Die Vorstellung des künftigen CS-Chefs Tidjane Thiam (52) in Zürich beginnt mit einem symbolischen Akt: Rainer E. Gut, Ehrenpräsident der Grossbank und Architekt der ersten Stunde, macht Thiam die Aufwartung. Verwaltungsrats-Präsident Urs Rohner wirkt leicht irritiert. Gut, «der Pate», wie er in Bankerkreisen genannt wird, gilt als Ziehvater Dougans. Sie grüssen sich. Die beiden haben sich lange nicht mehr gesehen.

Als Guts Protegé Dougan bereits vor rund 15 Jahren die Vermögensverwaltung der Credit Suisse in neue Rekordhöhen führte, hatte Tidjane Thiam mit ganz anderen Dingen zu kämpfen: Zu dieser Zeit flüchtete er aus seiner Heimat Elfenbeinküste. Im Dezember 1999 stürzte das ivorische Militär den Präsidenten und inhaftierte Teile der Regierung – der auch Thiam als Minister für Planung und Entwicklung angehörte. Während des Putsches war er im Ausland.

Als ihn die neue Militärregierung aufforderte, ins Land zurückzukehren, hätte Thiam nicht reagieren müssen. Er besass einen französischen Pass und hätte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in den USA bleiben können, wo er sich damals aufhielt. Doch er flog zurück. In einem Radiointerview mit dem britischen Sender BBC begründete er das später so: «Ich fühlte mich den Leuten verpflichtet, die für mich arbeiteten. Meine Assistentin ging während des Putsches, mitten in der Nacht, zu meinem Büro, um die Rebellen mit blossen Händen davon abzuhalten, es in Brand zu stecken. Ich hätte mich recht mies gefühlt, zu sagen, ich habe einen französischen Pass und muss nicht zurückkommen.»

Nach seiner Rückkehr wurde Thiam vom Militär unter Arrest gestellt. Später bot ihm General Robert Guéï, der durch den Putsch an die Macht gekommen war, einen hochrangigen Job in seinem engsten Beraterkreis an. Thiam lehnte ab und verliess das Land.

Ein Jahr später erhielt Thiam vom neuen Präsidenten Laurent Gbagbo, nach dessen Wahl es ebenfalls Ausschreitungen, Verletzte und Tote gab, das Angebot, Premierminister der Elfenbeinküste zu werden. Er lehnte abermals ab. Mit der gleichen Begründung, die er bereits dem General unterbreitete: «Gewalt hat in der Politik nichts zu suchen. Für mich ist das Leben heilig.»

Der neue CS-CEO Tidjane Thiam stellt sich vor

Der neue CS-CEO Tidjane Thiam stellt sich vor

Zwischen Afrika und Europa

Thiam war zu dieser Zeit Mitte 30 – und nachdem er seine Heimat verlassen hatte, arbeitslos. «Ich hatte keinen Job, keine Karriere, überhaupt nichts. Das hat mich eine Menge über mich selbst gelehrt. Wenn du in einer Situation bist, wo du nichts hast, gibt es nicht viel, vor dem du dich fürchten musst.» Das sei eine wichtige Erkenntnis aus dieser Zeit. Die zweite: «Man soll nie für einen schlechten Chef arbeiten.»

Während seiner Tätigkeit in der ivorischen Politik war Thiam massgeblich an der Privatisierung der Wirtschaft beteiligt. Bereits mit Anfang 30 übernahm er die Leitung einer Behörde mit 4000 Mitarbeitern, die entsprechende Programme vorantrieb. Dafür holte ihn der damalige Präsident persönlich von Paris in sein Heimatland. In Frankreich und in New York arbeitete Thiam Anfang der 1990er-Jahre für das Beratungsunternehmen McKinsey. Zuvor studierte er – als erster Ivorer – an der renommierten École Polytechnique in Paris.

Nach dem Putsch hatte Thiam zwar keinen Job mehr, aber er hatte Kontakte. McKinsey bot ihm eine Stelle an. Von 2000 bis 2002 arbeitete er als Partner in Paris, ehe er in die Versicherungsbranche wechselte.

Thiam ging zum britischen Konzern Aviva und durchlief dort mehrere Führungspositionen. 2007 wechselte er zum Londoner Versicherer Prudential, zunächst als Finanzchef, bevor er im Jahr 2009 die Leitung übernahm. Dort geriet er nach einer missglückten Übernahme erstmals in die Kritik. Die Aktionäre von Prudential verloren viel Geld. Thiam wurde von vielen persönlich dafür verantwortlich gemacht. Er selbst sagte dazu später: «Habe ich Fehler gemacht? Ja, sicher. Aber ich habe in guter Überzeugung gehandelt.» Und das Unternehmen sei sogar stärker aus der Situation heraus gekommen.

Auf die Generalversammlung sei er jedoch mit zwei Anzügen im Gepäck gegangen, gab er zu. Seine Security habe ihm das geraten, «denn irgendjemand wird ein Ei oder etwas Ähnliches nach dir werfen». Stattdessen bestätigten ihn die Aktionäre später mit 99 Prozent der Stimmen im Amt.

Absage an die Weltbank

Thiam hat nicht nur den Machthabern der Elfenbeinküste eine Absage erteilt, als die ihn für neue Aufgaben auserkoren hatten. Er gab auch US-Präsident Barack Obama einen Korb. Sein Stabschef im Weissen Haus, Jacob Lew, erklärte Thiam im Juli 2012, die USA, Frankreich und weitere Länder machten sich für ihn bei der Neubesetzung einer Schlüsselposition in der Weltbank stark. Thiam lehnte ab — und blieb stattdessen bei Prudential. Bis zum Juni 2015. Dann wird er Brady Dougan als CS-Chef ablösen.

Zu seinen Plänen für die zweitgrösste Schweizer Bank wollte sich Thiam noch nicht äussern. So viel wurde aber bereits deutlich: An Überzeugung für seinen neuen Job dürfte es dem charmanten Ivorer nicht fehlen.