USA

Über 20 Millionen neue Arbeitslose wegen der Corona-Krise – trotzdem bleiben viele optimistisch

Die Vereinigten Staaten ächzen unter rekordhoher Arbeitslosigkeit. Im Bild ist ein geschlossenes Geschäft in Philadelphia zu sehen. (Bild: Matt Rourke/AP, 23. April 2020)

Die Vereinigten Staaten ächzen unter rekordhoher Arbeitslosigkeit. Im Bild ist ein geschlossenes Geschäft in Philadelphia zu sehen. (Bild: Matt Rourke/AP, 23. April 2020)

In Amerika haben im April offiziell 20,5 Millionen Menschen ihre Arbeit verloren. Inoffiziell ist die Zahl der Arbeitslosen wohl noch weit grösser. Die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner rechnen aber damit, dass sie bald wieder zurück an der Arbeit sein werden.

Diese Zahlen machen sprachlos: Im vergangenen Monat haben in der Corona-Krise mindestens 20,5 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner ihre Arbeit verloren. Dies gab das Arbeitsministerium in Washington am Freitag bekannt. Und obwohl die Arbeitslosenquote von 4,4 Prozent im März auf 14,7 Prozent im April hochschnellte – ein Wert, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Amerika noch nie gemessen wurde –, bildet die Statistik wohl nicht die gesamte Verwüstung ab, die das Virus in der grössten Volkswirtschaft der Welt angerichtet hat.

Dafür gibt es drei Gründe. Erstens basiert die Wasserstandsmeldung zum Zustand des amerikanischen Arbeitsmarkts auf einer Telefon-Umfrage, die sich auf die Woche vom 12. bis 18. April bezog. Rund drei Wochen später sind diese Zahlen deshalb bereits veraltet. Den zweiten Grund liefern die Statistiker des Arbeitsministeriums gleich selbst: Sie weisen darauf hin, dass im April die aussergewöhnlich hohe Zahl von 11,5 Millionen Menschen zwar einen Job hatte, aber nicht zur Arbeit ging. Etwa ein Drittel dieser Menschen habe sich wohl in den Ferien befunden oder sei aus gesundheitlichen Gründen zu Hause geblieben.

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Gegen 8 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner waren aber höchstwahrscheinlich de facto arbeitslos – und sie wurden in der Statistik falsch erfasst. Das Arbeitsministerium geht deshalb davon aus, dass die eigentliche Arbeitslosenquote saisonbereinigte 19,5 Prozent betragen habe, oder fast 5 Punkte höher als die publizierte Rate. Der dritte Grund schliesslich hat mit einer anderen Besonderheit der Statistik zu tun. Sie erfasst nur diejenigen Menschen, die noch aktiv nach Arbeit suchen. Von März bis April stieg die Zahl der Amerikaner, die freiwillig oder unter Zwang dem Arbeitsmarkt den Rücken zukehrte, um 6,5 Millionen auf 103,4 Millionen.

Mehrheit sagt: Wir sind nur vorübergehend arbeitslos

Immerhin: In diesem historisch schlechten Arbeitsmarktbericht ist auch eine gute Nachricht zu finden. Gegen 18 Millionen der neuerdings arbeitslosen Menschen sagen, dass es sich dabei wohl nur um einen temporären Zustand handle – dass ihr Arbeitgeber ihnen also versichert habe, sie wieder anzustellen, sobald die Corona-Krise vorbei sei.

Das ist Wasser auf die Mühlen des Weissen Hauses. In einem Interview mit dem Nachrichtensender «Fox News Channel» auf die Arbeitsmarktdaten angesprochen, sagte Präsident Donald Trump am Freitag: «Diese Jobs werden alle zurückkommen». Vor der Corona-Krise habe Amerika «die beste Wirtschaft in der Geschichte der Welt» gehabt - eine Behauptung, für die es keine Beweise gibt - und die aktuelle Krise sei deshalb nur temporär. «Nächstes Jahr werden wir ein phänomenales Jahr haben», sagte Trump. «Die Menschen sind bereit.»

«Viele dieser Firmen werden nicht wieder aufmachen»

Ökonomen wiederum sind sich nicht sicher, ob dieser Optimismus angebracht ist. Es sei derzeit schwierig, Prognosen anzufertigen, räumte selbst Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow ein, der sonst nicht davor zurückschreckt, bisweilen aberwitzige Vorhersagen zu treffen. Andere Ökonomen verweisen darauf, dass sich die Stimmung der amerikanischen Konsumenten derzeit auf einem Tiefpunkt befinde – kein gutes Zeichen für eine Volkswirtschaft, die vor allem dann brummt, wenn die Amerikanerinnen und Amerikaner ihr Geld mit beiden Händen ausgeben.

Auch sagt eine Mehrheit der Bevölkerung, aufgrund der Corona-Pandemie habe sie unbehagliche Gefühle, wenn sie daran denke, an die Arbeit zurückkehren zu müssen. Dazu passt, dass sich die Sparquote derzeit auf einem Niveau befindet, dass zuletzt Mitte der Siebzigerjahre gemessen wurde. Realistischerweise muss deshalb davon ausgegangen werden, dass viele Unternehmen die Corona-Krise nicht überleben werden, auch wenn die US-Regierung im Konzert mit der Notenbank Federal Reserve alles daransetzt, frisches Kapital zur Verfügung zu stellen.

«Viele dieser Firmen werden nicht wieder aufmachen, oder, wenn sie ihre Türen wieder öffnen, weniger Menschen anstellen», sagt zum Beispiel Steve Blitz, der Chefökonom von TS Lombard. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters prognostizierte Blitz, dass der aktuelle Wirtschaftsabschwung frühestens im Oktober zu Ende gehen werde. (Ökonomen rechnen damit, dass die amerikanische Volkswirtschaft im aktuellen Quartal um rund 40 Prozent einbrechen wird.) Ähnlich pessimistisch äusserten sich Ökonomen in einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Zahl der gestrichenen Jobs sei derart hoch, dass eine rasche Erholung der Wirtschaft fast unmöglich sein werde, lautete der Konsens der befragten Wirtschaftsweisen. «Das wird ein langer Prozess», sagte Jan Hatzius, der Chefökonom der Bank Goldman Sachs, dem Wirtschaftssender CNBC.

Anders sehen es hingegen die Spekulanten - die amerikanischen Finanzmärkte befanden sich am Freitag im Plus.

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