Medien

Trump verhilft Schweizer Newsportalen zu Höhenflügen

Schlagzeilen am laufenden Band dank Donald Trump.

Schlagzeilen am laufenden Band dank Donald Trump.

Die US-Medien profitieren von der Wahl Trumps. Der neue Präsident greift aber auch den Newsseiten von «Tages-Anzeiger», «Blick» und der «Nordwestschweiz» unter die Arme.

Was wurde der Untergang der Medien nicht schon herbeigeschrieben. Es schien die traditionellen Medienunternehmen im digitalen Zeitalter von Facebook, Instagram und Co. nicht mehr zu brauchen, und dann kommt er – Donald Trump, mitsamt seinen «Fake-News».

Plötzlich braucht es sie wieder, die traditionellen Medien, wie die «New York Times». Die Hüter der Fakten, die Dinge richtigstellen, den Behörden und dem Präsidenten auf die Finger schauen. Und plötzlich wird ihre Arbeit wieder geschätzt und konsumiert, wie ein Bericht des britischen Wirtschaftsmagazins «The Economist» zeigt: Seit Trump in Amerika an der Macht ist, werden die Websites der amerikanischen Zeitungen wie der «New York Times», der «Washington Post» oder des «Wall Street Journals» viel häufiger besucht. Die «New York Times» konnte in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres bei digitalen Abos so richtig zusetzen und registrierte 276 000 Neukunden. Somit kommt die Zeitung nun auf rund 1,6 Millionen digitale Abonnemente.

Neuer Reichweite-Rekord

Im Englischen wird dieser positive Effekt auf die Medien als Trump Bump bezeichnet. Eine Umfrage der «Nordwestschweiz» unter den Schweizer Medien zeigt: Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf den amerikanischen Markt. Auch die Schweizer Newsportale profitieren vom neuen US-Präsidenten.

«Es gibt Tage, an denen sind bis zu sieben, acht Trump-Storys unter den 10 meistgelesenen Beiträgen», schreibt Michael Marti, Leiter Newsnet und Mitglied der Chefredaktion «Tages-Anzeiger»/«Sonntagszeitung». Der Lesedurst der Online-User nach Trump-Geschichten zeigt sich an den Traffic-Zahlen. Das Newsportal des «Tages-Anzeigers» hat im November während der US-Wahlen einen neuen Reichweite-Rekord erzielt. Und zwar 2,6 Millionen Unique Clients, sprich von so vielen Geräten wurde auf die Seite des «Tages-Anzeigers» zugegriffen. Dies entspricht einer Zunahme von 20 Prozent. Marti: «Dies steht eindeutig im Zusammenhang mit dem enormen User-Interesse an Storys zu Trump und der neuen US-Administration.» Donald Trump sei ein aussergewöhnliches Phänomen, ein Mann, der Erklärungsbedarf schaffe. «Und deshalb ist das Bedürfnis nach Informationen gross, verständlich und legitim.»

Das Nachrichtenportal Watson legte im Januar um 130 000 Unique Clients zu. Ein Drittel der Top-20-Artikel befasste sich dabei mit dem US-Präsidenten. «Trump hilft uns mit seinen Skandalen im täglichen Newsbetrieb», sagt Chefredaktor Maurice Thiriet. «Wir können die Zunahme in der Reichweite aber nicht auf ihn zurückführen.»

Trumps beleidigt, User klicken

«Je beleidigender, je unfassbarer Trumps Äusserungen und Auftritte, desto höher der Traffic», sagt Jürg Krebs, Stellvertretender Chef Digitale Medien der «Nordwestschweiz». Bereits während des Wahlkampfs habe Trump die User interessiert, doch erst nachdem er offiziell als US-Präsident eingesetzt worden sei, sei er tatsächlich zum Klick-Garant geworden. «Unser Newsblog über seine Regierungstätigkeit und dessen Auswirkungen rangiert seit bald vier Wochen unter den Top 5 der internationalen Beiträge», sagt Krebs.

Auch bei Blick.ch zieht Trump überdurchschnittlich. Ein Segen für die Medien sei er dennoch nicht, schreibt Thomas Benkö, Stellvertretender Chefredaktor Blick.ch und Blickamabend
.ch. Klar böten Trump und sein Clan mit dem Mix aus Macht, Schönheit und Skandalen viel Stoff für Storys. Doch: «Wenn der sogenannt mächtigste Mann der Welt die freie Presse zu Volksfeinden erklärt, ist es doppelt nötig, kritisch hinzuschauen.»

Auch Jürg Krebs von der «Nordwestschweiz» und Michael Marti vom «Tages-Anzeiger» sehen Trump nicht als Erretter. «Reichweite ist ohne Zweifel wichtig im Mediengeschäft», sagt Krebs, «aber es darf nicht alles sein.» Und Marti meint: «Trump ist ein vergängliches Phänomen. Medien müssen auch ohne ihn Erfolg haben.»

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Autor

Fabio Vonarburg

Fabio Vonarburg

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