Tourismus
Rekordzahlen bei Campingplätzen, Flaute bei Freibädern: So ist es dem Schweizer Tourismus diesen Sommer ergangen

Schweizerinnen und Schweizer verbrachten ihre Ferien häufiger als letztes Jahr im Ausland, in Ferienhäusern oder Hallenbädern. Bähnli- oder Schifffahrten waren dafür nicht hoch im Kurs.

Gabriela Jordan
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Badis zogen gegenüber Hallenbädern diesen Sommer den Kürzeren.

Badis zogen gegenüber Hallenbädern diesen Sommer den Kürzeren.

Bild: Alexandra Wey/Keystone (Zürich, 8. Juli 2021)

Der Sommer hat sich dieses Jahr gut versteckt. Statt Badewetter regierte der Regen, Sonnencreme und Flipflops waren nur selten nötig. Wie verbrachten Schweizerinnen und Schweizer also ihre Sommerferien? Flüchteten sie an die sonnige, italienische Riviera? Schliesslich hat sich bei vielen auch das Fernweh angestaut. Oder blieben sie wegen des Wirrwarrs der Einreiseregeln doch lieber im Inland?

Mit der Unwetterserie und den gegenüber dem letzten Jahr weniger strengen Reiserestriktionen standen die Zeichen für den einheimischen Tourismus jedenfalls nicht gut. «Einen sehr guten Sommer wird es nicht geben», sagte Martin Nydegger, Direktor von Schweiz Tourismus, vor kurzem denn auch in einem Interview mit der «Sonntagszeitung».

Ganz vorbei ist die Sommersaison natürlich noch nicht. In den meisten Kantonen neigen sich die Schulferien aber schon dem Ende zu. Wie haben Tourismusanbieter in der Schweiz den Sommer bislang also erlebt und was erwarten sie sich noch? Wir haben nachgefragt – bei Hotels, Campings, Seilbahnen, Freibädern oder Museen. Das Fazit: Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

Schweiz Tourismus zeichnet ein düsteres Bild

Nicht überfüllt: Das Hotel und Restaurant Pilatus Kulm an einem wechselhaften Sommertag.

Nicht überfüllt: Das Hotel und Restaurant Pilatus Kulm an einem wechselhaften Sommertag.

Urs Flueeler / Keystone (23. Juli 2021)

Die generelle Einschätzung der Marketingorganisation Schweiz Tourismus ist ernüchternd: «Wir gehen davon aus, dass wir diesen Sommer bis zu zehn Prozent weniger Schweizer Gäste haben als im Sommer 2020», sagt Sprecherin Véronique Kanel. Grund: Schweizerinnen und Schweizer reisen wieder vermehrt ins Ausland. «Allerdings spüren wir gleichzeitig, dass wieder mehr Gäste aus dem Ausland zu uns kommen. Sie kompensieren den Einbruch.» Insgesamt könnte ein leichtes Plus resultieren.

Einen sehr guten Sommer werde es aber nicht geben – und die schlechte Wintersaison könne somit nicht wettgemacht werden, sagt Kanel. Über das gesamte Jahr betrachtet rechnet Schweiz Tourismus mit einem Einbruch: «Wir werden in diesem Jahr gemessen an den Hotelübernachtungen voraussichtlich nochmals fünf Prozent schlechter abschneiden als im letzten Jahr. Das ist keine gute Nachricht, denn 2020 war das schlimmste Jahr der Geschichte für die Schweizer Hotellerie.»

Bis Ende Jahr dürften immerhin die europäischen Gäste wieder zahlreicher ins Land strömen. Laut einer Prognose der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) werden die Logiernächte etwa bei Touristen aus Frankreich und Deutschland im Vergleich zu 2020 um 20 Prozent respektive 15 Prozent zunehmen. Einheimische Touristen bleiben laut Schweiz-Tourismus-Sprecherin Kanel aber klar das Rückgrat der Branche. Der grosse Stadt-Land-Graben gilt somit weiterhin: Regionen mit einem hohen Schweizer Gästeanteil wie das Tessin, Graubünden oder Toggenburg sollten im Vergleich zu den Städten einen befriedigenden Sommer haben.

Hotellerie Suisse vermisst Schweizer Gäste

Warten auf Gäste? Das Hotel Himmelrich in Kriens LU.

Warten auf Gäste? Das Hotel Himmelrich in Kriens LU.

Bild: Manuela Jans-Koch (Keystone)

Der Verband der Schweizer Beherbergungsbetriebe beobachtet ebenfalls eine Zunahme von ausländischen und einen Rückgang von inländischen Touristen: «Erste Hotels berichten vereinzelt von Buchungen von US-amerikanischen Bürgern. Die neuen Reisefreiheiten drücken aber auch die Inlandnachfrage etwas herunter, saisonbereinigt scheint es so, dass diese etwas schneller abfällt, als dass die Auslandsnachfrage wieder anzieht», sagt Hotellerie-Suisse-Sprecher Vinzenz van den Berg.

Weiter habe auch das schlechte Wetter die Nachfrage gegenüber den Vorjahresmonaten beeinflusst. Gerade der diesjährige Juli werde deswegen wahrscheinlich unter dem Wert vom Juli 2020 liegen. Beim Juni ist es hingegen genau umgekehrt, 2021 wurden 55 Prozent mehr Logiernächte als 2020 registriert. Eine Beurteilung der ganzen Sommersaison will Hotellerie Suisse noch nicht wagen. Klar sei nur, dass man vom Vorkrisenniveau noch weit entfernt sei. Schliesslich lagen auch die Logiernächte im Sommer 2020 mehr als 20 Prozent tiefer als 2019.

Positiv stimmen dennoch die Halbjahreszahlen, die das Bundesamt für Statistik am Mittwoch herausgegeben hat. Demnach zählte die Hotellerie von Januar bis Juni 11,4 Millionen Logiernächte – 14,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Wird das Jahr 2021 insgesamt also doch besser abschliessen als 2020? «Wir gehen nicht davon aus», heisst es bei Hotellerie Suisse.

Parahotellerie frohlockt

Ferien auf dem Campingplatz Monte Generoso in Melano im Kanton Tessin.

Ferien auf dem Campingplatz Monte Generoso in Melano im Kanton Tessin.

Elia Bianchi / Keystone

Ganz anders zeigt sich die Situation bei der Parahotellerie, allen voran bei den Ferienwohnungen und Campings. Nach Ausbruch der Pandemie erlebte dieser Sektor einen regelrechten Boom, der offenkundig noch immer anhält: So meldet der grösste Campingbetreiber TCS Camping per Ende Juli 2021 rund 60 Prozent mehr Logiernächte als noch per Ende Juli 2019. Auch gegenüber 2020 liegen die Zahlen 50 Prozent im Plus. «Das ist nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass wir die Plätze dieses Jahr regulär anfangs April eröffnen konnten», sagt Sprecherin Sarah Wahlen.

Das schlechte Wetter und die Hochwassergefahr haben die diesjährige Saison also nicht verdorben. Einzig im Juli seien die Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken. «Am meisten gelitten hat die Region um den Neuenburgersee, in den anderen Regionen waren die Beeinträchtigungen durch das Wasser weniger gross.»

Ein überschwemmter Campingplatz in Cheseaux-Noreaz bei Yverdon-les-Bains am Neuenburgersee.

Ein überschwemmter Campingplatz in Cheseaux-Noreaz bei Yverdon-les-Bains am Neuenburgersee.

Valentin Flauraud / Keystone (19. Juli 2021)

Ferienwohnungen und Ferienhäuser schreiben dank buchungsfreudigen Schweizern ebenfalls weiter Rekordzahlen. Interhome etwa (gehört zur Hotelplan-Gruppe) kann rund 15 Prozent mehr Gäste – einheimische und ausländische – als in den Sommermonaten 2019 und 2020 begrüssen. Airbnb Schweiz gab auf Anfrage keine Auskunft.

Weniger gut kommen hingegen Jugendherbergen weg. Die aktuelle Auslastung sei dank Familien und Ferienlagern zwar gut, die internationalen Gäste fehlten aber nach wie vor. Und: Der Einbruch durch all die abgesagten Schulreisen im Frühling könne nicht kompensiert werden. «Insgesamt können wir uns aber nicht beklagen», sagt Janine Bunte, Chefin der Schweizer Jugendherbergen.

Bergbahnen litten unter schlechtem Wetter

Die Pilatus-Gondelbahn Kriens - Fräkmüntegg an einem wechselhaften Sommertag.

Die Pilatus-Gondelbahn Kriens - Fräkmüntegg an einem wechselhaften Sommertag.

Urs Flueeler / Keystone (23. Juli 2021)

Ein Sommer zum Vergessen ist es für die Bergbahnen: Allein im noch weniger verregneten Monat Juni gingen die Besuchszahlen gegenüber Juni 2019 um 47 Prozent zurück, die Umsätze um 37 Prozent, wie Berno Stoffel, Direktor des Verbands Seilbahnen Schweiz, sagt. Einzig im Kanton Tessin fiel der aktuelle Juni positiver aus als vor zwei Jahren. Auch im Vergleich zum Vorjahr seien die Zahlen insgesamt klar tiefer.

Nun macht das Sommergeschäft für die Bergbahnen zwar nur rund 25 Prozent aus. Da aber auch schon die Wintersaison «durchzogen» war, werden die Seilbahnen das gesamte Jahr sicherlich nicht gut abschliessen können. Ein kleiner Lichtblick: Es gebe erste Anzeichen auf tiefem Niveau für eine Erholung bei deutschen Gästen, so Berno Stoffel.

Schifffahrt muss Hochsaison praktisch abschreiben

Die überschwemmte Schiffsstation Buochs in Nidwalden. Wegen des hohen Wasserpegels war die Schifffahrt vorübergehend eingestellt.

Die überschwemmte Schiffsstation Buochs in Nidwalden. Wegen des hohen Wasserpegels war die Schifffahrt vorübergehend eingestellt.

Matthias Piazza / Nidwaldner Zeitung (15. Juli 2021)

Corona, Regen und dann auch noch Hochwasser: Die Schifffahrtsgesellschaften mussten diesen Sommer Nerven beweisen. «Wetterkapriolen gab und gibt es immer. Trotzdem war es ein herber Schlag, mitten während der Hochsaison im Juli aufgrund von Hochwasser mit normalerweise rund 15'000 Passagieren täglich den Betrieb während neun Tagen einstellen zu müssen», sagt Werner Lüönd, Marketingleiter der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees.

Im Moment verzeichnet das Unternehmen 50 Prozent weniger Passagiere als in einem «normalen Jahr». Gleich hohe Rückgänge gibt es auf dem Bodensee, Zürichsee, Brienzer- und Thunersee, wie die Schweizerische Bodensee-Schifffahrt, die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft und die BLS auf Anfrage schreiben. «Die fehlenden Umsätze werden sich auch dieses Jahr negativ auf das Geschäftsergebnis auswirken, da ein solcher Rückstand in den kommenden Monaten nicht mehr wettzumachen ist», heisst es vom Unternehmen am Bodensee. Die BLS spricht ihrerseits von Zahlen, die «weit unter den Erwartungen» ist.

Da ein Grossteil der Passagierfrequenzen zwischen Mai und Oktober generiert wird, besteht noch etwas Hoffnung. Die Branche hofft auf einen milden Spätsommer und Herbst, tiefe Fallzahlen und möglichst keine Corona-Einschränkungen, sodass zumindest ein Teil Passagiere wieder eine Schifffahrt unternimmt.

Kinos und Museen profitieren

Zuschauer im Kino Rex in Biel.

Zuschauer im Kino Rex in Biel.

Adrian Reusser / Keystone

Freuen dürften sich hingegen Kinos und Museen. Letztere verzeichnen im Vergleich zur Vorjahresperiode höhere Besucherzahlen, wie der Verband Schweizer Museen basierend auf einer Umfrage bei zehn seiner Mitglieder schreibt. Teilweise hätten sie sich sogar verdoppelt oder verdreifacht. «Sie bewegen sich damit wieder auf dem Niveau der Jahre vor Corona und zeigen, dass vor allem auch die regionale Bevölkerung Museumsangebote aktiv nutzt», sagt Generalsekretärin Katharina Korsunsky. Teils habe der Regen eine Rolle gespielt, teils würden Museumsbesuche aber eher bei schönem Wetter mit einem Ausflug in eine andere Region verknüpft.

Das Verkehrshaus der Schweiz in Luzern meldet ebenfalls Top-Zahlen: Im Juli waren es 62'000 Besucher und somit 26 Prozent mehr als im Vorjahr. Profitiert haben auch die zu Swisscom-gehörenden Blue-Cinemas. Besucherzahlen geben sie zwar keine bekannt, mit der im gesetzlichen Rahmen möglichen Auslastung seien sie aber «sehr zufrieden». Da nun zudem endlich wieder diverse grössere Blockbuster anlaufen, dürfte auch der Spätsommer und Herbst zu ihrer Zufriedenheit ausfallen.

Verkehrte Welt bei Badis und Hallenbädern

Eine einsame Schwimmerin im Freibad Letzigraben in Zürich.

Eine einsame Schwimmerin im Freibad Letzigraben in Zürich.

Alexandra Wey / Keystone (8. Juli 2021)

«Für Hallenbäder in Tourismusregionen war es ein Wahnsinnssommer», sagt Martin Enz, Geschäftsführer des Verbands Hallen- und Freibäder, dem rund ein Drittel aller Schweizer Badeanlagen angehört. Gegenüber dem Vorjahr betrage das Plus etwa 20 Prozent – gegenüber dem Sommer 2019 resultiere aber immer noch ein leichtes Minus. Freibäder haben dafür das Nachsehen: Im Vergleich zu den letzten beiden Jahren verzeichnen sie einen Rückgang.

Martin Enz, der selber ein Hallenbad in Pontresina GR betreibt, schätzt das Minus von Freibädern gegenüber 2019 auf etwa 30 Prozent. Das sei ein grosser Wermutstropfen, der finanzielle und personelle Aufwand sei wegen der Corona-Massnahmen schliesslich beachtlich. «Auch vom August erhoffen sich die Freibäder nicht mehr allzu viel. Die Wetterprognose sieht weiter durchzogen aus. Die Badis schielen daher schon auf den Sommer 2022.»

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