Die Zeiten, als man die Kapitalstärke einer Bank mit einer einfachen Kennzahl messen konnte, sind vorbei. Der Fastkollaps des Finanzsystems nach dem Konkurs der US-Bank Lehman Brothers 2008 und das dadurch ausgelöste Finanzmarktchaos hatten eine Regulierungswut sondergleichen ausgelöst. Sie brachte nicht unbedingt mehr Stabilität, dafür viele neue Kennzahlen und Fachbegriffe.

Zu diesem Eindruck gelangt man jedenfalls nach der Lektüre des Finanzstabilitätsberichts 2014 der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Sucht man eine Antwort auf die simple Frage, welche der beiden Schweizer Grossbanken Credit Suisse und UBS denn nun solider dasteht, wird man enttäuscht.

Mit ihren Ergebnissen zur Kapitalverfassung der Grossbanken liefern die obersten Währungshüter der Nation viel mehr einen ausgefeilten Turnierbericht über fünf Runden. Die Kapitalstärke wird nämlich mittlerweile auf fünf verschiedenen Stufen, risikogewichtet und ungewichtet, mit, ohne oder ganz ohne Wandelkapital getestet. Es gewinnt die UBS: Sie genügt drei der ab 2019 geltenden Kapitalvorschriften, die CS dagegen nur einer.

Fortführung nach Chamäleon-Art

Die neue Grösse im Kapitalduell heisst «Going-Concern Loss-Absorbing Capital». Jawohl: Ohne Spezialwissen hat man in diesen Gefilden der Hochfinanz schon lange nichts mehr verloren. Wer Klarheit will, braucht Know-how der modernen Rechnungslegungskunst: «Going Concern» meint so viel wie Fortführungsprinzip. Will heissen: Bei der Bewertung eines Unternehmens gehen Buchhalter von der Fortführung der Unternehmenstätigkeit aus.

Bei den Grossbanken steht dieses Prinzip aber immer noch auf wackligem Fundament. Mit den tiefen (ungewichteten) Eigenkapitalquoten von 3 und 3,1 Prozent, wie sie die Credit Suisse respektive die UBS gemäss SNB derzeit ausweisen, sind die Institute in Krisensituationen jedenfalls schnell mal k. o. Deshalb fordert die SNB von den Banken einen weiteren Kapitalaufbau. «Mit ihren risikogewichteten Quoten liegen sie zwar über dem Durchschnitt global tätiger Grossbanken», sagte gestern Direktionsmitglied Jean-Pierre Danthine in Bern. «Auf ihre Leverage Ratios trifft dies jedoch nicht zu».

Das ist umso schwerwiegender, als die Leverage Ratio in der globalen Finanz-Gemeinde je länger, je wichtiger wird. Denn risikogewichtete Kapitalquoten haben sich in der Krise 2008/2009 als wurmstichige Wegweiser entpuppt. Zudem sind die internen Risikogewichtungsmodelle der Banken so komplex und unterschiedlich geworden, dass selbst Notenbanker Mühe haben, die tatsächliche Stabilität einer Bank zu ermitteln, wie Danthine gestern sagte.

Um ihre Überlebensfähigkeit zu verbessern, haben sich Banken und Regulatoren nach 2008 darauf geeinigt, dass die Banken nicht einfach das Eigenkapital mittels neuer Aktienemissionen erhöhen müssen – das hätte zwar viel Stabilität, aber wenig Rentabilität bedeutet. Man schuf stattdessen eine neue, hybride Kapitalart, die im Krisenfall ihre Form von Fremd- in Eigenkapital ändert, so wie das Chamäleon in Gefahrensituationen die Farbe wechselt, um das Überleben zu sichern.

Im Fortführungsprinzip des «Going-Concern Loss-Absorbing Capital» kommt letztlich also eine neue Überlebensstrategie der Banken zum Vorschein: Fallen die Kapitalquoten unter die gesetzlichen Minimalgrenzen, droht nicht der Konkurs. Vielmehr wird die Weiterführung des Betriebs durch die automatisierte Wandlung von Fremd- in Eigenkapital sichergestellt. Hochwertiges Wandelkapital mit hoher Wandelschwelle wird dabei schneller gewandelt als minderwertiges mit tiefer Schwelle.

Bei beiden Kapitalarten haben die Grossbanken zwar noch Nachholbedarf, wenn man den ab 2019 geltenden Massstab ansetzt. Insgesamt besteht aber kein Grund zur Sorge: Die Banken operieren gemäss SNB derzeit in einem recht entspannten Umfeld, das sich weiter verbessern dürfte.