Berlin

Tesla-Chef Elon Musk weckt mit seiner Gigafabrik die deutschen Autobauer aus dem Dornröschenschlaf

Elon Musk bei der Besichtigung der Baustelle seiner Gigafabrik in Grünheide.

Elon Musk bei der Besichtigung der Baustelle seiner Gigafabrik in Grünheide.

Der Bau der riesigen Tesla-Fabrik bei Berlin hat die deutschen Autobauer wachgerüttelt. Die Branche investiert stark in die Elektromobilität.

Der US-Elektroautohersteller Tesla ist eine verschwiegene Institution. So etwas wie eine offizielle Pressestelle gibt es nicht, auf der Website findet sich unter der Rubrik «Medien» eine allgemeine E-Mail-Adresse, die Medienanfragen ins Nirwana katapultiert. Wenn es Häppchen an Informationen über Tesla gibt, dann über den umtriebigen Firmenchef Elon Musk höchstpersönlich via Kurznachrichtendienst Twitter.

Vor den Toren Berlins, im brandenburgischen Grünheide, 50 Kilometer südöstlich der Hauptstadt, zieht Tesla im Rekordtempo seine europäische Gigafabrik hoch. Nach knapp einem Jahr Bauzeit soll hier ab Sommer das Modell Y, Listenpreis 45000 Euro, vom Band laufen. Eine halbe Million Stück pro Jahr, 12000 Mitarbeiter. Grünheide wird Teslas vierte Gigafabrik (nach Nevada, New York, Schanghai).

Es wird trotz fehlender Bewilligungen gebaut

Dass Tesla provisorisch baut, da das Gesamtprojekt noch nicht definitiv bewilligt ist – halb so wild. Dass etliche Anwohner gegen den Bau protestieren, weil sie um die Idylle fürchten und um ihr Trinkwasser und die Natur, Musk beeindruckt das wenig. Die Bewilligungen werden schon folgen – auch, weil die Augen der Politiker leuchten, wenn sie von Tesla und den positiven Folgen für die Wirtschaft und die Steuerkassen sprechen.

Vielleicht gibt es in der Grünheide doch so etwas wie einen Pressesprecher. Wenn auch keinen von Tesla bezahlten. Albrecht Köhler, 33, Krankenpfleger aus dem nahen Erkner, ist Tesla-Fan durch und durch. Seitdem der Musk-Konzern die Bäume in der Grünheide für das Fabrikgelände abgeholzt hat, dokumentiert er das Wachstum dieser Fabrik akribisch mit seiner Drohne. Er weiss alles über den Milliardär Musk und Tesla, über die Giesserei, das Lackierwerk, die Modelle des Elektroautokonzerns. Alle Baufortschritte hält er auf seinem Twitteraccount Giga Berlin/Gigafactory4 fest. «Hier wird Geschichte geschrieben», sagt Köhler. Die verschlafene Region wird zum Leben erweckt, Köhler träumt von einer Art brandenburgischem Silicon Valley.

Die Ansiedlung des US-Konzerns zeigt schon erste Wirkung. Die Bodenpreise in der Region steigen, Investoren aus aller Welt erkundigen sich nach Bauflächen. Ein Mann wie Elon Musk fasziniert Köhler – einer, der zum Mars fliegen will und Elektroautos produzieren liess, als die deutschen Autobauer noch an der Diesel-Technik feilten.

Dass der US-Konzern ausgerechnet im Wohnzimmer der deutschen Vorzeigeindustrie mit seinen insgesamt mehr als 800000 Arbeitsplätzen seine Elektroautofabrik hinpflanzt, hat die Autobauer von VW, BMW und Daimler aufgerüttelt. Auch die Bundesregierung hat im letzten Herbst beschlossen, die Produktion von umweltfreundlichen Elektroantrieben mit grosszügiger Kaufprämie und steuerlichen Anreizen zu fördern. Bis 2030 sollen sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge in Deutschland zugelassen sein, gleichzeitig sollen bis dahin eine Million Ladepunkte zur Verfügung stehen.

Die Förderung der Elektromobilität bleibt nicht ohne Wirkung. Laut einer McKinsey-Studie wird Europa in den nächsten Jahren zum «Hotspot» der Elektromobilität. Der Verkauf von Elektroautos und Plug-in-Hybriden ist 2019 in Europa um 44 Prozent auf 600000 Fahrzeuge gestiegen. Der Anteil der deutschen Hersteller an der weltweiten Elektroautoproduktion soll gemäss der Studie von 18 Prozent (2019) auf 29 Prozent im Jahr 2024 steigen.

Auch Zulieferbranche profitiert

«Die Tesla-Ansiedlung ist gut für die deutsche Autoindustrie und gut für Deutschland», sagt der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research in Duisburg. «Tesla weckt die deutschen Autobauer aus dem dieselbetriebenen Dornröschenschlaf. Auch unsere Zulieferindustrie wird schneller auf Elektroantriebe umstellen, wovon unsere Autobauer ebenfalls profitieren. Wir gewinnen dank Tesla an Geschwindigkeit.» Dudenhöffer geht davon aus, dass bis ins Jahr 2030 60 Prozent der produzierten Fahrzeuge rein elektrisch betrieben werden.

Vor dem Tesla-Fabrikgelände herrscht Hochbetrieb. Lastwagen an Lastwagen fährt auf die Baustelle, von den 300 Hektaren ist etwa ein Drittel bebaut. Albrecht Köhler kennt die Vorbehalte einiger Anwohner und Umweltschützer gegen das Projekt – er macht die DDR-Vergangenheit für den Abwehrreflex einiger älterer Bewohner der Grünheide dafür verantwortlich. Das Schweigen des Konzernchefs, das Bauen mit nur provisorischen Bewilligungen, das Tempo, wie die Fabrik trotz Vorbehalten der Menschen hochgezogen wird. Köhler meint: «Tesla ist natürlich für viele auch ein Symbol für den amerikanischen Turbokapitalismus.» Vor dem wurden sie über Jahre vom kommunistischen Regime gewarnt. Jetzt haben sie ihn vor der eigenen Haustüre.

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