Währungs-Zerfall

Türkische Lira-Krise als Vorläuferin für andere Schwellenländer?

Ein Geldwechselgeschäft in Istanbul. Zerrt die türkische Währungskrise weitere Länder ins Elend?

Die Türkei ist in der internationalen Wirtschaft zu klein, um mit ihrer Lira-Krise grossen Schaden anzurichten. Allerdings könnten die gleichen Probleme auch andere aufstrebende Volkswirtschaften ereilen.

In der türkischen Lira-Krise wird eine Ansteckung anderer Länder befürchtet. Banken-Ökonomen beschwichtigen jedoch. Die Türkei sei international kein wichtiger Wirtschaftsakteur. Das Land mache nur ein Prozent der globalen Wirtschaft aus, weniger als die Niederlande. Exporte der Eurozone in die Türkei würden nur ein «winziges Stück des gesamten Kuchens» ausmachen: bloss ein halbes Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) der Eurozone.

Auch eine Ansteckung via finanzielle Links wird für wenig wahrscheinlich gehalten. Banken aus der Eurozone hatten zwar Anfang 2018 total 175 Milliarden Euro in der Türkei ausstehen. Doch seien diese Kreditvolumen überschaubar, wenn sie auf einzelne Länder umgelegt würden. In Spanien etwa, dessen Banken sich am stärksten engagiert hatten, beschränken sich die Kredite auf unter 6 Prozent des BIP; bei französischen und italienischen Banken auf jeweils rund 1 Prozent.

«Wann werden sie es jemals lernen?»

Doch die internationale Bedeutung der türkischen Krise dürfte anderswo liegen. Wie der frühere UBS-Chef-Ökonom George Magnus herausstrich, ist die Türkei besser als möglicher Vorläufer zu verstehen. Der gleiche Trend, der das Land plagt, könnte bald andere aufstrebende Volkswirtschaften bedrängen. «Wann werden sie es jemals lernen?», fragt Magnus rhetorisch auf Twitter. Hätten die Amerikaner ihre Geldpolitik gestrafft, habe dies schon immer zu Verwerfungen geführt auf den globalen Finanzmärkten.

In den Achtzigerjahren habe die US-Notenbank die Zinsen stark angezogen, der damalige Chef Paul Volcker wollte die Inflation drücken. Der Dollar legte zu: laut Magnus war dies der erste grosse Bullen-Markt im Dollar. Mexiko, das stark in Dollar verschuldet war, konnte 1982 seine Schulden nicht mehr bedienen. Anderen südamerikanischen Ländern wurde die Refinanzierung ihrer Schulden verweigert. Die «Lateinamerikanische Schuldenkrise» nahm ihren Lauf. Ab dem Jahr 1994 kam es zum zweiten grosse Bullen-Markt im Dollar. Alan Greenspan hatte als Fed-Chef die «Federal Funds Rate» nahezu verdoppelt. Internationales Kapital floss in die USA hinein, und in grossem Stil aus Asien heraus. In Thailand und anderen asiatischen Staaten platzten Kreditblasen. Im Juli 1997 gab Thailand die Bindung des Baht an den Dollar auf – der Anfang der Asienkrise.

Dritter Bullenmarkt des Dollars

Nun erlebe die Welt den dritten Bullen-Markt im US-Dollar, so Magnus. Wie in den früheren Aufwertungsperioden sei auch dieses Mal nicht mit einer reibungslosen Anpassung der Weltwirtschaft zu rechnen. Zumal wiederum viele Volkswirtschaften enorme Kredite in Dollars aufgenommen hätten. Die Türkei passt in dieses Muster: Die ausländischen Kredite betragen über 50 Prozent des BIP. Das Land steht mit seiner Abhängigkeit von ausländischem Geld aber nicht alleine da.

In einer Studie der Notenbank St. Louis wird festgestellt, dass in aufstrebenden Länder die Verschuldung stark zugenommen hat in den letzten zehn Jahren. Dabei haben dort offenbar Haushalte, Regierungen und Unternehmen von den rekordtiefen Zinsen in Industriestaaten profitiert. Kredite wurden in ausländischen Währungen aufgenommen, insbesondere in Dollar. Mit einem Anziehen der US-Zinsen wird die Bedienung dieser Kredite nun teuer. Die Länder werden anfällig für «sudden stopps»: dass ausländische Investoren ihre Gelder plötzlich abziehen.

In einem solchen Umfeld müsste die Schweiz wohl erneut einen Aufwertungsschub des Frankens meistern.

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