Terror in Paris

Terror als Kaufsignal: Wieso die Anschläge von Paris die Börse kaltlässt

Die US-Börse seit den Anschlägen vom 11. September. (S&P 500 Index)

Die US-Börse seit den Anschlägen vom 11. September. (S&P 500 Index)

Die Anschläge in Paris mögen für die Behörden ein Weckruf sein, nicht aber für die Börsen. Sie haben kaum mit der Wimper gezuckt. Denn Geld schläft nicht, es rechnet ständig, auch mit Terror.

Am Mittwochmorgen lieferte sich die französische Polizei in Saint-Denis nördlich von Paris Feuergefechte mit den Drahtziehern der Anschläge vom Freitag. Europa ist in Alarmbereitschaft, die Sicherheitsmassnahmen werden verschärft. Am Donnerstag führte die belgische Polizei Razzien in Brüssel durch, darunter in Molenbeek. Dass gerade ein schlechter Stadtteil zum Terroristennest verkam, überrascht nicht: Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Anzahl Bürger, die bei Söldnertruppen wie dem Islamischen Staat (IS) anheuern, ist statistisch signifikant.

«Wir leben seit 15 Jahren damit»

Die Attentate lösten eine Welle der Solidarität aus. Die Stimmung liess Erinnerungen an die Anschläge vom 11. September 2001 in New York wach werden. Die Nerven liegen blank.

Überall, nur nicht an den Börsen. Die Seismografen der Finanzmärkte haben seit den Anschlägen kaum mit der Wimper gezuckt. Der S&P 500, der wichtigste US-Aktienindex, zeigte sich unbeeindruckt und legte seither gar zu (vgl. Grafik). «Wir leben seit mindestens 15 Jahren mit dieser Situation, sagt Michael Leithead, Portfoliomanager von EFG Asset Management gegenüber der «Nordwestschweiz».

Die US-Börse seit den Anschlägen vom 11. September.

Die Volatilität (die Schwankungsbreite der Aktienkurse) ist ein Mass für die Verunsicherung der Investoren. Auch hier: Nichts Auffälliges, schon gar nicht Panik. Dass die Angriffe nicht zu mehr Volatilität führten, signalisiert für die liechtensteinische Bank LGT, dass die August-Korrektur an den Börsen im Zuge der Wachstumssorgen in China bereits abgeschlossen ist. Es bedürfe inzwischen offenbar noch grösserer Schocks, um die Märkte wieder zum Entgleisen zu bringen.

Ein weiterer Hinweis, dass sich die Angst unter Anlegern in Grenzen hält, ist der Goldpreis. Er fiel mit 1063.55 Dollar/Unze auf den tiefsten Stand seit Februar 2010. Das ist ökonomisch erklärbar: Die erwartete US-Zinserhöhung im Dezember macht Gold, das keinen Zins abwirft, uninteressanter. Doch Gold gilt als Zufluchtsanlage in Krisenzeiten schlechthin. Wären die Anleger in Panik, hätte der Preis des Edelmetalls angezogen.

Die letzten Jahre hätten gezeigt, dass Gesellschaften und Märkte mit einem gewissen Mass an Unsicherheit und Terror leben könnten, erklärt LGT. Die Finanzmärkte hätten offenbar eine minimalistische Sicht der Dinge angenommen. Solange sich die geopolitische Konsequenz der Attacken nicht als eine erweise, die alles noch schlimmer mache, erwarteten die Märkte gar eine positive Entwicklung.

Traden trotz Terror

Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center krachten, wurde der Handel in New York sofort ausgesetzt, die Börse blieb fünf Tage geschlossen – die längste Handelsunterbrechung seit dem 1. Weltkrieg. Es lässt sich nur darüber spekulieren, mit welchen Verlusten sie am Tag danach wieder geöffnet hätte. Einen Hinweis liefern andere Handelsplätze: Die Deutsche Börse etwa verlor rund zehn Prozent. Die Märkte erholten sich dann aber weltweit schnell. Und die Zentralbanken erwiesen sich – wie nach der Finanzkrise von 2008 weit mehr – als Retter in der Not: Die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Notenbank, die Bank of Japan und die Schweizerische Nationalbank führten den Märkten umgehend zusätzliche Liquidität zu.

Seither scheinen Händler Terror gut wegzustecken. Die Reaktionen auf die Anschläge von Madrid, London, Boston und nun Paris fielen weit geringer aus. Die Kurse reflektieren das Bewusstsein, dass es das immer wieder geben kann. Und dass im Ernstfall Verlass ist auf die Notenbanken.

Im Gegenteil, fallende Kurse sind für viele Investoren auf der Suche nach Titeln, deren Preis zu tief gefallen ist im Verhältnis zum Wert dahinter, eine Einstiegsgelegenheit. Es gilt offenbar noch immer das Motto, das dem englischen Baron Nathan Mayer Rothschild aus dem 18. Jahrhundert zugeschrieben wird: «Kaufe, wenn Blut auf der Strasse ist.» Aktien von Unternehmen der Rüstungsindustrie und für Wehr- und Sicherheitstechnik waren Anfang Woche besonders gefragt: BAE Systems, Cobham, Rheinmetall, Thales und Zodiac.

Wie gering die Angst der Märkte vor Terror ist, zeigt der Einbruch des S&P 500 in der Finanzkrise. Der Bankrott der Investment Bank Lehman Brothers im September 2008 war für sie der grösste anzunehmende Unfall, der GAU. Selbst die Reaktionen auf die Anschläge von 2001 nehmen sich dagegen aus wie Tagesschwankungen.

Mehr als auf Terror reagieren Anleger auch auf die Geldpolitik. Die drei Wertschriftenkaufprogramme, mit denen die US-Notenbank von 2009 bis 2014 Billionen von Dollar in die Märkte pumpte, haben die Börsen in vier deutlichen Schüben aus dem Tiefststand gehievt und damit eine der längsten Haussen der Geschichte angeschoben. Das billige Notenbankgeld hat die Märkte sediert und bis zu einem gewissen Grad immun gemacht.

Komfortzone Geldpolitik

Die Notenbanken sind auch jetzt weit davon entfernt, zu restriktiver Geldpolitik zurückzukehren. Zwar dehnt das Fed seine Bilanz seit 2014 nicht mehr weiter aus. Doch 2012 sprang Japan in die Bresche und diesen März begann die EZB ihr massivstes Kaufprogramm, mit dem sie jeden Monat 60 Milliarden Euro druckt. Beruhigend, ganz gleich, was kommt.

Freilich, es gibt auch fundamentale Gründe, warum die Märkte robuster sind als 2008: Die US-Wirtschaft brummt, das Fed dürfte im Dezember die erste Zinserhöhung seit Ausbruch der Krise beschliessen. Die Eurozone ist zudem in besserem Zustand als vor 7 Jahren. Insbesondere sind die Ansteckungsgefahren zwischen den Staaten gesunken. Denn die nationalen Grossbanken haben die Positionen an Schuldtiteln anderer Staaten, vor allem Griechenlands, abgebaut.

Doch wie 2007, als die Rekordjagd an den Börsen in vollem Gange war, könnten die Märkte auch jetzt ihre Unverwüstlichkeit überschätzen. Viel wird davon abhängen, wie die Staatengemeinschaft den Krieg gegen den IS zu eskalieren gedenkt. Bodentruppen wie 2003 im Irak würden die Märkte kaum begrüssen. Die damalige Invasion wird als eine Ursache für die Entstehung des IS gesehen. Und was es auch sein wird: Es wird die Ausgaben der Staaten erhöhen, aber nicht für Bildung und Forschung und für jenes Wachstum, das Europa endlich bräuchte. Paris hat bereits jetzt der EU-Kommission klargemacht, der Kampf gegen den Terror werde die Budgetvorgaben sprengen.

Grafik: Elia Diehl

Infografik/Facts: Börsenreaktion auf Terror

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