Er wolle hart gegen «Schwarze Schafe» vorgehen, für einen «griffigen Jugendschutz» sorgen, den Wettbewerb wieder «transparent» machen. Das war die Botschaft, die der Aargauer SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner 2006 an einer gut besuchten Pressekonferenz den Medien präsentierte.

Als erster Präsident des damals unbekannten Vereins SAVASS (Swiss Association Value Added Services) legte sich Transportunternehmer Giezendanner für die Mehrwertdienste (u.a. 0900er-Nummern) der Informatik-Branche gehörig ins Zeug.

Die Mehrwertnummern-Szene war über die Jahre durch schummrige Telefonsexangebote völlig in Verruf geraten. Jahrelang zockten Protagonisten der Branche mit diversen Tricks ihre Kunden ab, bis der Ruf derart ruiniert war, dass die Gründung eines Lobby-Verbandes nötig wurde.

Präsident kannte Strippenzieher nicht

Schon beim ersten Anlass war klar, dass die treibende Kraft hinter der Gründung von SAVASS Philippe Gilomen war. «Wenn bis anhin von schwarzen Schafen in der Branche die Rede war, dann meinte man in aller Regel Philippe Gilomen», wusste die «Weltwoche» damals zu berichten. Gegenüber der «Weltwoche» meinte Giezendanner damals, er kenne Gilomen nicht.

Dabei war Philippe Gilomen seit den 90er-Jahren eine grosse Nummer im Telefonsex-Geschäft, für die «Werbewoche» galt er als «Telefonsexkönig» der Schweiz.

Zusammen mit dem Geschäftspartner und begeistertem Hobbyphilosophen Rolf Glogg (54) gründete Philippe Gilomen (42) 1997 die Televox AG - mit dieser Firma starteten sie so richtig durch.

2001 kam die Telebilling AG hinzu. Sie macht von der Rechnungsstellung bis zum Inkasso alles selbst. Gilomen behauptete keck, die Angebote der Telebilling hätten beim Endkunden «grosse Beliebtheit» erlangt.

Millionengewinne in kurzer Zeit

Bereits ein Jahr nach Gründung der Televox erzielte Gilomen einen Nettoerlös von 1,5 Millionen Franken. Im Geschäftsjahr 1999/2000 fuhr er schon mehr als das Vierfache ein: 6,4 Millionen Franken standen bei Gilomen und Partnern zu Buche. Wie Akten zeigen, die az vorliegen, gab er damals Ende 2000 einen Gewinn von 808'000 Franken an.

Doch der Erfolg hatte seine Schattenseiten: Während Jahren wurde über Gilomens Geschäftsmodelle in der Presse berichtet. Oft ging es um verärgerte Kunden, die sich von den «Angeboten» verschaukelt fühlten oder mitunter falsche Rechnungen erhielten. Auch von angeblichem Spamversand per Handy war die Rede.

Nach dem PR-Coup mit der Gründung der Mehrwertnummern-Lobby verkündete Gilomen auf einer seiner Website die frohe Botschaft: «Wir respektieren die gesellschaftlichen Werte und besonders den Jugendschutz und halten uns an den Ehrenkodex von SAVASS».

Strafanzeige wegen Facebook-Werbung

Doch auch nach dieser Gründung riss die Berichterstattung über seine Geschäfte nicht ab. Weil er mit seiner Televox für Sexwerbung auf dem Zürcher Sender «StarTV» mitverantwortlich war, deren Angebote auch von Minderjährigen ohne grosse Schutzmassnahmen bestellt werden konnten, verurteilte ihn das Bezirksgericht Zürich wegen Pornographie zu einer Geldbusse von knapp 5000 Franken. Das Obergericht änderte 2008 die Strafe ab: Er wurde nicht mehr wegen Pornographie sondern der «Nichtverhinderung einer strafbaren Veröffentlichung» mit 4950 Franken gebüsst. Gilomen zog das Urteil ans Bundesgericht weiter, blitzte dort jedoch ab. Das Verdikt ist rechtskräftig.

Doch die Trickserei der Gilomen-Truppe ging weiter, unter anderem warb sie auch auf Facebook mit Angeboten im Graubereich. Anfang 2011 reichte die Lotterie- und Wettkommission (Comlot) eine Strafanzeige gegen Gilomens Telebilling ein, wie Comlot-Sprecher Manuel Richard az bestätigte. Dieser Vorfall dürfte das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

Still aus Vorstand verschwunden

Denn wenige Monate später verschwand Philippe Gilomens Konterfei still von der Website von SAVASS. Auf Anfrage bestätigte Ulrich Giezendanner, dass Gilomen nicht mehr Vorstand des Vereins sei, über die Gründe schwieg er sich aus.

Philippe Gilomen bestätigte, dass er nicht mehr im SAVASS-Vorstand sitze und meinte weiter, ein wesentlicher Geschäftsbereich seiner Firmengruppe stellte die Geschäftsaktivitäten ein.

Er fühlt sich als Opfer der Presse : «Durch die massiven negativen Medienkampagnen gegen meine Person und u.a. gegen die SAVASS habe ich mich aus freiem Willen entschlossen, aus dem Vorstand zurückzutreten um die wichtige Vorstandsarbeit der SAVASS zu schützen, insbesondere den Ehrenkodex. Eine Tochtergesellschaft unserer Firmengruppe ist weiterhin Mitglied der SAVASS.»

Wandel zum Kampfverband

Der rechtlich unverbindliche «Ehrenkodex» ist schon lange nicht mehr im Fokus des Vereins, glaubt man dessen letzten Verlautbarungen.

Ulrich Giezendanner charakterisierte SAVASS Ende 2010 so: «Der Wandel zu einer Kampforganisation ist jetzt vollzogen. Und das ist richtig so: Nur als unerschrockener, starker und aggressiver Interessenwahrer kann SAVASS für neue Mitglieder attraktiv sein.»