibt es Situationen, wo Sie an Ihre Grenzen stossen?

Das ist mir mit den Uhren noch nicht passiert. Aber es gibt Marken in der Schweiz, für die ich nie arbeiten könnte. Weil es sich nicht recht anfühlen würde, deren Botschaft zu predigen. Da bin ich wie ein Rechtsanwalt, der sagt: Es gibt Kriminelle, die ich nicht verteidigen möchte. Ich kann vieles verteidigen, aber einiges kann ich nicht.

Sie stammen aus Luxemburg, aber Ihre DNA ist sehr schweizerisch. Sie haben eine Leidenschaft für Uhren. Und privat machen Sie Käse. Fehlt nur noch die Schoggi ...

Nein, Schokolade hängt nicht mit den Uhrmachern zusammen.

Der Käse schon?

Natürlich. Die ersten Uhrmacher waren Bauern, die im Winter Uhren hergestellt haben und im Sommer Käse. Sehen Sie, man kann nicht Uhren lieben, aber die Schweiz nicht lieben. Die Liebe zur Schweizer Kunst, den Schweizer Kühen, den Schweizer Sennenhunden, das ist alles eins. Darum mache ich Käse. 1561, als die ersten Hugenotten aus Frankreich kamen, gab es in der Schweiz keine Uhrmacher. Null. Damals haben die Hugenotten versucht, ihre Uhrmacherkunst weiterzuentwickeln. Also sind sie in den Jura gegangen und haben zu den Bauern gesagt: So, jetzt musst du mir das polieren, das muss ganz fein sein. Und im Frühling hole ich die Uhr ab und gebe dir ein paar Groschen. Die Bauern dort waren präzis und geduldig, sie waren arm – und sie hatten im Winter keine Arbeit. So hat es angefangen. Deswegen mache ich Käse. Weil ich an diese Zeit anknüpfen will.

Käse wird in der Schweiz massenhaft produziert. Mit Ihren Uhren ist es anders. Auch bei schlechter Wirtschaftslage gehen Sie mit den Preisen nicht runter und verknappen statt dessen das Angebot. Das können Sie nicht mit jedem Käse machen.

Stimmt. Das geht nur, wenn Sie genügend Nachfrage haben. Und den Willen, diese nicht total zu befriedigen. Das heisst, wenn Sie 1000 Uhren verkaufen könnten und Sie sagen: Ich mache nur 500. Dazu braucht es Mut … und auch ein bisschen Glück, damit die Kunden nicht abspringen. Es ist ein Balanceakt, der uns von Zeit zu Zeit gelingt. Aber auch wenn es nicht einfach ist, möchten wir immer unter der Anfrage bleiben. Es ist ein gewolltes System, uns zu beschränken. Auch mit mehr Sicherheit in die Zukunft gehen.

Stichwort Zukunft: Haben Sie keine Angst, dass die Ära der Armbanduhren vorbei ist?

Nein. Denn es gibt viele Firmen, die der Uhrmacherkunst treu bleiben. Und da sind andererseits viele junge Leute, die eine Uhrmacherschule besuchen. Darum wird es weitergehen. Ende der 1970er-Jahre, als die grosse Uhrenkrise kam, hatten wir in der Uhrmacherschule nur fünf Schüler. Da haben wir gedacht, jetzt geht die Industrie zu Ende. Heute sind es 40 oder 50 jedes Jahr. Und das bei mehreren Schulen. Wir haben genügend Potenzial – einerseits bei den jungen Leuten, andererseits bei den Firmen, um diese Leute aufzunehmen.

Aber für wie lange? Eine Generation, zwei?

Ich kann nicht sagen, wie es in 200 Jahren ist. Aber für die nächsten 50 Jahre geht es weiter.