Zypern-Krise

UBS-Chefökonom: «Jetzt ist der Geist aus der Flasche»

«Der Geist ist aus der Flasche»: UBS-Ökonom Andreas Höfert befürchtet eine Verschärfung der Situation.

«Der Geist ist aus der Flasche»: UBS-Ökonom Andreas Höfert befürchtet eine Verschärfung der Situation.

Der UBS-Chefökonom Andreas Höfert hält den Plan, zur Rettung Zyperns auf die Spareinlagen zuzugreifen, für sehr gefährlich. Jetzt hat man einen Präzedenzfall geschaffen. Die Bankkunden in anderen Ländern werden sich fragen, wie sicher ihr Geld ist.

Ist das Zypern-Problem noch ein lokales Ereignis?

Andreas Höfert: Nein. Je länger die Unsicherheit besteht, desto brisanter wird es für den Euro. Jetzt ist der Geist aus der Flasche – den Rückgriff auf die Einlagen der Kunden hätte man nicht machen dürfen. Das steht in krassem Gegensatz zu dem, was man die letzten Jahre in Europa gesagt hatte.

Wird das zu einer Gefahr für die Banken?

In den Mittelmeerländern gab es im letzten Jahr schon einen schleichenden Banken-Run. Das Vertrauen war geschwunden. Jetzt haben wir den Tabubruch. Die Kunden in anderen Ländern werden sich fragen, wie sicher ihre eigenen Einlagen auf ihren Banken sind. Nicht ganz zufällig mussten die Regierungen in Deutschland und Frankreich am Montag erklären, dass die Einlagen in Deutschland und Frankreich sicher sind.

Hätte es Alternativen zum Zugriff auf die Einlagen gegeben?

Ja, beispielsweise mit dem Vorschlag, mit russischem Geld die zyprischen Banken zu rekapitalisieren. Dann wären die Banken auf Zypern zwar russische geworden, aber die Guthaben wären nicht angegriffen worden. Zypern muss ja die 5,8 Milliarden zum Rettungsplan beisteuern. Das hätte man zeitlich länger ausdehnen können. Oder die EU hätte es Zypern frei stellen können, wie die 5,8 Milliarden Euro aufgetrieben werden können.

Ist die Eurozone jetzt erpressbar geworden?

Ja, denn jetzt ist das Schlimmste passiert, was überhaupt eintreten kann. Wenn die EU hart bleibt, könnte Zypern sagen, wir steigen aus dem Euro aus, dann fällt das Land möglicherweise in die Hände Russlands. Man hat so einen Präzedenzfall geschaffen. Oder man hätte einen Schritt zurück gehen können. Nach den ersten Protesten hatte man ja schon eine 20000-Euro-Grenze als Freigrenze diskutiert. Aber: Der Geist ist jetzt aus der Flasche. Bankeinlagen sind nicht mehr sicher.

Welche Rolle spielen die Bodenschätze in Zypern?

Die sind natürlich ein wichtiges Faustpfand. Förderrechte könnten eingetauscht werden gegen Geld oder Schulden. Aber auch die Rohstofffirmen fragen sich, ob ihre Gelder auf Zypern noch sicher wären. Und damit wären wir in einem grösseren Kontext. Denn Europa hatte beispielsweise auch China und Brasilien ermuntert, bei der Sanierung der europäischen Staatshaushalte mitzumachen. China kaufte Teile des Hafens von Piräus bei Athen. Jetzt sieht es eher so aus, dass der Plan Europas, sich als Alternative zu den USA zu positionieren, gescheitert ist.

Wie sicher ist dann noch der Einlegerschutz?

In Europa hatte man überall eine implizite Garantie. Jetzt hat man aber auf Zypern einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. In Frankreich sprach der Präsident schon wieder von einer „exzeptionellen Situation“. Aber jeder Bankkunde in Europa hat inzwischen begriffen, dass Versprechungen gebrochen werden können. Es hiess ja auch bei Griechenland nach dem Schuldenschnitt, es sei ein Spezialfall, das würde nicht nochmal passieren.

Was heisst das für den Bankenplatz Schweiz?

Es ist zwar möglich, dass Schweizer Banken jetzt einen Mittelzufluss aus anderen Ländern erleben. Aber man kann sich darüber nicht freuen, denn das ist Ausdruck der Verschärfung der Krise, bei der viele Menschen Angst um die Zukunft des Euro haben. Zudem würde auch der Druck auf die SNB steigen, noch mehr Geld für die Stabilisierung des Frankenkurses auszugeben.

Steigt der Goldpreis?

Die Unsicherheit führt zu steigendem Goldpreis in einer Welt, in der sehr viel Papiergeld geschaffen wird. Bereits jetzt steigen wieder die Zinsen für Spanien und Italien. Die Eurokrise verschärft sich wieder.

Es kam in den letzten Jahren jeweils zu Preisrückgängen beim Gold, wenn sich die Euro-Krise verschärfte.

Ja, das liegt aber vor allem an technischen Faktoren. Gold zählt zu den liquidesten Anlagen und die werden dann verkauft, wenn beispielsweise Finanzinvestoren aufgrund gefallener Aktienpreise einen Margin Call bekommen. Am langfristigen Trend ändert das nichts.

Besteht jetzt die Gefahr eines Auseinanderbrechens des Euro?

Im letzten Juli sah es so aus, dass man drei Probleme entschärft hatte: Der Zinsanstieg bei Staatsanleihen wurde Ende Juli durch den sogenannten Draghi-Put gestoppt. Dann brachte die Diskussion um die Bankenunion Ruhe in das Bankensystem. Schliesslich unternahmen auch etliche Euroländer einiges, um ihre Wettbewerbsposition zu verbessern. Spanien etwa verzeichnete zum ersten Mal seit 15 Jahren Ende 2012 einen Leistungsbilanzüberschuss. Man hatte Zeit gewonnen. Jetzt sieht es wieder viel schlechter aus. In Italien wird um eine neue Regierung debattiert, die vieles wieder rückgängig machen könnte, weil die Wähler genug von der Austeritätspolitik haben. Und jetzt noch der Unfall mit Zypern. Das hätte man nicht machen dürfen – ich weiss wirklich nicht, was sich die Politiker beim Plan, auf die Spareinlagen zuzugreifen, gedacht hatten.

Andreas Höfert ist Chefökonom bei der UBS in Zürich

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