An den Finanzmärkten wimmelt es nur so von «ewigen Wahrheiten». Zu den Bekannteren gehört etwa «Sell in May and go away» oder «Diversifikation der Vermögenswerte ist alles». In dieselbe Kategorie fällt der Spruch «Politische Börsen haben kurze Beine», mit anderen Worten: Solche Ereignisse wirken sich nur kurz auf die Kurse aus. Der letzte Mittwoch war wieder ein politisch geprägter Börsentag. Das militärische Säbelrasseln zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea führte zur gewohnten Reaktion: Von Tokio bis New York sanken die Aktienkurse, Staatsanleihen dagegen waren gefragt, der Franken als Fluchtwährung im Aufwind, dasselbe bei Gold. Und jetzt? Wer gewinnt? Die zuversichtlichen Bullen oder die negativ gestimmten Bären?

Die Erfahrung lehrt, dass auf lange Sicht das Auf und Ab an den Märkten in viel höherem Masse durch die Unternehmensgewinne, die Zinsentwicklung und die Anlegerstimmung beeinflusst wird als durch politische Ereignisse. Ein Blick auf den Kursverlauf des US-Börsenbarometers Dow Jones Industrial seit dem Jahr 1900 bestätigt das. Natürlich wirkten sich die beiden Weltkriege an der Wall Street aus. Dasselbe geschah während der Kubakrise 1962 sowie nach dem Terroranschlag in New York am 11. September 2001. Der Irak-Krieg liess den Dow Jones dagegen nur vor dem länger befürchteten Ausbruch im März 2003 erzittern. Wie immer galt auch hier die Börsenregel: Ungewissheit ist Gift.

Nicht auf der höhe Zeit

Oftmals führen politische Ereignisse zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen wie der Waffengang zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn im Oktober 1973, der die Rohölkrise im Westen nach sich zog. Ihren weitaus schlimmsten Sturz erlebten die Börsen im Jahr 1929. Am 29. Oktober fielen in den ersten Handelsminuten die Kurse mancher Aktien an der Wall Street alle zehn Sekunden um einen Dollar. Und der Sturm verzog sich nicht. Die Firmen im Dow Jones verloren bis zu ihrem Tiefpunkt im Juli 1932 nicht weniger als 82 Prozent an Wert.

Der bekannte US-Ökonom John Kenneth Galbraith verglich diesen Crash mit dem «Schwarzen Montag» vom Oktober 1987 und kommt zu dem Schluss: «Die wichtigste Rolle spielte (…) ein unerschütterlicher Optimismus, der vor dem jeweiligen Oktober weitgehend handlungsbestimmend war.» Einzelne Wirtschaftsindikatoren, so Galbraith weiter, «nährten den Glauben an einen ungetrübten Wertezuwachs, der in keinem Verhältnis zur Realität stand. Wer Zweifel anmeldete, bekam zu hören, er sei nicht auf der Höhe der Zeit.»

Ähnliches hätte man 2001 schreiben können. In der New Economy hatte zur Jahrtausendwende wiederum eine Goldgräberstimmung um sich gegriffen, ehe auch diese Blase platzte. Gerade in jüngerer Zeit häuften sich jedoch politische Ereignisse: Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, die Entscheidung der Briten zum Austritt aus der EU, der Wahlsieg von Emmanuel Macron in Frankreich und die guten Aussichten von Angela Merkel auf eine erneute Kanzlerschaft in Deutschland zählen dazu.

Vor allem der Brexit erwischte viele Investoren auf dem falschen Fuss. Nach der Entscheidung vom 23. Juni 2016 gingen Europas Börsen um rund 8 Prozent in die Knie. Aber der Austrittsantrag in Brüssel knapp ein Jahr später liess die Investoren zumeist kalt. Macron und Merkel wiederum liefern die politische Begleitmusik für das wirtschaftliche Erstarken Europas. Und für alle grossen Finanzmärkte unter Führung der USA «sieht es so aus, als sollte uns die entspannte Sommerstimmung noch ein wenig erhalten bleiben», urteilte kürzlich der Vermögensverwalter Blackrock. Indes mahnen Trump und der Brexit, dass politische Einschnitte langfristige Wirkungen an den Märkten entfalten können. Dies gilt es im Auge zu behalten, nicht zuletzt unter dem Stichwort Abschottung. Der britische Historiker Harold James formulierte 2004 als Lehre aus der «Grossen Depression» in den 30er-Jahren, «dass Handelsprotektionismus auch zu instabilen Finanzmärkten führen kann». Politische Komponenten wirken auch anderswo.

Verschärfte Kriegsrhetorik

Die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2007, in deren Verlauf der Dow Jones bis März 2009 um 55 Prozent einbrach, ist nicht zu verstehen ohne die Entscheidung der US-Regierungen in den 90er-Jahren, möglichst vielen Landsleuten zu einem eigenen Haus zu verhelfen. Beunruhigend am verbalen Schlagabtausch zwischen Trump und Kim Jong Un ist die Tatsache, dass hier zwei besonders Ego-getriebene Hitzköpfe aufeinanderprallen. In der Regel reagieren die Börsen auf politische Einschnitte heftig, aber nur kurzfristig. Die verschärfte Kriegsrhetorik zwischen Nordkorea und den USA bietet indes vorläufig keinen Anlass, zur Tagesordnung überzugehen.