Sie sind günstig, gut – und brandgefährlich. Das meint zumindest die amerikanische Regierung. Gemeint sind die Produkte des chinesischen Telekommunikationskonzerns Huawei. Das Unternehmen verkauft in 170 Ländern Smartphones, Mobilfunktechnologie sowie IT-Infrastruktur für Firmenkunden. Je stärker die Umsätze des Konzerns wachsen, desto grösser wird der Ärger im Weissen Haus.

Die USA verdächtigen Huawei, als verlängerter Arm der chinesischen Geheimdienste seine westlichen Kunden auszuspionieren. Seit Monaten üben die Amerikaner Druck aus auf befreundete Staaten, beim Umbau ihrer Mobilfunknetze auf die 5G-Technologie keine Huawei-Komponenten einzusetzen. Mehrere Länder haben bereits eingewilligt oder andere Massnahmen ergriffen: Kanada verhaftete die Finanzchefin des Konzerns, Polen steckte den lokalen Huawei-Verkaufsdirektor wegen Spionageverdachts ins Gefängnis, und die britische Universität Oxford kündigte den Verzicht auf Fördergelder der Firma an.

Ganz anders die Schweiz: Mit Sunrise und Swisscom haben die zwei grössten Mobilfunkanbieter Huawei-Infrastruktur im Einsatz, und der Siegeszug der Chinesen geht auch im Jahr 2019 weiter.

Wie Recherchen der Redaktion CH Media zeigen, will mit dem Paul-Scherrer-Institut (PSI) jetzt eine der wichtigsten Forschungsinstitutionen des Landes (jährliches Budget: 390 Millionen Franken) neu Huawei-Produkte einsetzen.

Umfangreiche Einkaufsliste

Am 25. Januar gab das hauptsächlich vom Bund finanzierte PSI einem IT-Unternehmen aus dem Kanton Bern den Zuschlag für die Lieferung von Huawei-Technologie im Umfang von bis zu 20 Millionen Dollar über die nächsten fünf Jahre. Auf dem Einkaufszettel stehen Netzwerkinfrastruktur, Server, Speicher- und Sicherheitstechnologie und auch Software. Eine Sprecherin sagt auf Anfrage, mit der Beschaffung wolle das PSI die bestehende Kommunikationsinfrastruktur ersetzen und ausbauen.

Ein grosser Schritt. Bisher arbeiteten die 2100 PSI-Mitarbeiter bei ihren Projekten im Bereich Natur- und Ingenieurwissenschaften mit der Technologie des US-Herstellers Cisco. Vom Campus verbannt wird der amerikanische Hersteller wohl auch in Zukunft nicht: Das PSI hat parallel zur Huawei-Bestellung einen Auftrag für die Lieferung von CiscoProdukten vergeben. Laut der Sprecherin kann sich das Paul-Scherrer-Institut auf diese Weise «flexibel zwischen Huawei- und Cisco-Lösungen» entscheiden.

Sie betont: «Das PSI trifft laufend alle Vorkehrungen, um einen unerwünschten Datenabfluss irgendwelcher Art zu verhindern.» Das Forschungsinstitut arbeite auch mit dem Nachrichtendienst des Bun- des zusammen, um illegale Aktivitäten zu erkennen und abzuwehren.

Wie gross ist das Risiko?

Kein Verständnis für den Kauf von chinesischer IT-Infrastruktur hat der ehemalige Chef des Schweizer Nachrichtendienstes. Peter Regli, der zwischen 1991 und 1999 im Amt war, sieht in Huawei eine indirekt durch den chinesischen Staat kontrollierte Firma. Er halte die Beschaffung für problematisch: «Wenn Huawei seine Technologie beim PSI installieren kann, muss China keine Agenten mehr schicken.» Die Schweiz sei als einer der weltweit führenden Forschungsstandorte ein exponiertes Ziel für Geheimdienste. «Wenn man bedenkt, dass China die eigenen Bürger in Echtzeit überwacht, muss das schon beunruhigen.» Die Chinesen würden Neokolonialismus betreiben, der auch auf die Beherrschung der Kommunikationsnetze abziele. Natürlich bezeichneten Telekomfirmen wie Swisscom oder Sunrise den Einsatz von Huawei-Infrastruktur als weitgehend sicher, dahinter stünden aber geschäftliche Interessen.

Wie gross ist die effektive Gefahr, dass China den Auftrag des Paul-Scherrer-Instituts dazu nutzt, die Schweizer Spitzenforschung auszuspähen? Alexander Hermann, Managing Partner beim IT-Unternehmen Redguard, berät Grossunternehmen aus verschiedensten Branchen in Sicherheitsfragen und überprüft regelmässig Hard- und Softwarelieferungen auf sogenannte Hintertüren. Er sagt, selbst für Fachleute sei es oft schwer nachzuweisen, ob ein Produkt zu Spionagezwecken manipuliert wurde. «Bei Huawei besteht das Risiko auf jeden Fall. Es sind aber längst nicht alle Nutzer im gleichen Mass exponiert.» Der chinesische Konzern sei im Markt für Netzwerkinfrastruktur vor allem deshalb erfolgreich, weil seine Produkte den gleichen Funktionsumfang wie der amerikanische Konkurrent Cisco böten, aber wesentlich günstiger seien.

Vielleicht auch deshalb ist die Schweizer Politik gegenüber Huawei bedeutend wohlwollender eingestellt als die Amerikaner. Das Aussendepartement und das Bundesamt für Kommunikation sehen «keine konkreten Anhaltspunkte» dafür, dass beim Einsatz von Huawei-Produkten grundsätzlich ein Risiko besteht, wie sie in einer Stellungnahme festhalten. Eine Abmahnung aus Washington habe es bis jetzt keine gegeben.

Auf mehr Goodwill als in den USA darf Huawei auch im Parlament zählen. Angesprochen auf den Fall PSI, sagt der in IT-Fragen aktive Zürcher Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne), die Möglich- keit von Spionageangriffen bei Huawei sei zwar «durchaus real». Wer die Gefahr aber nur bei chinesischen Anbietern sehe, verdränge, dass auch die Amerikaner bei den eigenen Firmen Hintertüren einbauten.

Huawei Schweiz weist auf Anfrage alle Kritik von sich und fordert Ex-Geheimdienstchef Peter Regli auf, seine Aussagen mit Belegen zu untermauern. «Wenn ich mich richtig erinnere, ist Herr Regli schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr beim Nachrichtendienst», sagt Pressesprecher Felix Kamer. Huawei sei nicht wie von Regli behauptet eine staatlich kontrollierte Firma, sondern eine Aktiengesellschaft in Privatbesitz. «Der chinesische Staat hat keinen Einfuss auf Huawei», sagt er. Das Unternehmen habe auch noch nie von einer Regierung eine Anfrage erhalten, Hintertüren in seinen Produkten einzubauen. «Auch nicht von der chinesischen.»